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Wenn es nach dem 2012 durchgeführten „Sight & Sound“-Poll geht, dann ist „Sunrise: A Song of Two Humans“ von F.W. Murnau der beste Stummfilm aller Zeiten, zumindest bis zur nächsten Umfrage in acht Jahren. Dass dieser Status, dem auf der Erzählebene betont simpel gehaltenem Melodram sehr wohl gerechtfertigt ist, versuchen wir in unserem neuesten Dialog zu erläutern.

YP: Rückblenden, Split-Screens, Überblendungen, Schuss-Gegenschuss, bewegliche Kamera: Diese dramaturgischen Handgriffe klingen nicht nach einem Stummfilm aus dem Jahr 1927 …

PD: 1927 war auch das Jahr, in dem sich der Stummfilm an seinem Höhepunkt befand, nur um schließlich durch die Ankunft des Tonfilms viel zu schnell von der Bildfläche zu verschwinden. Murnau hat die Kamera von ihrer starren Position befreit, das hat er bereits in „Der letzte Mann“ (1924) getan, aber in „Sunrise“ ist es geradezu perfekt umgesetzt.

YP: Damals und von William Fox nach Hollywood geholt befand sich F. W. Murnau auch am Zenit seines Schaffens. Er hatte freie Hand, und das sieht man „Sunrise“ auch an. Es ist eine durch und durch US-amerikanische Produktion, aber der Einfluss von Murnaus Gefolgschaft aus Europa liest sich in den Credits. Und diese Detailverliebtheit, diese opuleten Settings. Der Plot – adaptiert nach dem Roman „Die Reise nach Tilsit“ von Hermann Sudermann – ist nicht sonderlich originell und viel zu melodramatisch, aber den Status, den „Sunrise“ im Kanon der Filmgeschichte hat, ist fast gänzlich der technisch-filmischen Ebene zuzuschreiben.

PD: Das ist auch mein einziges Problem mit „Sunrise“, den ich auf technischer Ebene für ebenso wichtig erachte wie etwa „Citizen Kane“. Die Handlung ist sehr einfach, wie eine Fabel, aber manche Abschnitte sind einfach zu lange ausgewalzt, ohne dass sie dem Betrachter viel über die betont simpel gehaltenen Charaktere – die ja ganz bewusst nur The Man und The Wife genannt werden – erzählen. Etwa der Ausflug in die Stadt, die Jagd nach dem Schwein. Das dauert alles ein wenig zu lange.

YP: Das fand ich allerdings nicht so fatal und hat meinen Filmgenuss nicht geschmälert. Es gibt dafür einige dramatische Höhepunkte. Schnell wird man von den Ereignissen gefesselt. Tatsächlich zieht es sich ein wenig hin, aber wir sind im Jahre 2014 einfach ein anderes Tempo gewöhnt.

PD: Der Gesamteindruck wird kaum geschmälert, aber es bleibt dennoch etwas, wo meine Gedanken ein wenig zu wandern beginnen. Bei meinem liebsten Murnau-Film, seiner Adaption von Goethes „Faust“, passiert mir das nicht.

YP: Außerdem war es beabsichtigt, die Figuren allgemein zu halten, was sich nicht nur in deren Namen äußert: The Man, The Woman, The Woman from the City.

PD: Doch es stimmt, es gibt viele dramatische Höhepunkte. Sei es die Bootsfahrt in die Stadt, in der sich das Schicksal des Ehepaares dramatisch vorentscheidet, oder auch die abschließende Begegnung zwischen dem Mann und der Verführerin. Das wird von Murnau grandios eingefangen. Sehr stimmungsvoll und voller Spannung.

YP: Die Begegnung im Sumpf ist sehr düster gehalten. Es liegt auch eine Schwarz-Weiß-Malerei vor. Die Frau ist in hellem Gewand gekleidet, die Verführerin hat ein schwarzes Seidenkleid an. Subtilität war nicht wirklich notwendig, da Murnau eine Geschichte über zwei Menschen gemacht hat, die Allgemeingültigkeit haben soll und auch hat.

PD: Die Simplizität der Charaktere und der Handlung stören mich auch gar nicht, sondern nur die Länge der Ereignisse in der Stadt. Dass sich der Mann und die Frau dort verschiedenen Genüssen hingeben oder auch Gefahren ausgesetzt sind, wird mir zwischenzeitlich einfach ein wenig zu lang ausgewalzt.

Was aber in jeder einzelnen Szene auffällt, ist der Einsatz von Toneffekten. Es ist ein Stummfilm, aber Murnau hat sehr bewusst mit Effekten daraufhin gearbeitet, dass die Stimmungen und Atmosphäre der Schauplätze auch über den Ton wahrgenommen werden können.

YP: Das stimmt, das war wirklich gut eingefügt in den Stummfilm. Das Geplaudere der Menschenmassen auf diesem Jahrmarkt und im Restaurant. Die Geräuschkulisse ging schon in Richtung Tonfilm.

PD: Wie die Kamera auch in den Szenen im ländlichen und sumpfigen Gelände dahin zu schweben scheint, ist einfach wunderschön anzusehen. In seiner Rezension zu „Sunrise“ hat Roger Ebert ein wenig näher erläutert, wie dieser Effekt entstehen konnte.

Was mich besonders freut, ist die seit ein paar Jahren neu aufgekommene Wertschätzung für Stummfilme.

YP: Es heißt auch, dass „Sunrise“ und „La passion de Jeanne d’Arc“ zu den zwei letzten wirklich großen Stummfilmen zählen. Gänzlich unterschiedlich und trotzdem gebührende Vertreter des Mediums.

PD: Das würde ich so gar nicht stehen lassen. Es sind ja auch noch danach großartige Vertreter des Stummfilms entstanden, wie Dziga Vertovs „Mann mit der Kamera“ (1929) oder die Charlie Chaplin-Filme, der sich bis zu „The Great Dictator“ strikt weigerte in den Tonfilm hinüber zu wechseln.

YP: Wenn man das auf die Kontinente verteilt. „Sunrise“ ist eine Hollywood-Studioproduktion, „La Passion“ ist europäisch und Vertov hatte dann auch ganz einen anderen Zugang. Wobei es Chaplin und Murnau bestimmt leichter hatten, solche Filme zu drehen.

PD: Ja, das auf jeden Fall. Murnau bekam sämtliche Freiheiten und wäre „Sunrise“ ein finanzieller Erfolg geworden, wer weiß wozu er noch imstande gewesen wäre. So kamen dann leider nicht mehr ganz so überzeugende Werke wie „Tabu“ (1931) hinten nach.

Was mich auch fasziniert, ist dass „Sunrise“ einen Oscar als Best Picture gewann, allerdings in der Kategorie Unique and Artistic Production. Der andere Oscar-Gewinner „Wings“ erhielt ihn für „Best Production“ und heute gilt das bombastische Weltkriegsmelodram „Wings“ als offizieller erster Oscar-Gewinner in der Kategorie Best Picture. Das wirft auch ein Licht auf das Selbstverständnis der Academy.

YP: Und wenn ich einige aktuelle Best Picture Siegerfilme mit „Sunrise“ vergleiche, ist es so selbstbezeichnend für den Weg, den die Industrie eingeschlagen hat.

PD: Auch unter dem Eindruck des finanziellen Erfolgs bzw. Misserfolgs.

YP: In dem Sight & Sound Poll von 2012 liegt „Sunrise“ VOR „Man with the Movie Camera“ und „La passion de Jeanne d’Arc“, was mich auch ein wenig überrascht.

PD: Was mich dabei mehr überraschte, war die Tatsache dass sich auf Platz 11 mit „Panzerkreuzer Potemkin“ bereits der nächste Stummfilm in dieser Wertung befand.

Unter den ersten 11 Filmen befinden sich vier Stummfilme. Das ist ein überraschend hoher Wert, zeigt aber vor allem den neuen hohen Stellenwert des Stummfilms.

YP: Genau.

PD: Es werden auch immer mehr beinahe vergessene Werke ausgegraben oder einen neuen Betrachtung unterzogen, wie etwa das 1927/1928 entstandene Stummfilm-Trio „Underworld“/“The Last Command“/The Docks of New York“ von Josef von Sternberg.

YP: Wohlgemerkt, das ist eine sehr subjektive Wertung, aber tatsächlich spielt der Stummfilm auch in meinem Filmverständnis eine sehr große Rolle.

PD: Was mir aber auch diesmal bei „Sunrise“ auffiel war, dass ich mit dem Herzen doch mehr an „Faust“ und „Nosferatu“ hänge. Das mag wohl auch damit zusammen hängen, dass ich die beiden Filme als Teenager sah und „Sunrise“ erst später im Laufe des Studiums kennen lernte.

YP: Nein, das ist mir nicht passiert. Ich entdecke einen Film jedes Mal von Neuem. Den letzten Murnau habe ich vor viel zu langer Zeit gesehen, da würde ich den Film um eine ehrliche Bewertung bringen, würde ich irgendwelche sentimentalen Erinnerungen mit hineinnehmen.

PD: Der Sentimentalität kann ich mich nicht ganz entziehen. Das schmälert auch gar nicht meinen Eindruck von „Sunrise“, aber es schleicht sich doch immer der Gedanke ein …

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