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Am Beispiel von David O. Russells „American Hustle“ lässt sich ziemlich gut erkennen, was der Hype aus Übersee im Vorfeld anrichten kann. Ob die Qualität des Films diesem Buzz überhaupt gerecht wird und was wir davon halten, werden wir im folgenden Dialog ausführlich besprechen.

PD: Hast du einen Lieblingsfilm von David O. Russell?

YP: Nein, es gibt keinen Film von Russell, den ich annähernd mag. Ich sehe sie mir an und das wars. Und richtig genossen habe ich „I Heart Huckabees“ und „Silver Linings“ stellenweise am meisten. „Three Kings“ und „The Fighter“ waren – vielleicht auch die Thematik betreffend – wiederum nichts für mich.

PD: „Three Kings“ genieße ich immer wieder, das war wohl auch der letzte Film von ihm, in dem er ein wenig gewagt hat. „Silver Linings“ ist unterhaltsam und hat gute Darsteller, während „I Heart Huckabees“ völlig wirr ist, aber irgendwie sympathisch dabei. „The Fighter“ habe ich verdrängt. „Flirting with Disaster“ war auch sympathisch. Ein Film in dem man schon sieht, dass er ein Regisseur ist, der es versteht, ein gutes Ensemble aufzustellen.

YP: Mit was für einem Gefühl bist du bei „American Hustle“ aus dem Kino rausgegangen?

PD: Das ist jetzt eine schwierige Frage. Bereits während des Filmes beginne ich zu reflektieren und zu analysieren, entsprechend bin ich zum Teil schon in meinen Beobachtungen drinnen, aber das Gefühl? Eines der Leere. Der Film hat mich völlig leer zurückgelassen.

YP: Die Beschreibung mit der Leere trifft es bei mir auch zum Großteil. Dann noch die Verärgerung darüber, dass so ein Film Oscar-Kandidat in so vielen Kategorien (10!) ist. Und für mich war der Film weder Fisch noch Fleisch. Das einzig Gute daran, war eventuell sein Aussehen, die Optik. Und das hängt einem irgendwann mal raus, wenn er sonst nicht viel zu bieten hat.

PD: Das muss man natürlich lobend erwähnen, in dem Film wurde die Ära, in der er spielt, wirklich hervorragend wieder zum Leben erweckt. Die Kostüme, die Musik, dies alles wirkte wie aus einem Guss.

YP: Der Kinobesuch wirkte auf mich wie ein Date mit jemandem mit einer aberwitzigen Frisur, der sich selbst interessanter findet und ziemlich prätentiös ist.

PD: Ein schöner Vergleich. Dabei ging es mir eher so, als hätte Russell seinen Inszenierungsstil beim ersten Produktionstag abgegeben. Es war so anonym, wie dieser Film inszeniert wurde. Versatzstücke aus allen möglichen Werken, die man in die Finger bekommt. Von den Scorsese-Werken „Goodfellas“ und „Casino“ bis hin zu Gaunerstücken wie „The Sting“ und „The Spanish Prisoner“. Keine einzige eigene Idee steckte da drinnen.

YP: Wie aus einem Guss und dennoch so fürchterlich aufgesetzt. Für mich gab es keinen Authentizitätsanspruch hier, es ging nur darum, alles schön aufzupolieren. Wobei ich ein paar Mal sehr gelacht habe, hauptsächlich am Anfang und als Reaktion auf die witzigen Frisuren der Darsteller.

„Boogie Nights“ von Paul Thomas Anderson ist vom Äußeren ein Film, der die 70-iger Jahre einfach viel treffender wiedergibt und uns nichts vormacht. „American Hustle“ will alles noch schöner und glitzernder machen. Er ist eh schön anzuschauen, mehr nicht.

PD: „American Hustle“ ist aber auch ein Film, der davon handelt, dass Menschen daran glauben, was sie zunächst sehen und einfach dem schönen Schein anheim fallen. In diesem Sinne fand ich das passend und ansprechend gemacht. Damit endet aber auch der Reiz, was die inszenatorische Ebene betrifft.

Weil du die Szene mit der witzigen Frisur zu Beginn des Filmes angesprochen hast. Da ist auch eine Stärke zu sehen: in den Darstellern. Das war großartig gespielt, nur war mir, als wären sie teilweise vom Regisseur alleine gelassen worden.

YP: Das wollte ich auch noch herausheben, die Leistungen der Schauspieler. Sogar Bradley Cooper hat mich als Richie DiMaso überzeugt, wie er es noch in keinem Film zuvor getan hat. Obwohl ich das Gefühl hatte, die Schauspieler wissen genau, was von ihnen erwartet wird und sie liefern tadellos. Andererseits: beeindruckt hat mich niemand, wir wissen, was Christian Bale, Amy Adams, Jennifer Lawrence und Jeremy Renner draufhaben. Wobei ich mich über die Szenen mit Jennifer Lawrence besonders gefreut habe, die brachte mit ihrer Figur Rosalyn richtig Würze in die Geschichte.

PD: Bradley Cooper hat wirklich gut gespielt und es waren auch noch mehrere kleine Rollen die mit tollen Darstellern besetzt waren und einfach gut spielten. Shea Whigham, Michael Pena, Alessandro Nivola, Jack Huston, Louis C.K. Das ist schon ein beeindruckendes Ensemble.

Mir wird die Leistung von Jeremy Renner viel zu wenig gewürdigt. Sein Charakter (Bürgermeister Carmine Polito) und seine Beziehung zu dem von Bale gespielten Betrüger Irving, waren für mich das Herzstück. Die Liebesgeschichte zwischen Irving und Sydney (Amy Adams) war auch wichtig, aber es waren die Szenen, in denen Irving mit seinem Gewissen rang und Carmine und sein nicht einwandfrei eingestellter Moralkompass aufeinander trafen, die mich wirklich fesselten. Renner hat da großartig gespielt.

YP: Bei Christian Bale stellte ich mir die Frage: Wieso zum Teufel tut er sich und seinem Körper das nach wie vor an?

PD: Warum Bale sich das antut? Na ja, das ist ja jetzt nicht das erste Mal. „The Machinist“, „Rescue Dawn“, „The Fighter“ und jetzt futterte er sich die Kilos mal rauf.

YP: Abgesehen von Jennifer Lawrences schillerndem Charakter fand ich auch die Szenen von Polito (Renner) und Irving (Bale) toll. Da kam Leben in diese Style-Over-Substance-Geschichte rein. Und Renner hat da den richtigen Zugang, er ist kein Schurke, doch mit rechten Dingen geht er es auch nicht an, bleibt aber durch und durch sympathisch als Figur. Und er hatte die beste Frisur, wobei ich schon öfter an Elvis denken und schmunzeln musste.

PD: Da ist wieder Authentizität zu spüren. Renner spielt den Charakter so, dass man ihn für eine echte Person hält. Die Frisur war auch toll, mir gefiel aber jene von Cooper als FBI-Agent DiMaso fast besser. DiMaso war auch eine Schwachstelle, was diese Authentizität angeht. Mir war immer, als würde ich einer Karikatur beziehungsweise einer überdrehten Version eines krankhaft ehrgeizigen FBI-Agenten zusehen. Bei Bale, Adams und Renner hingegen war es glaubhafter, nachvollziehbarer, was sie taten und warum sie es taten.

Das ist weniger eine Kritik an Cooper, denn an Russell und Co-Autor Singer. Sie geben DiMaso eine winzige Szene, um so etwas wie Hintergrund zu erschaffen. Der Rest ist Gebrüll und Macho-Gehabe. Karikatur. Karikatur. Herrje.

YP: Lawrences Rosalyn-Figur ist aber auch mit sehr viel Ironie zu genießen.

PD: Allerdings auch hart am Rande zur Parodie. Es ist eine Stärke in ihrer Darstellung, dass sie nicht völlig ins Absurde abkippt.

YP: Und dieses Hin und Her zwischen Edith/Sydney (Adams) und Irving (Bale) war nicht mehr zu ertragen. Das hat sich so zerfahren, bot keinen Durchblick und die Längen im Film trugen auch nicht sonderlich zum Gelingen bei.

PD: Vor allem wurde durch das Hin und Her in der Voice Over zunächst ein amüsantes Verwirrspiel eingeleitet, nur um schlussendlich klar darzulegen, dass man schlicht und ergreifend nichts zu erzählen hat. Es wurde Konfusion geschürt, um davon abzulenken, dass man einfach kein gutes Finale zu bieten hat. So fühlte sich die Endauflösung dann auch an. Gehetzt und ohne jedes Gefühl für Timing. Tödlich für einen Film, der zu großen Teilen von Gaunerstücken handelt.

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