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Mit der Nachrichtenwelle um Philip Seymour Hoffmans Tod vergangenen Sonntag wurde uns Filmfans schmerzlich bewusst, was für ein talentierter Schauspieler die Welt für immer verlassen hat. Durch seine Filme allerdings wird er im Gedächtnis bleiben. Viele davon kleine und große Meisterwerke, einige allein durch seine Präsenz sehenswert. In unserem dieswöchigen Dialog beschäftigen wir uns mit ein paar ausgewählten Arbeiten eines herausragenden Schauspielers.

YP: „The Master“ hat es 2013 auf meine Bestenliste geschafft, hauptsächlich wegen der darstellerischen Leistung von Philip Seymour Hoffman. Dann wegen Szenen wie dieser hier, in der seine Figur Lancester Dodd und The Cause von einem Kritiker als Kult und Sekte bezeichnet werden und wie Hoffman das interpretiert.

PD: Der Film ist nicht alleine wegen Hoffman großartig, sondern die Kombination Paul Thomas Anderson-Philipp Seymour Hoffman ist es, die ihn besonders macht und auch wegen des Zusammenspiels mit Joaquin Phoenix und Amy Adams.

Steve Coogan hat es für mich am besten ausgedrückt, weshalb Hoffman so ein besonderer Schauspieler war: Coogan said Hoffman raised the quality of every film he was cast in.

YP: Ich sage nicht explizit, dass er der einzige Grund für das Gelingen des Films ist. Für mich ist seine Leistung bezeichnend und vordergründig. Nehmen wir andere Paul Thomas Anderson-Filme her: „Boogie Nights“ und „Magnolia“, „Punch-Drunk-Love“. Da würde ich nicht nur eine Leistung herausheben, aber in „The Master“ ist Philip Seymour Hoffman das, was Daniel Day-Lewis für „There Will Be Blood“ war. Herausragend.

Das ist auch ein wichtiger Zugang für mich, in Anbetracht der Rolle, die er in „The Master“ spielt. Darin spielt er den Gründer und Aushängeschild dieser Gemeinschaft, die dann doch eine Sekte ist. Tatsächlich war es auch so im Film, dass er eine bedeutende – die bedeutendste – Leinwandpräsenz hatte. Jetzt ungeachtet dessen, wie gut Joaquin Phoenix und Amy Adams waren und Paul Tmomas Andersons Zutun. Hoffman sticht heraus, bleibt in Erinnerung.

PD: Die Rolle als Sektenführer hat ja geradezu perfekt zu Hoffmans Physis gepasst und er war in der Lage, sich nicht nur darauf zu verlassen, sondern auch mit seinem Schauspiel zu überzeugen. Das war es auch, was seine Darstellung des Truman Capote so beeindruckend machte. Einerseits hat er sich äußerlich beinahe perfekt dem Charakter angenähert und dennoch dafür gesorgt, dass man nicht nur seine Physis bewundert, sondern sehr wohl auch sein Schauspiel sieht. Den Charakter den er entstehen ließ. In „Magnolia“ dagegen, ist er das komplette Gegenteil von seinem Charakter in „The Master“. Ein sanfter, schüchterner Mann, dem jegliche Einflussnahme oder jegliches Machtbewusstsein fehlt. „Magnolia“ war ja auch meine erste Begegnung mit Hoffman, zur selben Zeit beeindruckte er mich in „The Talented Mr. Ripley“.

YP: Ich weiß nicht, was es in „The Master“ war, aber er hatte etwas faszinierend Anziehendes. Seine Art zu sprechen oder die Physiognomie waren imposant. Dieser Aspekt war für mich insofern interessant, als er – wie du eben schon mit „Magnolia“ erwähnst – normalerweise diese unscheinbaren, schüchternen und introvertierten Figuren gespielt hat. Das war auch in „Before the Devil Knows You’re Dead“ so. Er hat ein einprägsames und keinen gängigen Schönheitsidealen entsprechendes Äußeres und er hat ausdrucksstarke und charismatische Charaktere gespielt.

PD: Interessant dass du „Before the Devil Knows You’re Dead“ (eine meiner liebsten Leistungen von ihm) erwähnst, denn da ist Hoffmans erster Auftritt extrem plump. Er wird in der unattraktivsten Art und Weise im Film vorgestellt, die nur möglich war. Als Fleischklumpen, geradezu der prototypische Bösewicht. Er verfügt in Lumets tollem Spätwerk auch über keinerlei Charme, nur über Gier und Gewissenlosigkeit. Derselbe Hoffman, in beinahe derselben physischen Form, zeigt dann in „The Master“ dass er einen ebenso gewissenlosen Schurken spielen kann, nur mit viel mehr Charme und Finesse.

YP: Mir ist – dank deiner ausdrücklichen Empfehlung damals – „Before the Devil Knows You’re Dead“ ebenso besonders ans Herz gewachsen. Ein spätes Meisterwerk von Sidney Lumet und ein Film, den ich als einen perfekten Thriller bezeichnen würde. Was ich noch zu diesem Film anmerken möchte: Klar, aber diese vordergründige Körperlichkeit kommt mehr zur Geltung als in anderen Filmen. Mir scheint, als hätte sich Hoffman auf Rollen verschrieben, wo er sich immer wieder schälen und häuten muss. Was mich an seinem Schauspiel so fasziniert: Hoffman hat stets Inneres und Intimes nach Außen gekehrt, indem er sich solche Rollen aussuchte. Das wirkt umso heftiger, betrachtet man seinen plötzlichen Tod.

PD: Doch niemals war er so wuchtig, wie in „Charlie Wilson’s War“.

YP: Und da hat er Tom Hanks an die Wand gespielt! Das war eine Performance zum Drüberstreuen.

PD: Das finde ich übertrieben, aber er hat den Film geprägt. Hanks hatte schlicht den zurückhaltenderen Part.

YP: Ich sehe mir den Film gerne an, wobei Tom Hanks natürlich tadellos durch den Film führt. Er ist unterhaltsam und gelungen. Nicht allzu komplex, das ist aber egal!

PD: Das ist eine sehr lockere Polit-Satire, wobei wohl auch eher Polit-Komödie. Für eine Satire fehlt ein wenig die Schärfe. Das Geschehen ist humorvoll und unterhaltsam.

Es erscheint aber ein wenig traurig, dass er in ruhigeren Filmen, weniger Beachtung fand. So sehr nun jeder einzelne Film hervor gezogen wird, so wenig wurden etwa Werke wie „Love Liza“ oder „Owning Mahowny“ beachtet, als sie ins Kino kamen. Ich entdeckte diese Filme auch erst auf DVD, so wie „Synecdoche, New York“.

YP: Seine ersten eigenen Film, das Regiedebüt „Jack Goes Boating“ ist von der ruhigeren Sorte. Den habe ich beim Stöbern in einem Laden in München auf DVD entdeckt, mein erster Gedanke war: Philip Seymour Hoffman in einer romantischen Komödie, klingt vielversprechend, muss ich sehen. Tatsächlich ist das ein sehr sanfter und langsamer Film. Der von PSH gespielte Jack ist ein introvertierter und schüchterner Charakter.

PD: Es ist auch ein schön gespielter und sympathischer Film, aber als Regisseur konnte mich Hoffman hier nicht so ganz überzeugen. Er lässt seinen Darstellern den nötigen Freiraum und ist selbst auch überzeugend, aber auch wenn das alles stellenweise amüsant und unterhaltsam ist, so war mir das doch zu belanglos. Es plätscherte einfach zu sehr dahin.

YP: Und dann sieht man in als Plutarch Heavensbee in der „Hunger Games“-Reihe. Ein Spagat, den nicht viele  so rigoros schaffen bzw. beherrschen.

PD: Bei seinen Mainstreamauftritten sieht man sein Talent, aber wirklich begeistern konnte er mich weder im letzten „Hunger Games“ noch als schmieriger Freddy Lounds in „Red Dragon“. Damit will ich nicht sagen, dass er schlecht gewesen wäre. Keineswegs. Wie Steve Coogan schon ausdrückte, er hob die Qualität des Films rein durch seine Anwesenheit, aber er hat sich bei derartigen Auftritten eher zurückgehalten.

Als Bösewicht in „Mission: Impossible III“ war er schon etwas engagierter, schlicht, da er ja eine wichtigere Rolle spielte. Ehrlich gesagt kann ich mich bei „M:I III“ auch nur noch an ihn erinnern.

YP: Das spricht wohl für ihn! Seine Auftritte in „The Ides of March“ und „Moneyball“ waren auch eher unspektakulär, vor allem weil es kleine Rollen waren, wo er wenig bis kaum Spielraum für sein Talent hatte. „M:I III“ habe ich ausgelassen.

PD: Da hat er sich ins Geschehen nahtlos eingefügt, seinen Stempel nicht aufgedrückt. Wobei ich ihn in „The Ides of March“ doch gut in Erinnerung behielt, während „Moneyball“ einfach die Brad Pitt-Jonah Hill-Show ist.

Bei „M:I III“ hast du nicht viel verpasst. Ich kann mich ja auch kaum daran erinnern. Der Trailer sagt im Grunde schon alles über den Film aus.

YP: Ich muss sagen, in „Red Dragon“ hab ihn sehr gut in Erinnerung behalten, einfach aufgrund der Szene mit dem Bürosessel. Da hat er einen unsympathischen Reporter gespielt, der in sein eigenes Unglück taumelt. Und in „The Big Lebowski“ auch, obwohl sein Auftritt sehr kurz ist.

PD: Der Charakter Freddy Lounds ist sehr schön geschrieben, da wäre sogar noch mehr möglich gewesen (im Roman hat Lounds viel mehr Hintergrund erhalten). Die Szene, wo er dem Drachen (das war eine Scene Stealer Performance von Ralph Fiennes) begegnet, inklusive dem Nachspiel, ist schön anzusehen.

YP: Eine abschließende Frage: Mit welcher Rolle und Leistung bringst du den Namen Philip Seymour Hoffmans zuerst in Verbindung? Seine starke Darbietung in „The Master“ ist es für mich, die hat so vieles Vorhergehende überschrieben.

PD: Hoffman bleibt für mich immer als Phil Parma aus „Magnolia“ in Erinnerung. Es war die erste Darstellung die ich von ihm gesehen habe. Sofort sah man diese Verletzlichkeit, Sensibilität, aber auch das Versprechen, von diesem Schauspieler viele tolle Leistungen zu sehen zu bekommen.

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