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Stefan Ruzowitzky meldet sich wieder zurück, jedoch nicht mit einem neuen Spielfilm, sondern mit dem Dokumentarfilm „Das radikal Böse“, in welchem er der Frage nachgeht, wie einfache Soldaten geradezu blind den Befehl zur Massentötung unschuldiger Zivilisten ausüben konnten. Ob der Oscar-Preisträger diese Frage beantworten kann und ob es überhaupt weiterer Filme zum Thema Holocaust bedarf, sind nur zwei Fragen, die wir in unserem Dialog aufwerfen.

YP: Bist du eigentlich übersättigt vom Thema Zweiter Weltkrieg? Vor allem hierzulande, wo die Vergangenheitsbewältigung noch nie so gut funktioniert hat?

PD: Übersättigt bin ich eher von kitschigen Weltkriegsmelodramen. Wenn ein Film sich aber intelligent mit dem Thema auseinandersetzt, sehe ich mir das gerne an. Die Vergangenheitsbewältigung hat in Österreich ja so gut wie nicht stattgefunden, dennoch kommt der essay-hafte Dokumentarfilm von Ruzowitzky für mich nicht über gute Absichten hinaus.

Was die Übersättigung angeht: Mir scheint sogar, dass man noch intensiver die historischen Werke aus den Zeiten des Dritten Reiches betrachten soll, um die perfiden Propagandastrategien zu analysieren. Stattdessen sehen wir aber zumeist eher Nazisploitation.

YP: Ich bin auch der Meinung, dass es so gut wie keine Vergangenheitsbewältigung gegeben hat. Stefan Ruzowitzky konzentriert sich in seinem Dokumentarfilm fast nur auf die Darstellung der Täter, die damals durch die Ukraine marschiert sind und Jüdische Frauen und Kinder erschossen haben. Das ist auch ein Teil der Geschichte, den wir damals im Geschichtsunterricht gar nicht durchgenommen haben. Übersättigt bin ich nicht, ganz im Gegenteil, es mangelt am Verständnis. Dem Begreifen, wie so etwas passieren konnte. Heutzutage und bei dem Rechtsruck besonders, (den es in Österreich schon immer gegeben hat). Das ist unbegreiflich. Filme wie „Das radikal Böse“ oder auch „Die Fälscher“ helfen mir zu verstehen. Bzw. sind sie ein Versuch des Verstehens. Zugänge.

PD: Mit dem Begriff „Verstehen“ wäre ich aber nach Filmen wie „Das radikal Böse“ eher vorsichtig. Ruzowitzky findet zwar interessante Zugänge zu dem Thema, wie normale Soldaten zu Massenmördern werden konnten, aber ein wirkliches Verständnis ergibt sich dadurch nicht. Eine Ahnung dessen, welche psychologischen Prozesse, vor allem innerhalb einer militärischen Gruppe, ablaufen, die gibt es. Das sind auch die besten Sequenzen, wenn (Militär)-Psychologen, darüber sprechen, welch innerer Druck auf den Soldaten lastet, wenn sie einen Befehl (so grausam er auch erscheinen mag) verweigern.

YP: Ich sehe Ruzowitzkys Filmessay auch nicht als gegeben an. Wenn ich mich mit einem Thema wie dem Holocaust auseinandersetzen möchte, gibt es viele Blickwinkel. Daraus ergibt sich dann mein persönlicher Zugang. Außerdem habe ich – trotz der vielen geboteten Zugänge – etwas für mich mitgenommen: Das radikal Böse ist im Menschen selber zu finden bzw. das Böse ist menschlich. Das ist so universell.

PD: Dennoch versucht sich Ruzowitzky daran, dieses „Böse“ im Menschen greifbar zu machen und dies mit zum Teil unkonventionellen Mitteln, die nicht immer zum Gelingen des Films beitragen. Der Split-Screen-Effekt etwa, verliert mit Fortdauer an ästhetischer Wirkung und scheint nur mehr irritierend. Die nachgestellten Experimente (ein wenig erinnerte das an „Dogville“), sind ebenfalls ästhetisch ansprechend, aber sie tragen kaum zu einer Vertiefung der Thematik bei. Wenn etwa die Ergebnisse des Rorschach-Tests nicht präsentiert werden, „weil sie zu schockierend waren“, dann hatte das schon etwas von ATV-Edutainment.

Wirklich beeindruckend, war die Tonebene. Die von den Darstellern vorgetragenen Tagebucheinträge, waren sehr interessant. Mir erschien der Dokumentarfilm teilweise auch eher wie ein gutes Hörbuch und weniger wie ein guter Film.

YP: Die Ergebnisse wurden nicht präsentiert, weil es sich dabei um stinknormale Männer ohne irgendwelche Auffälligkeiten gehandelt hat. Ich stimme mit dir überein, dass die Experimente nicht notwendig waren, aber Ruzowitzky hat einen sehr ansprechenden kurzweiligen Film zu einem nicht so leicht zugänglichen Thema gemacht. Das war keine typische Histrory-Channel-Doku. Bewundernswert, die Zugänge, die er dazu gefunden hat. Einfach toll, wie die jungen Soldaten immer wieder in die Kamera schauen, während die Tagebucheinträge von Schauspielern vorgelesen werden. Und was die Machart betrifft habe ich nichts daran auszusetzen. Ruzowitzky hat Mut und Geschick im Handwerk gezeigt.

PD: Ambition, Mut und Geschick. Ja, sicher, das spreche ich ihm auch gar nicht ab, aber es hat nicht so recht funktioniert. Die auf ästhetischer Ebene ansprechenden Inszenierungsarten (etwa der Split-Screen, die Darsteller in die Kamera sehen lassen), wurden einfach derart oft wiederholt, dass bei mir eine Übermüdung einsetzte. Zu den Darstellern kann man auch gar nicht viel sagen, denn sie spielen ja nicht. Sie sind anwesend. Das wirkliche Schauspiel, findet auf der Tonebene statt. Das war ein Kniff, den ich sehr interessant und auch beeindruckend fand. Die Gesichter der Soldaten, bleiben unverbindlich und leer, egal ob sie lächeln oder starr in die Kamera blicken. Die Tonebene hingegen, hat es geschafft, die Briefe und persönlichen Einträge greifbar zu machen.

Dennoch bleibt „Das radikal Böse“ ein wenig hinter seinen eigenen Ansprüchen zurück, eben weil die Experimente (ästhetisch ansprechend aber inhaltlich zu oberflächlich) einfach hinein geworfen aber nicht vertieft werden. Das ist dann zum Teil ein ziemlich wilder Mischmasch.

YP: Ich widerspreche dir auf vielen Ebenen. Selten sehe ich sowas in einer Dokumentation, für mich hat es funktioniert. Die Archivaufnahmen, einerseits die tatsächliche Erschießungen, andererseits die „Jiddischland“-Archivaufnahmen waren im wahrsten Sinne atemberaubend. Die Darsteller hatten nichts zu spielen, weil es nicht darum ging, etwas vorzuspielen, sie sollten doch nur da sein. Das Vorgetragene mit der Tonebene ist das Kernstück, die Interviews mit den Experten waren spitze und gut ausgewählt. Mein Punkt ist der: Ruzowitzky hätte was anderes machen können, hat er aber nicht, sondern einen wichtigen Filmbetrag geleistet, noch dazu einen Dokumentarfilm. Für mich ist „Das radikal Böse“ auf vielen Ebenen gelungen.

Vor allem hat mich der Film zum Nachdenken angeregt. Ich bin aus dem Kino gegangen und habe mir gedacht: Diese Soldaten sind dann heimgefahren, falls sie überlebt haben und haben diese offenen Wunden mitgenommen, die sind zu riesigen Narben geworden. Und wir leben in einer österreichischen Gesellschaft, wo viele Menschen vom Thema Holocaust übersättigt sind.

Welche Filme fallen dir sonst noch ein?

PD: Den Film bezeichne ich auch nicht als missglückt, sondern einfach nicht tiefgehend genug. Das Talent und das Händchen für Bildsprache sieht man Ruzowitzky an, aber die Ästhetik steht oftmals über dem Inhalt. So erschien es mir. Da bin ich dann wohl doch zu sehr ein „Freund“ des nüchternen Dokumentarfilms. Gerade deshalb haben mir auch die sehr fein ausgewählten Archivaufnahmen aus „Jiddischland“ gut gefallen. Dass die Darsteller nichts zu spielen hatten, habe ich übrigens positiv angemerkt.

Einen Filmemacher zu loben, dass er sich einem wichtigen Thema annimmt, ist mir aber nicht genug. Das befreit den Film doch nicht automatisch davon, qualitativ überzeugen zu müssen. Von dem Standpunkt aus, wäre jeder Film über den Holocaust, oder auch einfach „nur“ über ein Thema von humanitärem Interesse, automatisch mit mehr Lob zu beschenken. Dann müsste ich auch Uwe Bolls „Darfur“ toll finden, nur weil er eben einen Film über die Vorgänge in Darfur gedreht hat.

Bessere Dokus, auf die Schnelle: „Hotel Terminus“, „Shoah“.

YP:Und zu „Shoah“. Wie viele Menschen haben den gesehen?

PD: Wie viele werden „Das radikal Böse“ sehen? Klarerweise kann man den Film sicher toll im Schulunterricht einsetzen, aufgrund seiner Länge. Ein Film, der mich heute noch fasziniert, ist Alexander Kluges „Brutalität in Stein“ (1961). Ein Kurz-Dokumentarfilm, der die Architektur der Nazis, mit Tondokumenten verbindet. Ein ähnlicher Kniff wie jener von Ruzowitzky.

YP: In Österreich wollen den viele vielleicht gar nicht sehen! Das ist schade. Beim Publikumsgespräch mit Ruzowitzky nach der Premiere im Urania gab es kaum Fragen seitens des Publikums. Ruzowitzky meinte im profil-Interview auch, dass „Die Fälscher“ nicht berauschend lief.

PD: Da ist aber das generelle Image-Problem des österreichischen Films zu thematisieren. Den aktuellen Preisträger des Österreichischen Filmpreises („Deine Schönheit ist nichts wert…“) haben auch nur etwas mehr als 5000 Besucher gesehen.

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