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„Being John Malkovich“, „Adaptation“, „Where the Wild Things Are“ und nun die Sci-Fi-Romanze „Her“. Das Oeuvre von Spike Jonze, der für seine jüngste Arbeit einen Oscar für das Beste Drehbuch erhielt, ist geprägt von einem beeindruckenden Stilwillen. Doch nicht einzig sein leicht identifizierbarer Stil, sondern auch Fragen nach künstlicher Intelligenz und dem menschlichen Auseinanderdriften in einer technologisch fortgeschritteneren Gesellschaft sind die Themen unseres neuen Dialogs.

YP: Also da stand doch überall groß „Lost in Translation“ geschrieben …

PD: Findest du? Inwiefern?

YP: Die Großstadtaufnahmen. Die zwei etwas verlorenen Seelen, verschlungen vom großen Ganzen. Die Probleme in der zwischenmenschlichen Kommunikation. Sofia Coppola hatte doch einen großen Einfluss auf Jonze, das sieht man dem Film an. Es stört aber nicht. Beide Filme eignen sich für ein Double Feature.

PD: Jetzt wo du es erwähnst, kann ich mir eine Doppelvorführung der beiden Filme sehr gut vorstellen. Vor allem da auch noch Scarlett Johansson als verbindendes Element mit hinein spielt. Doch an „Lost in Translation“ musste ich während des Films ganz und gar nicht denken.

Meine Gedanken verliefen eher in Richtung „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“. Zudem nimmt bei Coppola die Stadt einen sehr großen Teil der Erzählung ein, während bei Jonze diese futuristische Stadt (mit ihren asiatischen Einschüben) eher dezent im Hintergrund steht.

YP: So hintergründig fand ich die Stadt gar nicht. Um in Genretypen zu reden, ich finde „Her“ als Sci-Fi-Streifen viel gelungener als den Liebesfilm „Her“. Das futuristische Setting ist demnach sehr wichtig. Was ich dem Film gänzlich abkaufe ist dieses Davondriften. Die Menschen distanzieren sich voneinander, kommunizieren über Dritte (Theodores Brotjob als Schreiber von Liebesbriefen) oder kommunizieren mit künstlicher Intelligenz (die interaktiven Computer-Spiele, Samantha). Das schreit nach absehbarer Zukunft.

PD: Das war für mich eine der ganz großen Stärken des Films. Die Stadt, die einzelnen Orte (das Büro, die Wohnung) sowie die kleinen hinein spielenden Details (Werbescreens, das 3D-Spiel oder auch die Projektion im Fahrstuhl), machen diese Zukunftsvision greifbar, aber es wird nicht demonstrativ in den Vordergrund gestellt wie, sagen wir einmal, bei Spielberg in „Minority Report“ oder „A.I.“.

Lustigerweise gefiel mir „Her“ auch als Sci-Fi-Film besser, denn als Liebesgeschichte.

YP: Ach, so betrachtet stimmt das schon, dass die Darstellung der Zukunft hintergründig ist. Aber essentiell für die vordergründige Love Story zwischen Theodore und Samantha.

PD: Genau. Es ist unumgänglich, dass der Zuseher sich in dieser Welt verliert. Wie sollte man sonst die künstliche Intelligenz Samantha auch nur im Ansatz akzeptieren.

Ansonsten wäre Samantha auf dem Niveau von Chatrobotern wie „A.L.I.C.E.“ (http://alice.pandorabots.com/).

YP: Was dann noch hinzukommt: Ich kann mich nicht mit Theodore dentifizieren. Vielleicht fehlt mir da Samanthas Körperlichkeit, um die Geschichte glaubhaft zu finden. Einzig Amys (Amy Adams) und Catherines (Rooney Mara) Verhalten wirkt ansprechend. Dann ist da noch die Umbesetzung der Schauspielerin. Das ist mir ein Dorn im Auge, denn Samantha Morton war tatsächlich präsent und hat mit den anderen am Set kommunizieren können. Scarlett Johansson hat ihre Rolle im Tonstudio gemacht. Versteh mich nicht falsch, das macht sie fantastisch, ihre Stimme ist großartig und überhaupt sehr passend für diese Rolle, aber mir fehlt da irgendwie etwas, woran ich mich festhalten kann.

PD: Das ist allerdings eine Sache der Interpretation. Du gehst davon aus, dass Samantha Morton aufgrund ihrer Anwesenheit am Set eine fühlbarere Präsenz darstellen würde, denn es Johansson (die ja, laut Jonze, auch ein paar Szenen mit Phoenix durchspielte) ist.

Dieses Fehlen des körperlichen Kontakts fand ich spannend. Denn es ist schon zu Beginn in Theodores‘ (Phoenix) Verhalten festgelegt, dass er dies nicht unbedingt braucht, und zwar als er sich in einen Chat einloggt. Das langsam sich aufbauende Vertrauen zwischen Theodore und Samantha entsteht sehr natürlich, auch wenn mir die „Flitterwochen“-Momente in der ersten Hälfte zu lange dauerten. Erst die angedeuteten weiteren Entwicklungen im Bewusstsein von Samantha (im Kontakt mit anderen Systemen) und die Auswirkungen auf ihre Beziehung, waren für mich von größerem Interesse. Da musste ich auch immer an „A.I.“ denken.

YP: Es war kein Problem für mich, die körperlose Annäherung zwischen Theodore und Samantha zu beobachten, das habe ich so erfrischend gefunden. Das Zusammentreffen auf intellektueller statt körperlicher Ebene. Die Telefonsex/Cybersex-Szene spielt sich ohnehin im Kopf ab (und nicht auf der Leinwand).
Ich habe mich allerdings gefragt, ob und wie sich Theodore Samantha vorgestellt hat? Das hat er doch bestimmt, es ist unumgänglich. Sie ist auf der einen Seite offensichtlich das Mädchen seiner Träume und auf der anderen Seite hat er ein ernstzunehmendes Problem mit Frauen aus Fleisch und Blut (Catherine und sein von Olivia Wilde gespieltes Date). Das hat ihn ein bisschen zum Freak gemacht.

PD: Das war auch eine Frage die ich mir stellte: Inwieweit hat Theodore Probleme, sich mit Frauen (oder Menschen generell) einzulassen? Mit seiner Ex-Frau Catherine scheinen aber auch so viele glückliche Momente stattgefunden zu haben, dass es mir schwer fällt, ihn einfach als Freak abzutun. Viel mehr, fand ich das Verhalten des von Olivia Wilde gespielten Blind Dates eigenwillig. Dieses Drängen auf eine Verpflichtung, auf eine sofortige Festlegung des Beziehungsstatus bzw. der Absichten von Theodore war nicht minder eigenartig.

Zudem scheint er in seiner sozialen Abkapselung nicht alleine zu sein. Die Seitenblicke auf Passanten, die auch ständig mit ihren Betriebssystemen (den OS) in Kontakt zu stehen scheinen, deuten eher auf ein gesellschaftlich akzeptiertes Muster hin.

YP: Das ist mir auch aufgefallen, darum mein Einwand zu Beginn: Ich bin überzeugt davon, dass in einer uns noch bevorstehenden Zukunft sich die Menschen voneinander noch mehr distanzieren und vermehrt über technologische Errungenschaften kommunizieren werden.

PD: Dass sich die Menschen voneinander immer mehr distanzieren löst Jonze am Ende ja schön auf. Er zeigt keinen positiven oder negativen Abschluss (vor allem die negative Variante wäre ja sehr einfach gewesen), sondern lässt alles in der Schwebe.

YP: Die Angst vor dem Menschen zum Anfassen, Angst vor Beziehungen, die es auf eine gemeinsame Zukunft abzielen. Das ist in dieser einen Szene mit seinem Date ersichtlich. Und erschreckend.

PD: Diese soziale Neurose ist aber auch nicht großartig ungewöhnlich.

YP: Das sieht man auch bei der Szene mit Catherine, als sie sich zum Lunch treffen.

PD: Da haben wir es aber mit einem frisch geschiedenen Paar zu tun. Das kann gar nicht gütlich ablaufen, was zwar ein Klischee sein mag, aber mir erscheint es stimmig, wie sich Theodore und Catherine verhielten.

YP: Catherine hat ihm Verhaltensweisen vorgeworfen, die mich in dieser Feststellung bestärkt haben: Er war schon immer ein unzugänglicher Tüftler. Ein Romantiker. Theodore will ewig schweben, von der Seifenblase umschlossen sein. Eine Frau aus Fleisch und Blut ist ihm zu viel. Das ist mir einerseits zu sentimental, andererseits zu abgehoben.

PD: Das scheint die beiden zunächst einander näher gebracht zu haben, diese Romantik und dieses ewige auf Wolken schweben. Selbst mit Samantha ist er am Glücklichsten, wenn er in dieser Verliebtheitsphase steckt. Mit ihrer Weiterentwicklung kommt er nicht klar. So wie es wohl auch bei Catherine war … dass sich ein Mensch verändert, scheint für ihn nicht vorstellbar oder verarbeitbar zu sein.

YP: Ich wollte mich so unbedingt in den Film verlieben, vielleicht war ich zu verkrampft. Somit war es nur ein harmloser Flirt mit wunderschönen Bildern.

Mir war da zu viel rosa Schleier mit der „lens flare“ Optik.

PD: Da ging es mir anders. Ich war so fasziniert von der Vorstellung einer Zukunft, in der eine künstliche Intelligenz völlig umstandslos in unser Alltags- und Liebesleben eintritt, dass ich die Mängel der Liebesgeschichte (die mir, wie zuvor erwähnt, in der ersten Hälfte einfach etwas zu langatmig ausfiel) verdrängte.

Die Optik fügt sich schön in das Set Design und passt auch zur Kleidung der einzelnen Charaktere. Alle scheinen sich im selben Laden zu bedienen.

YP: Bis auf die Szenen mit Amy hat jede zwischenmenschliche Interaktion zwischen Theodore und den Frauen (Catherine, Date, Surrogate Body) eindeutiges Unbehagen verursacht. Besonders diese Szenen in seiner Wohnung, wo das blonde Mädchen Teil der Beziehung zwischen Theodore und Samantha sein wollte. Klarerweise konnte Samantha, die keinen Körper hat, das nicht nachvollziehen, aber da tat mir der Anblick Theodores schon weh. Diese Eindeutigkeit, dass Körper und Geiste (von mir aus Seele) Hand in Hand gehen und Sex mit dem Surrogate Body wie ein Seitensprung auf ihn wirkte.

PD: Da habe ich auch Theodore verstanden. Er hat sich von Anfang an deutlich gegen diese Idee Samanthas gestellt und konnte im Endeffekt nicht auf ihren Wunsch eingehen. Dass damit wohl auch ihre Beziehung zum Scheitern verurteilt war, ist eine andere Sache.

Das war eine Szene, wo ich sein Unbehagen am allerdeutlichsten verstand.

Abseits davon: Wie fandest du die Leistung von Scarlett Johansson? Sie gewann ja beim Filmfestival von Rom den Preis für die Beste Darstellerin und war auch für weitere Preise nominiert. Meiner Meinung nach völlig zu Recht.

YP: Bewundernswert. Auch deswegen, da sie nicht am gesamten Drehprozess beteiligt war. Es muss unheimlich schwer gewesen sein, immerhin ist sie Schauspielerin. Aber sie meistert das fantastisch und wie sie es schafft, stimmlich Erstaunen, Freude, Angst, Zweifel und die restliche emotionale Palette auszudrücken.

PD: Bei Johansson war ich fasziniert, wie schnell ich sie als eigenständigen Charakter akzeptierte und dies nur allein über ihre Stimme. Bislang waren die gefeierten Arbeiten im „Voice“-Bereich meist im Animationsfilm zu finden. Etwa Robin Williams in „Aladin“ oder Ellen DeGeneres in „Finding Nemo“. Doch da konnte man auch die animierte Reaktion, zu der Stimme betrachten. Hier musste Johansson einen Charakter ganz ohne jede Hilfe auf der Leinwand erschaffen. Imponierend.

YP: Ich finde auch, dass Joaquin Phoenix sehr gut spielt. Stark reduziert, doch stets treffend, etwas verklärt, immer romantisch.

PD: Phoenix hat mir auch gut gefallen. Seine Melancholie und dann die aus ihm heraus brechende Freude. Ich konnte aber auch nicht anders und musste sah ihn stets als eine Art „Avatar“ von Spike Jonze.

YP: Die sanfte Stimme in höherer Tonlage. Der Hipster-Look. Der Schnurrbart.

PD: Alles auf den Punkt genau.

YP: Noch eine Frage, die mich persönlich sehr beschäftigt: Kommt das Publikum umhin, sich einen Körper zur Stimme vorzustellen?

Jetzt mal abgesehen von den Dreharbeiten. Mir geht es nur um den Zugang zum Film, zur Figur.

PD: Das kommt wohl auch darauf an, wie weit man sich auf den Film einlässt bzw. wie sehr das Konzept von „Her“ überzeugt. Obwohl ich von der Idee begeistert war, stellte ich mir nie einen Körper zu der Stimme vor, da es immer wieder klar war, dass es sich um ein Computerprogramm handelt.

Viel mehr beschäftigte mich die Frage, inwieweit ein Programm mit Bewusstsein entstehen kann, wenn es auf Basis alter Werke geschrieben wird, so wie es im Film ja einmal mit Alan Watts geschieht. Was hat dieses Programm mit der realen Person gemein? Inwieweit handelt es sich um zwei voneinander unterschiedliche Identitäten?

Als Beispiel: Albert Einstein ersteht auf Basis seiner wissenschaftlichen Texte von neuem als K.I. zum Leben. Inwieweit hat diese K.I. etwas mit dem echten Einstein zu tun, inwieweit ist sie aber auch ein eigenes Wesen?

YP: Aber sie hat sich auch einen Namen ausgesucht. Und die Szenen mit dem  „Surrogate Body“. Es fehlt ihr offensichtlich etwas.

PD: Samantha schon, aber was ist mit dem „Alan Watts“-Programm, welches die anderen OS-Systeme, auf Basis der Schriften von Watts geschrieben haben? Das Programm trägt den Namen und das Wissen dieser realen Person.

YP: Das ist komplex. Für mich ist es diese Körperlosigkeit eben schwer vorstellbar, weil einen Menschen erst – haptische – Erfahrungen zum fühlenden Wesen machen. Man begreift die Welt mitunter und zum größten Teil erst durchs Berühren. Durch die Sinnesorgane.

PD: Darin lag für mich der Reiz des Films. Denn auch in Computersimulationen, tauchen wir in Welten ein, ohne wirklich in ihnen zu stecken. Es fehlt auch hier der haptische Kontakt und doch fühlt man sich (in einer richtig guten Simulation), als wäre man Teil dieser Welt.

YP: Sich auf jemanden einzulassen, der diesen selbstverständlichen Erfahrungsreichtum nicht teilt, die Idee an sich ist so verführerisch. Und herausfordernd, die eigene Rezeption betreffend. Das hat ein bisschen etwas von „The Science of Sleep“ von Michel Gondry.

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