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In unserer Jubiläumsausgabe und dem 10. Dialog widmen wir uns der heißgeliebten BBC-Serie „Sherlock“. Einleitend soll gar nicht viel vorweggenommen werden, es geht hauptsächlich um eine Nachbesprechung der dritten Staffel, aber auch um persönliche Zugänge und Lesarten. Spoiler können nicht ausgeschlossen werden, wurden aber auf ein Minimum reduziert.

PD: Wann war deine erste Begegnung mit Sherlock Holmes?

YP: Meine erste Begegnung mit Sherlock Holmes war während meiner Schulzeit. Irgendwann als Teenager. Bestimmt habe ich schon vorher was gehört, aber damals bekam er Konturen und wurde ein Begriff. Dann mit 15 oder so, mussten wir „The Hound of the Baskervilles“ als Vorbereitung für ein Theaterstück im Vienna‘s English Theatre lesen. Und deine erste Begegnung mit ihm?

PD: Als Schulkind konnte ich noch relativ wenig damit anfangen aber durch ständige Verweise in Zeichentrickserien wurde das langsam immer konkreter. Schließlich war es dann als Teenager (ich glaube mit 12 oder 13 Jahren) der Film „The Hound of the Baskervilles“ aus dem Jahr 1959 mit Peter Cushing als Holmes und Christopher Lee als Graf, der mein Bild von Sherlock ziemlich einzementierte. Dank der Hammer-Studios musste von da weg ein Sherlock-Film immer in satten Farben und mit viel Grusel präsentiert werden.

YP: Vor ein paar Jahren habe ich im Rahmen eines Uni-Seminars fast alle Geschichten gelesen, das war noch vor den Guy Ritchie-Verfilmungen. Im Herbst 2011 bin ich dann in einem Artikel auf den neuen BBC-Sherlock aufmerksam geworden. Witzig war, was ich mir aufgrund des Fotos mit Freeman und Cumberbatch gedacht habe: Ein sehr atypischer Sherlock. Und so jung. Das hat meine Aufmerksamkeit erregt. Und seitdem vergehen kaum Monate, wo ich mich nicht mit dem Stoff befasse, die Serie schaue, oder die Geschichten von Sir Arthur Conan Doyle lese.

PD: Die Geschichten kenne ich noch viel zu wenig. Irgendwann habe ich dann die „Baskervilles“-Geschichte gelesen, einige kürzere Stories als Hörbuch oder Hörspiel kennen gelernt aber zunächst waren da noch einige billige Sherlock-Adaptionen und schließlich der Guy Ritchie-Film, der mir im ersten Moment ganz gut gefiel. Zumindest was die Paarung Robert Downey Jr. und Jude Law angeht. Die beiden machen ihre Sache schon ganz gut, aber nichts auf der Welt könnte mich in einen weiteren Sherlock-Film von Ritchie schleifen.

Als ich erstmals den Teaser für die BBC-Adaption sah, war ich ein wenig skeptisch, da mir die Versetzung von John Watson in die aktuellen Kriegsgebiete ein wenig arg platt und aufgesetzt erschien. Das war auch bei Ansicht der Pilotfolge noch so. Mir wirkte das zu bemüht modernisiert, aber es entwickelte sich sehr natürlich und alles griff flott ineinander. Dass Freeman einen modernen Watson spielt, so wie Cumberbatch einen modernen, jungen und sozial völlig unangepassten Sherlock, hat natürlich geholfen. Da haben Mark Gattis und Stephen Moffat genau die richtigen Kniffe gefunden, um die Charaktere in die Gegenwart zu transportieren. Deshalb war ja auch für mich die Wartezeit zwischen Staffel 2 und Staffel 3 so unerträglich lange …

YP: „The Reichenbach Fall“, also die letzte und dritte Folge der 2. Staffel habe ich mir Monate aufgehoben. Alle drei Folgen dieser Staffel sind im Jänner 2012 rausgekommen und ich habe die letzte Folge irgendwann im April oder Mai gesehen. Hast du eine Lieblings-Staffel bisher?

PD: Schwer zu sagen. Mir gefallen einzelne Episoden zum Teil besser, denn der Allgemeinheit. Meine nostalgische Verbundenheit zur Baskerville-Geschichte ist ein Grund, weshalb ich „The Hounds of Baskerville“ aus Staffel 2 sehr hoch einschätze. Höher als manch anderer. Mir gefällt aber vor allem das Muster, welches sie sich zurechtgelegt haben, Episode 1 – „A Scandal in Belgravia“ baut den Handlungsbogen und den Bösewicht auf, dann gibt es „zur Entspannung“ einen von diesem Haupthandlungsbogen völlig losgelösten Fall und in der letzten Episode kehrt man zum Hauptbösewicht zurück und löst alles auf. Dieser Aufbau der bislang drei Staffeln gefällt mir ganz gut. Mein liebster Cliffhanger ist aber jener von Staffel 1 auf Staffel 2. Da ist noch nicht wirklich klar, wie verrückt Moriarty wirklich ist.

YP: Und ich finde, das fehlt der letzten Staffel gänzlich. Ein ordentlicher Bösewicht. Es gibt keinen! Was mich am Ende der zweiten Staffel so gestört hat – nicht, dass ich für eine Sekunde angenommen habe, sie lassen Sherlock tatsächlich sterben – ist, dass sie Moriarty sterben lassen. Was ist ein Held ohne seinen ebenbürtigen Widersacher. Und Andrew Scott hat das so gut gemacht. Mein Problem mit der 3. Staffel ist ohnehin, die Ereignisse scheinen sich zu überschlagen. Vergessen wir nicht, dass es sich um einen Detektiv handelt. Ich habe nichts dagegen, wenn er Fälle tatsächlich auch löst. Hat das noch in “The Sign of Three“ – gut in die Hochzeitsgesellschaft eingebaut – funktioniert, in „His Last Vow“ kommt mir das alles etwas plump vor.

PD: Plump würde ich nicht sagen, aber man bemerkt richtig die Bürde, der alles auflösenden letzten Episode. Die Staffeln funktionieren ja im Grunde wie eine Filmtrilogie, mit drei Filmen á 90 Minuten. In diesem Sinne kommt es beinahe Mainstream-typisch zum alles erschlagenden Finale, das alles auflösen muss. Das war wieder sehr packend inszeniert, aber wenn mehr oder weniger alle 15 Minuten eine alles umwerfende Wendung eingebaut wird, stumpft man mit der Zeit ab. Den Bösewicht gab es in Staffel 3 schon, aber Moriarty ist eben eine eindrucksvolle Persönlichkeit, die kaum durch einen anderen Bösewicht „ersetzt“ werden kann. Magnussen ging schon eher in Richtung Bond-Bösewicht. Zudem verstärkte sich in „His Last Vow“ mein Eindruck, dass die 3. Staffel eher die Martin-Freeman-Show ist und weniger jene von Benedict Cumberbatch.

YP: Magnussen und sein „mind palace“ ist leider nicht vergleichbar mit den Dingen, die Moriarty so draufhatte.

PD: Es ist aber ein netter Gag. Sherlocks Gegenstück auf anderer Ebene. Ihm gar überlegen.

YP: Wenn du die Geschichten gelesen hättest, würdest du es vielleicht nicht als netten Gag sehen. In „A Study in Scarlett“ erklärt Sherlock Watson, wie sein Hirn funktioniert. Das macht er in der Serie auch. Doyle beschreibt das Gehirn als „a little empty attic, and you have to stock it with such furniture as you choose“. Das ist doch vergleichbar mit einem „mind palace“. Wenn Sherlock sich so viel merken kann, warum soll es nicht jemanden geben, der sich nicht noch mehr merken kann?

PD: Wenn ich die Filme – ich sträube mich Episoden zu schreiben – vergleiche, dann würde ich „His Last Vow“ auch als eine eher schwächere Arbeit einschätzen. Ungefähr auf einer Ebene mit der zweiten Episode von Staffel 1 („The Blind Banker“). Es war allerdings auch ein passender Abschluss zu einer Staffel, die bereits ein wenig überheizt begonnen hat. Dass man etwa in der ersten Episode der dritten Staffel mehrere Auflösungen zu Sherlocks „Tod“ anbietet, ist ja nichts weiter gewesen, als ein Zwinkern in Richtung Publikum. Wohl aber auch der weise Entschluss, sich nicht festzulegen, denn jede Auflösung des Cliffhangers, hätte nur für Enttäuschung gesorgt.

Dass man nun zum Abschluss derart die Ereignisse übereinander türmt und eine Wendung auf die andere folgen lässt – inklusive der zeitweise etwas nervig überdrehten Musik – ist da nur mehr symptomatisch. Das bedeutet ja nicht, dass es schlecht gewesen wäre. Es war einfach zu hektisch.

YP: Zuerst: Mir gefiel die erste Folge vielleicht sogar am besten in der Staffel, wenn, dann ist sie zumindest auf Augenhöhe mit der herrlich amüsanten „The Sign of Three“, das war was überraschend Anderes in Sherlock. Die Hochzeit und trotzdem ein paar Fälle. Da sieht man auch wieder toll, wie Sherlock arbeitet. Wie sein Gehirn funktioniert. Uns werden da Bilder geboten, die sind großartig!

Dann noch: Die letzte Folge funktioniert für mich auf so vielen Ebenen nicht. Zuerst einmal der Sexismus in der Serie. In der ersten Staffel hielt es sich noch in Grenzen, ich hätte mir nicht gedacht, dass sie nach der Irene-Adler-Folge („A Scandal in Belgravia“) das fragwürdige Frauenbild noch toppen können, aber es ist geschehen. 1. Sherlock und Janine. 2. Sherlock und Mary. 3. Sherlock und Molly. 4. Sherlock und Mrs. Hudson. Sicher, mir ist durchaus bewusst, dass sich Sherlock mit keiner Menschenseele wirklich versteht und bei Frauen ist er sowieso unsicher und so weiter. Aber nicht für einen Augenblick habe ich ihm das mit Janine abgekauft und zweites, warum muss er alle Frauen so überführen?

PD: Interessant. Ich habe da überhaupt keinen Sexismus wahr genommen. Mrs. Hudson ist eher eine schrullige Landlady, die auch von Watson nicht wirklich für voll genommen wird, der sie aber mit mehr Zurückhaltung behandelt. Sherlock behandelt Frauen ja genauso wie Männer, da sehe ich in der Figur von Sherlock, so wie sie Cumberbatch anlegt, keinen Sexismus. Die bereits in „The Sign of Three“ angedeutete Geschichte mit Janine kann man noch diskutieren, aber es ist ja auch nur ein Mittel zum Zweck. Wie gesagt, Sherlock verhält sich auch gegenüber Männern entsprechend respektlos und führt sie allesamt vor.

Was man vorwerfen kann, ist dass selbst die starken Frauen (Irene, Mary) am Ende doch wieder die Hilfe der Männer benötigen. Molly ist ja vom ersten Auftritt an, als das hoffnungslos in Sherlock verknallte Mädel festgelegt worden. Es wäre eine Überraschung, wenn ihr ein wenig mehr Persönlichkeit zugestanden würde.

YP: In „The Sign of Three“ – bevor sie die Tür zu Sholtos Hotelzimmer eintreten – sagt Sherlock zu Watson „Get your woman under control“, Molly wird sowieso als liebestolle Witzfigur dargestellt und sein Verhalten gegenüber Mr. Hudson lässt auch zu wünschen übrig. Das ist nur in dieser Staffel, von den anderen abgesehen.

PD: Gut, der Satz trieft vor Sexismus und einem entsprechenden Weltbild. Mrs. Hudson macht er aber schon seit dem ersten Film fertig, das ist weniger Sexismus, sondern einfach nur der Charakter von Sherlock, und Molly, ja, die ist als die liebestolle Witzfigur dargestellt. Es wäre vor allem bei Molly schön, wenn man ihr etwas mehr Hintergrund geben würde. Bislang fungiert sie hauptsächlich als Comic Relief. Mit Mary habe ich kein Problem. Eher mit der Art und Weise, wie ihre Probleme wieder gelöst werden. In der Geschichte die „His Last Vow“ zugrunde liegt, wird ja Magnussen/Milverton anders „erledigt“.

YP: Sherlock kaufe ich das mit Janine einfach nicht ab. Dass er das als vernunftgesteuerter Mensch kann: Liebe und Zuneigung derart vorzutäuschen, dass es dem Gegenüber – in dem Falle Janine – nicht auffällt. Es deutet darauf hin, dass er es sich stets mit äußerst leichtgläubigen Exemplaren des weiblichen Geschlechts zu tun hat. Diese Unglaubwürdigkeit war das Problem für mich in „His Last Vow“. Es war schon so unglaubwürdig in der Irene-Adler-Folge.

PD: Das kaufe ich Sherlock aber genauso ab wie ich es Moriarty abkaufe. Damit habe ich weniger Probleme. Wie oben schon einmal erwähnt: Für mich war diese Staffel vor allem von einem großartigen Martin Freeman geprägt.

YP: Genau! Cumberbatch ist so richtig in den Hintergrund getreten in dieser Staffel. Freeman spielt so facettenreich und vielseitig, jede Folge legt er nach Bedarf anders an. Das ist unglaublich gut. Sympathisch ist er mir schon seit „Love Actually“ gewesen, aber seit „Sherlock“ gehört er definitiv zu meinen Lieblingsdarstellern. Natürlich als Figur, der seine Emotionen und Empfindungen auch ausleben darf, hat er eine ordentliche Bandbreite und die nutzt er diesmal auch richtig aus.

PD: Cumberbatch hat ja den „Nachteil“, dass man seine großartiges Spiel als Sherlock nun schon bei sechs Mal á 90 Minuten bewundern durfte und wie es eben so ist, wird man es einfach gewohnt, während Freeman in dieser Zeit zwar gut aber eben bei weitem nicht mit so vielen Varianten auftrumpfen konnte. Stattdessen wurde er eingeklemmt zwischen Sherlock und schließlich Moriarty (Andrew Scott gefiel mir ja auch erst bei der zweiten Ansicht, zunächst war er mir viel zu überdreht). Diesmal darf Freeman schon in „The Empty Hearse“ zeigen, was er alles drauf hat. Die tiefen seelischen Wunden, die ihm die Ereignisse in „The Reichenbach Fall“ zugefügt wurden und der Versuch, ein normales und bürgerliches Leben zu starten, was ihm aber nun mal nicht gelingt. Herrlich.

…und die Dialogzeile: „I don’t shave for Sherlock Holmes“ ist ja jetzt schon eingeprägt in die Fangemeinde. Freeman ist mir in der Vergangenheit auch in „Love Actually“ und in „Hitchhiker’s Guide to the Galaxy „aufgefallen aber nie so positiv wie nun in „Sherlock“.

YP: Zusammenfassend: Mein größtes Problem mit und in „Sherlock“ ergibt sich im Frauenbild. Und da bewegen sich Stephen Moffat und Mark Gattis auch weit weg von Sir Arthur Conan Doyle. Ging es dem letzteren in seinen Schilderungen um die Abenteuer von zwei Junggesellen in einer frauenreduzierten Gesellschaft im viktorianischen England um die Jahrhundertwende, hauen die BBC-Macher ordentlich hin. Für mich wird da ein rückständiges Frauenbild vermittelt.

PD: Da kann ich nicht ganz zustimmen. Zwar sind die Frauencharaktere bei weitem nicht so gut ausgearbeitet wie die Männer aber als Frauenfeindlich würde ich das nicht bezeichnen. Irene Adler und Mary Watson sind schon starke Charaktere, aber die Auflösung aller Probleme wird dann in die Hände von Sherlock oder Watson gelegt. Das ist eher ein Problem. Die Gewichtung. Es wird viel zu sehr auf die Gottgleichen Fähigkeiten von Sherlock vertraut. Mrs. Hudson und Molly sind nun einmal Comic Relief, das sind aber auch Lestrade oder auch der Sherlock-Fanboy Anderson. Die Gewichtung geht einfach in Richtung Sherlock und Watson und eben der Bösewichte.

YP: Lass es mich das so ausdrücken: In keinem für mich realitätsnahen Szenario verliebt sich eine selbstbewusste Lesbe in einen asexuellen Über-Detektiv, egal wie intelligent sie sein mag und für wie sexy sie Intelligenz einstuft (Zitat Irene Adler in der ersten Folge der zweiten Staffel: „Brainy is the new sexy“). Das sind reine Männerfantasien. Aber „Sherlock“ ist modere Fiktion. Und Steven Moffat wird ja wohl noch träumen dürfen.

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