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Martin Scorsese hat es wieder gemacht. In „The Wolf of Wall Street“ sieht man ihm die Freude am Filmemachen regelrecht noch an, was nach so vielen Dekaden des Schaffens bewundernswert erscheint. Für uns Filmfans steigert diese Tatsache die Freunde am Filmschauen. Darüber und über andere Auffälligkeiten wollen wir uns diesmal unterhalten.

PD: Ich freue mich darüber, dass Martin Scorsese für seine beeindruckende Regie für den Oscar nominiert wurde. Das ist ein kraftvoller Film, der nicht so wirkt als wäre der Macher dahinter im Rentenalter. Was mir ein wenig sauer aufstieß, war die Länge des Films. Ich habe mich köstlich amüsiert aber weshalb hat der Film drei Stunden gedauert?

YP: Es gab langwierige und kurzweilige Sequenzen. Eine Stunde weniger hätte dem viel mehr Würze gegeben.

PD: Es war eine richtige Tour de Force und mir hat das Schlussbild auch gut gefallen, aber die ganzen Eskapaden (vor allem die Sequenz im Flieger) wurden mit der Zeit austauschbar. Dafür waren die Ansprachen DiCaprios vor seiner versammelten Mannschaft derart skurril, dass ich an eine Sekte denken musste.

YP: Diese Börsenwelt ist am ehesten wohl mit einer Sektenlandschaft zu vergleichen. Das war doch allzu passend gezeigt. Die Drogenexzesse waren großartig inszeniert.

PD: Es war lustig anzuschauen und Leonardo DiCaprios Voice-Over hat dem ganzen Treiben eine weitere absurde Note verliehen, aber bei drei Stunden wäre mir zwischenzeitlich ein stärkerer Fokus auf den Ermittlungen des FBI-Agents lieber gewesen. Gegen Jordan Belfort wirkt aber etwa ein Gordon Gekko regelrecht zahm.

YP: Der Film wirkt wie ein maßloser Rausch. Wie du schon oben schreibst, Scorseses Spaß am Filmemachen ist nicht verflogen. Das ist für mich auch einer seiner besseren Filme der letzten Jahre. Trotz der Länge, der Unmut darüber verfliegt mit der Zeit. Eine große Überraschung war für mich das Endergebnis.

PD: Es wirkt, als hätte er irgendwo neue Energie gefunden, denn die Mechanismen sind immer noch dieselben. Bei Scorsese ist es ja auch schwer, die Filme untereinander zu werten. „Hugo“ kann ich kaum auf einer Ebene mit „The Wolf of Wall Street“ sehen, denn das sind einfach so unterschiedliche Themen. Handwerklich beides aber sehr feines Kino. Am stärksten in Erinnerung bei „Wolf“ blieb mir aber Matthew McConaughey in seiner Rolle als Mentor. Ein kurzer, aber sehr effektiver Auftritt. Das gefiel mir besser als etwa die Darstellung von Jonah Hill, der auch gut war, aber McConaughey blieb mir eher in Erinnerung.

YP: Leider sehe ich das nicht so, da ich Jonah Hill fantastisch fand und mich sogar darüber geärgert habe, dass Matthew McConaughey überhaupt im Trailer zu sehen ist. Das war eine Leistung zum Drüberstreuen, wobei Jonahs Figur tolle Höhen und Tiefen durchlebt, die er sehr überzeugend und mit viel Körperlichkeit spielt. Toll fand ich den Kurzauftritt von Spike Jonze. Ich habe noch immer seine Stimme im Ohr.

PD: Darstellerisch gibt es kaum etwas zu meckern.

YP: Das war einfach ein großer Spaß diesem Bubenverein zuzuschauen.

PD: Zwischendurch dachte ich mir auch, dass man hier die intelligente Version von „Pain & Gain“ zu sehen bekommt.

YP: Ach, „Pain & Gain“ ist doch auf seine Art und Weise auch gelungen, es hätte nur mehr Struktur gebraucht. Was in Scorseses Film der Fall ist. Ich war überrascht, wie witzig der Film ist. Das habe ich nicht erwartet und ich bin normalerweise immer die, die sich wundert, worüber alle anderen im Kinosaal lachen. Bei der Lemmons-Szene schien mir als hätte ich am lautesten gelacht.

PD: Eben, die intelligente Version. Ein Regisseur wie Martin Scorsese hätte diesen rohen Diamanten, der „Pain & Gain“ ist, richtig zugeschliffen. Der Spaß liegt im Drehbuch von Terence Winter, der die Memoiren von Belfort ordentlich zurecht stutzte und dem Publikum so den Einblick in diese wilde Welt bietet. Dabei muss man sich am Ende sagen, dass es im Grunde Belfort ist, der am lautesten lacht.

Bei der Lemmons-Szene gefiel mir vor allem, wie seine Wahrnehmung mit der Realität kollidiert.

YP: Ein interessanter Aspekt ist der, dass es ein Film ist, der gänzlich ohne Identifikationsfiguren und Zuschauer-Manipulation auskommt.

PD: Dennoch bleibt das Gelächter über Belfort und seinen Haufen am Ende im Hals stecken, denn den Erfolg den er hat(te), basiert auf der Leichtgläubigkeit des Publikums, welches im letzten Bild mit dem Kinobesucher ein wenig gleichgesetzt wird. Wir als Zuseher hängen genauso an seinen Lippen wie die Seminarteilnehmer.

YP: Hm. So habe ich das nicht betrachtet. Ich war eher angewidert, belustigt und erstaunt zu gleichen Teilen.

PD: Kann ich alles unterschreiben, nur hätte Belfort niemals diesen Erfolg, gäbe es nicht genügend Menschen, die sich von ihm um den Finger wickeln lassen. Am Ende wirkt es ja auch so, als wäre er wieder mit all seinen Tricks durchgekommen.

Das war auch etwas, was ich sehr interessant fand. Kein einziger Charakter in dem Film hatte moralische Bedenken, was Belforts Geschäftspraktiken anging. Sein Vater etwa war hautnah bei allem dabei und echauffierte sich nur über die privaten Eskapaden, nicht über das Geschäft.

YP: So à la: erstmal Blut geleckt, wirst du zum Vampir. Jordan Belfort ist vom Gewissen her eher ein Patrick Bateman (ohne das Morden) aus „American Psycho“ als ein Gordon Gekko aus „Wall Steet“.

PD: Sieht man sehr schön, wenn man Oliver Stones „Wall Street Money Never Sleeps“ mit „The Wolf of Wall Street“ vergleicht. Der gealterte Gordon Gekko hätte keinerlei Chance, sich mit dem gewissenlosen Jordan Belfort zu messen.

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