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Viel zu jung verstarb der österreichische Filmemacher Michael Glawogger. Er hinterlässt ein bildgewaltiges Werk von Dokumentarfilmen und Spielfilmen. In diesem Dialog beschäftigen wir uns mit beidem und in welchem Bezug seine Filme zueinander stehen.

YP: Von allen Filmen, die ich von Glawogger nun kenne, ist „Workingman’s Death“ der beeindruckendste für mich. Kraftvoll, imposant, Grenzen ergründend. Visuell unvergleichlich mit  unvergesslichen Bildern.

PD: Das sehe ich genauso. „Workingman’s Death“ war auch der erste Film von Glawogger, den ich zu sehen bekam. Auf der großen Leinwand entfaltet sich diese Kraft der beeindruckenden Bilder, eingefangen von Wolfgang Thaler, noch um eine Spur mehr. Erst danach habe ich begonnen, mich mit anderen Arbeiten von ihm zu beschäftigen.

Dabei fiel mir auf, dass mir der Dokumentarist Glawogger mehr zusagte, denn der Spielfilmemacher Glawogger.

YP: Das ist eine Eigenschaft, die ihn als Filmemacher daher umso mehr auszeichnet. Seine Spielfilme haben mit dem Dokumentarfilmen auch kaum etwas gemeinsam. Eine unglaubliche Qualität liegt den Dokumentarfilmen zugrunde, wobei die Spielfilme kleine erlesene Genreperlen sind.

PD: Deshalb ist sein Verlust aus künstlerischer Sicht umso schmerzlicher. Seine Projekte waren immer darauf ausgelegt, Grenzen auszuloten. Er legte sich nicht auf bestimmte Formen fest. Deshalb ist ja auch seine ihn weltweit bekannt machende Dokumentarfilm-Trilogie „Megacities“ – „Workingman’s Death“ – Whores‘ Glory“, so beeindruckend, da er sich jeglicher moralinsaurer Kommentare verweigert.

Genau wie auch in seinen Spielfilmen, in denen es vor unsympathischen Charakteren nur so wimmelt. Doch er lässt jedem Charakter seinen Raum. Selbst wenn ich es mir, vor allem bei den Spielfilmen, öfter wünschte, dass er etwas rigider mit den Charakteren vorgegangen wäre.

YP: Meine erste Zusammenkunft mit Glawogger war sein Spielfilm „Nacktschnecken“, das muss vor 10 Jahren gewesen sein, irgendwann im Donnerstags-Nachtprogramm des Öffentlich-Rechtlichen. Ich kann mich erinnern, wie ich zu gleichen Teilen etwas verstört und begeistert war. Ein kleiner Film, voller Seitenhiebe auf die Gesellschaft und mit ungewöhnlichem Humor.

PD: Das hat ihn vom Komödien-Mainstream in Österreich abgehoben. Die typisch-österreichische Komödie ist im Stil von „Freispiel“ oder „Poppitz“ gehalten, doch Glawogger hat sich in seinen Genrearbeiten immer Ecken und Kanten geleistet. Oberflächlich leicht zugängliche Ware, die dann mit bitterbösem Humor oder auch bewusst gesetzten Albernheiten versehen waren. Da ist mir allerdings der auch visuell verspieltere „Contact High“ besser in Erinnerung geblieben als „Nacktschnecken“.

Eine eigenwillige Beziehung habe ich zu „Slumming“. Der Film selbst hat mich ganz anständig unterhalten, und die Darsteller waren allesamt gut – vor allem Paulus Manker als Obdachloser -, aber da ich damals Michael Glawogger interviewen durfte, hat dieser Film einen spezielleren Platz bei mir. Obwohl ich „Slumming“ gar nicht so beeindruckend fand.

YP: Ich frage mich, ob mir seine Spielfilme deshalb zusagen, weil sie in gewisser Weise diesen „österreichischen Humor“ haben, wenn es so etwas wie einen „österreichischen Schmäh“ überhaupt gibt. Die wirken auch sprachlich charmant. Und die Charaktere darin sind so herrlich bizarr und verspielt. Nichtsdestotrotz sind es die Dokumentarfilme, die mehr von Bedeutung sind. Mir scheint es auch, als waren die Spielfilme für ihn notwendige Beschäftigungen, die er nach seinen Reisen und Dokumentarfilmen gebraucht hat, um wieder hier anzukommen.

PD: Da bin ich mir gar nicht so sicher, denn auch in den Dokumentarfilmen gibt es sehr viele inszenierte Passagen. Mein liebster Abschnitt in „Megacities“ ist „The Hustler“, und die Geschichte, in der ein junger Mann mit dem Versprechen nach willigen Prostituierten übers Ohr gehauen wird, wirkt bis zu einem gewissen Grad inszeniert, zugleich aber auch unglaublich komisch. Diese Grenze zog er, so schien mir, keineswegs so genau.

Ich erinnere mich noch, dass Hans Hurch Glawoggers „Slumming“ nicht bei der Viennale aufführen wollte, da er dieses „Rotzbubenkino“ (http://www.falter.at/falter/2006/10/10/das-ist-rotzbubenkino/) nicht haben wollte. Darin liegt auch viel Wahrheit, denn sein Humor war schon sehr albern und verspielt. Darin liegt aber auch die Stärke seiner Komödien.

YP: Die Frage stelle ich mir gar nicht so, bei Betrachtung seiner (oder anderer) Dokumentarfilme. Natürlich gibt es Inszeniertes und inszenierte Passagen, da brauchen wir gar nicht über Dokumentarfilme zu sprechen. Es ist nun mal so, dass – wenn eine Kamera auf etwas gehalten wird – sich die Dynamik immer verändert. Wichtig ist mir, was dabei herauskommt und wie die Bilder wirken.

Da habe ich dann dieses Zitat am Ende von „Megacities“ im Kopf: „Escapism of any kind is good“. Das mit dem Eskapismus. Eskapismus für die Leute, die gefilmt werden; die Leute, die daran arbeiten. Und natürlich auch für das Publikum. Obwohl die Dokumentarfilme auch immer was Nüchternes haben.

PD: Genau in diesem Geiste funktionieren seine Dokumentarfilme dann auch besser, denn die Spielfilme. Obwohl ich ja „Contact High“ bei meiner erneuten Sichtung besser fand und mich einzig „Das Vaterspiel“ wirklich wütend aufgrund der mageren Qualität zurückgelassen hat.

In den Dokumentarfilmen scheint mir auch viel mehr Freiheit zu liegen. Er arbeitete sich zwar an einer Thematik ab (Leben im modernen urbanen Raum, Arbeiterklasse im 21. Jahrhundert, Prostitution), aber ließ sich davon nicht eingrenzen. Das führte dann zu diesen bildgewaltigen, weltumspannenden Werken. Die Spielfilme scheinen mir da ein wenig eingezwängt in ein erzählerisches Korsett.

YP: Ich bin bei dem Kapitel „Löwen“ aus „Workingman’s Death“ an meine Grenzen gegangen. Das haben sich mir Bilder offenbart, wo ich als Zuschauerin nicht mehr wusste, wie ich die verarbeiten soll. Wie die Menschen in ihrem Arbeitsalltag eingebettet sind. In was für einer anderen – mir gänzlich fremden – Welt sich das befindet.

PD: Das war wirklich ein Blick in eine völlig fremde Welt, auch in ein Afrika, wie man es nur selten auf der Leinwand zu sehen bekommt. Vor allem in dieser Intensität.

YP: Und das waren für mich die verstörendsten Bilder, weil sie auch so schonungslos offen gezeigt wurden. Ich konnte förmlich die Rauchschwaden spüren, den Gestank wahrnehmen. Interessant und äußerst positiv empfand ich dann zum Beispiel „Whore’s Glory“. Die jungen Frauen – wie sie gezeigt wurden, ihre Beziehungen zu den Freiern. Auch die Freier, die menschlich dargestellt wurden.

PD: “Whores’ Glory“ führt da einen Erzählstrang aus „Megacities“ weiter, und deshalb war ich zunächst skeptisch, aber genau dieser exakte Blick auf die Lebensumstände der Prostituierten hat mir sehr gut gefallen. Dass die Freier frei von der Leber weg sprechen, macht sie nicht unbedingt sympathischer (vor allem die Freier in Bangladesch erschienen mir zwischenzeitlich wie unkontrollierte Wesen), aber es gibt auch hier keine Wertung. Jegliche moralische Wertung, entsteht einzig im Kopf des Betrachters.

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