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Zwölf Jahre nahm sich Richard Linklater Zeit, um einem sechs Jahre alten Buben beim Heranwachsen zuzusehen. Jedes Jahr filmte Linklater mit denselben Schauspielern ein paar Tage und ließ so das außergewöhnliche Porträt eines Kindes das langsam zum Mann wird entstehen. Welche Qualitäten hinter dem interessanten Konzept von „Boyhood“ stecken, besprechen wir in unserem neuesten Dialog.

YP: „Boyhood“ dauert über 160 Minuten. Mit Werbung und Trailern sitzt man über 3 Stunden im Kino. Dem Film ist das keine Minute anzumerken. Da wurde immer im richtigen Moment geschnitten, die Zeitsprünge geschahen zum richtigen Zeitpunkt. Somit war ich jedes Mal von neuem gefesselt.

PD: Bei mir begann sich ein wenig Ungeduld einzustellen, als Mason beinahe ein erwachsener Mann war. Die Probleme und Sehnsüchte die er hatte, wurden in etwas gestelzten Dialogen behandelt.

Doch bis dahin war der Film keine Sekunde zu lang und ich war beeindruckt, wie Linklater die Zeitsprünge unterbrachte. Zum Teil fiel es mir erst nach einigen Augenblicken auf, dass man wieder ein Jahr weiter ist. Das war großartig gemacht.

YP: Auch war es bis zur Masons Pubertät schwer einzuschätzen, wie alt er war. Das verrieten meistens seine Haare. Oder die Menschen in seinem Umfeld.

PD: Bis zu seiner Pubertät war ja eher seine Schwester Samantha eine Art Wegmarkierung, da sich ihr Stil von Jahr zu Jahr veränderte.

Auch waren die Erlebnisse von Mason als Kind, von einer melancholischen Schwere und gleichzeitig wunderschönen Unschuld durchzogen. Da fühlte ich mich auch ein wenig an „The Tree of Life“ erinnert.

YP: Mitten im Film dachte ich mir, wie viel der Schauspieler Ellar Coltrane von sich preisgegeben hat. Seit seinem 6. Lebensjahr kann man ihm beim Erwachsenwerden zusehen. Alle Stadien sind abgedeckt. Das ist in gewisser Weise richtig einzigartig.

PD: Als Vergleich werden ja oft die Antoine Doinel-Filme von Truffaut heran gezogen, doch ich musste viel mehr an die „Up“-Dokumentarreihe von Michael Apted denken. In einer eigenwilligen Solidarität zum Projekt, gibt man immer wieder etwas von sich Preis. Profis wie Ethan Hawke (der den essenziellen Linklater-Charakter spielte und dem ich genauso gern beim Älter werden zusah) und Patricia Arquette, konnten da wohl auch mehr Distanz zum Film aufbauen, denn Ellar Coltrane und die anderen Kinder- und Jugenddarsteller.

YP: Mir ging es dabei eher so, als würde ich im Familienalbum von jemandem stöbern. Lassen wir den fiktiven Aspekt der Geschichte hier weg. „Boyhood“ ist Sarah Polleys „Stories We Tell“ gar nicht so fern. Außer, dass sie weiter in ihrer Familiengeschichte ausholt.

PD: „Stories We Tell“ habe ich leider noch nicht gesehen, aber ja, diese Intimität und Nähe – obwohl man einer fiktiven Handlung zusieht – ist unübersehbar. Wohl deshalb, behält sich Linklater wohl auch bis zum Schluss seinen Optimismus und seine Lebensfreude. Alles wirkt aufregend und schön.

YP: Aber „Boyhood“ zeigt schon ein bisschen das Scheitern der Männer. Vielleicht hat mich das ein bisschen gestört. Und das Gespräch Masons mit seinem Vater zum Schluss, weil sich dieser geweigert hat erwachsen zu werden.
Es war so, als würde ich Mason in die Fußstapfen seines Vater stapfen sehen. Als sei das vorprogrammiert.

PD: Seine Bindung zum Vater war auch ambivalent. Das war vor allem zu sehen, als der Vater aus Alaska zurückkehrte und seinen Kindern mehr oder weniger erklärte, dass ihre Mutter am Zerbrechen der Familie Schuld wäre. Der einzige Moment in dem Mason von seinem Vater enttäuscht war, war als es um den Verbleib des GTO ging.

YP: Es gab weniger Konfliktpotential mit dem Vater, weil dieser eben nicht rund um die Uhr da war. Aber dieses Auto-Gespräch hat auch aufgezeigt, dass der Vater endlich erwachsen geworden ist.

PD: …und sich zu einem Spießer entwickelt hat.

Er hat eine realistische Sicht auf die Welt entwickelt. Dass er dabei auch auf die Gefühle seiner Schwiegereltern in Bezug auf die Taufe seines Sohnes Rücksicht nahm, war für mich der Knackpunkt.

YP: Ich würde ihn nicht als Spießer bezeichnen, eher als verantwortungsbewusst!

PD: Spießer (und das meine ich ja gar nicht als Schimpfwort) eher im Vergleich zu seinem vorherigen Auftreten. Zunächst war er der coole Lebemann und Musiker der mit dem GTO herum kurvte (die auch gar keine Sicherheitsgurte hatten) und dann taucht er plötzlich mit Oberlippenbart, gebügeltem Hemd und Minivan vor der Tür auf.
Die Chemie zwischen Ethan Hawke und Ellar Coltrane war auch fantastisch. Ich glaubte ihnen sofort, dass sie Vater und Sohn sind.

YP: Ja, der Vater war eben auch ein Sinnsuchender. Genau so, wie mir dann Mason als Teenager schien. Darum sage ich eben auch, es ist in meinen Augen vorprogrammiert, dass sich Mason in seinen Vater verwandeln wird.

PD: Das wäre eine interessante Fortsetzung, auch wenn ich daran zweifle, dass sich Linklater noch einmal 12 Jahre Zeit nimmt. Obwohl seine Inszenierung so schwere- und mühelos wirkte. Selbst die popkulturellen Referenzen (mit Coldplay und Sheryl Crow zu verorten, in welcher Zeit man sich befindet) waren nie aufgesetzt.

YP: Nein, und die politischen Veränderungen waren immer treffend erwähnt, nie viel zu viel. Die Szene mit den Obama-Plakaten war ja großartig!

PD: Der Redneck-Nachbar mit der konföderierten Flagge, der am Ende der Diskussion einem Teenie-Buben mal so nebenbei damit droht, ihn zu erschießen.
Es bleiben so viele Sequenzen in Erinnerung.

YP: Der Texas-Großvater mit der Flinte!

PD: …oder der Anzug, der Mason viel zu groß war.
Eine kleine Szene die mir auch in Erinnerung blieb war, als Mason in seine neue Schule, in die neue Klasse kommt und neben Kyle gesetzt wird. Jahre später, sieht man wie Mason auf der Toilette von eben diesem Kyle angemacht und mit Prügel bedroht wird. Der Gedanke was in den Jahren passiert sein mag, ist faszinierend.

YP: Die Trunkenbolde haben mich gestört. Musste auch wirklich jeder ihrer Männer ein Alkoholiker sein? Hängt es mit der Wirtschaftskrise zusammen. Ich weiß es nicht, aber es war zu viel. Bis auf den Papa, dessen einziges Vergehen es war, nicht rechtzeitig erwachsen zu werden.

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