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„M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ gehört zu den besten 100 Filmen aller Zeiten (Platz 56 laut Sight & Sound Poll 2012), ist einer der ersten deutschsprachigen Tonfilme, überhaupt Fritz Langs erster Tonfilm, einer der ersten Filme mit einem Serienkiller als Gegenstand. Fritz Lang zeigt uns, wie eine ganze Großstadt einen Killer sucht und verurteilt. Mag er nun Distanz gewahrt haben, seine Bilder tun es jedenfalls nicht: ungewöhnlich für die damalige Darstellung waren die vielen Großaufnahmen von Gesichtern. Dieses Meisterwerk war im Dezember 2013 in einer restaurierten Fassung und Kino-Neuaufführung in Wien zu sehen. Diesen Umstand haben wir uns zum Anlass genommen und wollen den im Jahre 1931 erschienen Film an dieser Stelle besprechen.

YP: Sehr atypisch am Film ist – es gibt keinen besonderen Protagonisten, sondern viele Darsteller.

PD: Mir schien, dass Lang eher an einer Dokumentation über die Stadt interessiert war, den schlicht an einem Gut-Böse-Thriller. „Berlin. Eine Großstadtsinfonie“ frei nach Lang.

YP: Eine finstere Großstadtsinfonie wohl eher!

PD: Finster, ja, aber das ist wohl sicher auch gewollt. Der politische Hintergrund wird immer wieder gerne betont und wenn man den Film im Einklang mit den politischen Ereignissen in Deutschland sieht, dann kann man „M“ sehr einfach in Verbindung zur zusammenbrechenden Weimarer Republik setzen.

YP: Oder: In der Dämmerung zum Nationalsozialismus. Die Menschen im Film sind so voller Wut …

PD: … und Angst.

YP: Das Eine führt zum Anderen … Mir hat das Bestreben nach Selbstjustiz Angst gemacht. Wir leben in einer Gesellschaft, in der dieser Zugang bzw. Umgang nicht mehr so üblich ist bzw. geregelter ist. In Amerika wiederum sieht das heutzutage auch noch anders aus.

PD: Einerseits gefällt mir an „M“, dass er eben dies sehr deutlich zu Tage treten lässt. Die Massenhysterie und wie die Bevölkerung auf eine schleppende polizeiliche Ermittlung reagiert, alles selbst in die Hand nimmt. Da legt Lang bereits für Jahrzehnte fest, wie Serienkillerthriller á la „Zodiac“ ablaufen werden. Doch, ich widerspreche. Der Zugang zur Selbstjustiz ist auch heute noch sehr tief in unserer Gesellschaft drinnen. Dafür gibt es immer wieder traurige Beispiele. Das ist nichts rein Amerikanisches.

YP: Die Grenzen zwischen Exekutive und Judikative scheinen aufgehoben. Lang räumt der Unterwelt genauso viel Raum ein wie dem Polizei-Apparat.

PD: Was die Grenze zwischen Exekutive und Judikative angeht: Da wurde ja auch gut gezeigt, wie die Polizei einerseits von halbgaren Hinweisen überschwemmt wird und andererseits keine wirklich sinnvolle Hilfe von der Bevölkerung erwarten konnte. Auf der anderen Seite, das organisierte Verbrechen, welches auf eigene Faust eine Hetzjagd veranstaltete. Die konnten sich natürlich über Regeln hinweg setzen.

YP: Nein, du hast mich missverstanden. Natürlich ist Selbstjustiz eine universelle Regung des Menschen. Wie auch immer. Das ist nichts rein Amerikanisches. Was ich ungünstig formuliert habe, ist: Die Welt, in der die Figuren im Film leben, ist weniger reguliert. Ich tue mir schwer diesen Gedanken in Worte zu fassen. Lang zeigt eine Gesellschaft, die 10 Jahre später die Mitschuld an der Hetze und am Mord von Millionen von Juden trägt. Diesen Beigeschmack hat der Film. Da wir in einer Gesellschaft leben, für die das heute unvorstellbar ist. Bzw. passé. Vergangenheit, die man hinter sich gelassen hat.

PD: Wie schon erwähnt, darin sehe ich eine große Stärke des Films. Die Darstellung einer in sich zusammenbrechenden politischen Ordnung. Nur so ist auch zu erklären, wie sehr sich die organisierten Verbrecher „geruhsam“ auf die Jagd nach dem Kindermörder machen können, denn der Glaube der Bevölkerung an die Macht des Polizeiapparats ist dahin. Natürlich sind die Motive der Bordellbesitzer etc. viel handfester, was ja auch schön gezeigt wird. Wenn die Polizei Razzien durchführt und so nebenbei andere „Geschäfte“ stört, dann haben die Organisierten keine Ruhe und nur deshalb machen sie sich auf die Suche.

YP: Das ist zweifelsohne die Stärke des Films. Ich fand es beängstigend und besonders effektiv, gänzlich ohne Effekthascherei.

PD: Was mich jedoch weniger begeisterte, war die „Organisation der Bettler“. Das fand ich immer schon sehr unglaubwürdig und auch ein wenig an den Haaren herbei gezogen. Erst durch die Lektüre der Graphic Novel „M“ von Jon Muth, in der erwähnt wird, dass es eine derartige Organisation tatsächlich gab, hat sich dieser Kritikpunkt in Luft aufgelöst.

YP: „M“ ist eine der ersten deutschen Tonfilmproduktionen, Langs erster Tonfilm. Davor hat er sich einen Namen als Stummfilmregisseur gemacht. Findest du, dass sieht man dem Film an? Für mich ist es eher beeindruckend, wie er den Übergang zum Tonfilm schafft. Wobei der Film einige komplett stumme Szenen beinhaltet.

PD: Darauf wollte ich auch schon zu sprechen kommen. Das war zwar die erste Tonfilmproduktion, allerdings, wie bei anderen (etwa US-Filmen) dieser Zeit, die den Übergang von Stumm- zu Tonfilm machten, ist gerade dieser Kontrast sehr schön. Hätte „M“ nicht diese stummen Szenen, dann würden sie vielleicht gar nicht so intensiv und stimmungsvoll wirken. Dass sich viele Szenen stumm abspielen, macht einen Teil ihrer Wirkung aus. Selbst wenn Lang das nur „passiert“ ist und gar nicht so geplant war. „Dracula“ von Tod Browning hat etwa auch einige stumme Szenen mitten im Tonfilm. Auch sehr stimmungsvoll.

YP: Aber wirklich stumm waren Stummfilme ohnehin nie.

PD: Umgangssprachlich kann man „Stumm“ dazu sagen, aber natürlich waren sie nie komplett stumm. Etliche Billigproduktionen aus den USA, die heute gemeinfrei verfügbar sind, sind ja auch Zeugen davon, wie der Wechsel vom Stumm- zum Tonfilm, eine Herausforderung für viele Darsteller war. Der Dialog wird oft gestelzt und völlig unrealistisch intoniert.

„M“ mag da zwar auch gerade am Beginn einer Entwicklung gestanden haben, aber man hat nie das Gefühl ein falsches Wort oder eine falsche Betonung zu hören.

YP: Ach, die Sprache im Film. Das ist auch ein interessanter Punkt. Heutzutage machen die meisten Schauspielerinnen und Schauspieler eine Sprachausbildung, das Gesprochene in Filmen unterscheidet sich oft stark von der Alltagssprache. Die Sprache ist klarerweise ein Merkmal. Ich hatte gelegentlich Schwierigkeiten, die Dialoge – von denen es glücklicherweise nicht allzu viele gab – zu verstehen. Jeder Darsteller bzw. Charakter spricht einen anderen Dialekt. Vielleicht steht das für die sprachliche Vielfältigkeit der damaligen Millionenstadt Berlin. Ehrlich gesagt denke ich eher, daran ist kein Gedanke verschwendet worden. Schließlich wurden diese Aspekte in Stummfilmen nicht berücksichtigt.

PD: Eventuell ist das aber auch der intensiven Recherche von Fritz Lang und seiner Frau Thea von Harbou zu verdanken, dass die Darsteller auch so sprachen, wie ihnen „der Schnabel gewachsen“ war. Gute Filmemacher schaffen es ja, einen authentischen Klang zu vermitteln. Etwas, dass in aktuellen Produktionen im deutschsprachigen Raum leider viel zu selten zu hören ist. Bei den „wichtigen“ Charakteren hingegen, ist es schon eine klare, ein wenig hheaterhafte Sprache. Ob Peter Lorre oder Gustaf Gründgens, die haben ein sehr klares und beinahe bühnenhaftes Deutsch, was aber nicht stört. Ihre Charaktere werden ja auch nicht als „Berliner Typen“ präsentiert, die dürfen dann schon auch etwas geschliffener sprechen. Zumindest was die Aussprache angeht. Die Mutter zu Beginn des Films habe ich aber auch kaum verstanden, erst beim zweiten Anlauf war mir klar, was sie sagt.

YP: Und dieses Stakkato-Deutsch einiger Figuren. Das hat sicher nicht zum Positivbeispiel der deutschen Sprache im Ausland beigetragen.

PD: Na als Image-Film dient „M“ ohnehin nicht. Eher als Beispiel hoher Filmkunst. Zum Glück ging es Lang nicht darum, die Menschen in Berlin offensiv positiv darzustellen.

Alleine die Szene mit dem kleinen Kind, welches den Herrn nach der Uhrzeit fragt und dem darauf sich zusammen rottenden Mob, der den Herrn beinahe ermordet, ist nicht gerade dazu geeignet, um Tourismuswerbung zu betreiben.

PD: Wo steht „M“ im Vergleich zu anderen Filmen von Fritz Lang für dich?

YP: Hm, das ist eine gute Frage. Doch einer seiner bedeutendsten Filme. Neben „Metropolis“. „M“ ist wohl sein wichtigster Film.

PD: „Metropolis“ halte ich bis heute nur in ausgewählten Abschnitten aus. Die Ambition und der Einfluss des Filmes auf das Sci-Fi-Genre in allen Ehren aber so wirklich gefallen hat mir „Metropolis“ noch nie. „M“ ist sicher sein wichtigster und womöglich bester Film, auch wenn ich den zweiteiligen „Dr. Mabuse“ da auch sehr hoch einschätze. Von seinen US-Produktionen kenne ich leider zu wenige. „Die Nibelungen“ finde ich auch ganz toll.

YP: Lange war Lang für mich DER Stummfilmregisseur.

PD: Stimmt. Ich verbinde ihn auch sehr mit seinen großen Stummfilmen, die er in Deutschland drehte.

YP: Das Emigrieren und die USA-Filme sind in meiner Lang-Rezeption hintergründig für mich.

PD: Die Emigration. Das ist ein Punkt der beim Durchsehen der Lang-Biographie zwar vorkommt aber den ich kaum wirklich bewusst vor mir habe, wenn ich einen seiner Stummfilme sehe. Ganz im Gegensatz zu Hauptdarsteller Peter Lorre. Bei ihm denke ich sofort daran, dass er nach „M“ in die USA floh und nach seiner Rückkehr den unterschätzten „Der Verlorene“ gedreht hat. Da ist das viel offensichtlicher, für mich.

YP: Ich habe die restaurierte neue Fassung im Actor’s Studio gesehen im Dezember. Die Fassung wurde so gut es ging an die Weltpremiere restauriert, aber es gibt die Originalversion nicht mehr, es wurde so oft geschnitten und was verändert!

PD: Ein echtes Lang-Schicksal. Auch „Metropolis“ ist ja bis heute nicht in seiner Ur-Fassung zu sehen, zu oft wurde daran herum geschnitten und gedoktert. „M“ litt auch unter dem Verbot, welches durch die NSDAP auferlegt wurde und als der Film wieder erlaubt wurde, wurde auch entsprechend daran herum gearbeitet, ohne Langs Einverständnis.

YP: Fritz Lang war übrigens Wiener. Auf jeden Fall lag sein ehemaliges Wohnhaus in der Nähe meines Studentenwohnheims, wo ich fast täglich vorbeigekommen bin.

PD: Stimmt. Habe ich ganz vergessen. Er hat in Österreich keine großen Filme gedreht, wie etwa Michael Kertesz (Michael Curtiz). Lang sehe ich vor allem als deutschen Filmemacher, wohl auch wegen „M“, der mehr als jeder andere Film Berlin porträtiert. Mehr noch als Ruttmanns „Berlin.

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