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Die Fußballweltmeisterschaft in Brasilien ist in vollem Gange, was für uns genau der richtige Vorwand ist, um die filmische Seite des Spiels zu betrachten. Diese Woche behandeln wir mit „Zidane – A 21st Century Portrait“ und „Maradona by Kusturica“ zwei sehr eigenwillige und kreative Ansätze im Dokumentarfilm.

YP: Die Dokumentar-Formate „Zidane – A 21st Century Portrait“ und „Maradona by Kusturica“ könnten unterschiedlicher nicht sein …

PD: Sie zeigen auch zwei sehr ungewöhnliche Vorgehensweisen. Ich kannte bis dahin nur Fernsehdokumentationen, die recht uninspiriert den Lebens- und Karriereweg eines Fußballers abfeierten, oder die ein wenig an MTV gemahnten leicht konsumierbaren Dokus wie „Once in a Lifetime“ über den Glamourfaktor rund um das Spiel.

YP: Zuerst war ich etwas stutzig, als der Kusturica-Maradona seinen Lauf nahm. Aber nach und nach bekommt man ein gutes Gefühl dafür, was der Filmemacher hier vorhatte. In Kusturica sehe ich einen großen Maradona-Fan, der sich mit seinem Film einfach einen Jungbubentraum erfüllen wollte. Der Drehprozess zeigt auch die Arbeitsweise eines Filmemachers.

Da ist was dran an diesem Film. Nicht so viel von Maradona steckt schließlich, aber das ist irrelevant. Viele Zuschauer werden sich vor den Kopf gestoßen gefühlt haben, da bin ich mir sicher!

PD: Ich bin einer dieser Zuseher, die sich vor den Kopf gestoßen fühlten.

Denn bei mir war es genau umgekehrt. Anfänglich war ich von Kusturicas Ansatz eingenommen, da es die leichte und geradezu kindlich befreite Seite von ihm zeigte, der sich den Traum erfüllte, den von ihm so verehrten Fußballer zu dokumentieren.

Wie er dann aber vor allem eine politische Agenda in diese Gespräche hinein arbeitet, die so ganz und gar nicht hinein passt, hat mich einfach nur verärgert. Er verknüpft die zum Teil oberflächlichen Aussagen von Maradona, mit haltlosen Verbindungen. Es wird geradezu eine „Allianz“ hergestellt, die einfach nicht da ist.

YP: Aber er zeigt den Fußballer abseits des Feldes. Vielmehr als andere – vor allem besagte TV-Doku-Formate – geht er eben auf seine politische Tätigkeit ein. Da bleibt auch der Satz hängen, der bezeichnend für den ganzen Film steht: „Wäre er nicht Fußballer geworden, wäre Maradona wohl Revolutionär geworden“.

PD: Dieser Satz zum Beispiel ist purer Blödsinn. Hier wird sein Status als prominenter Fußball schlicht überhöht.

YP: Ja, da gebe ich dir vollkommen recht. Vor allem eben, weil er erst durch seinen Status als Fußballer und Prominenter sich einen Status als politisches Sprachrohr aufbauen konnte.

PD: Maradona hat derartige Dinge schon so oft von sich gegeben, dass man dem „Mann neben dem Platz“ kaum noch ausweichen konnte. Seine Freundschaft zu Fidel Castro oder sein Einsatz für Hugo Chavez und Evo Morales. Da ist nicht wirklich viel Neues dabei und so wie es Kusturica zeigt, ist es, je länger der Film läuft, immer schwerer, sich in Ruhe das anzusehen.

YP: Das mag Kusturica etwas überzeichnet dargestellt haben, aber für mich ist seine Annäherung einfach nur ein Roadmovie, welches Maradona eine Zeit lang begleitet. Ein kurzweiliges Vergnügen. Wenn Kusturica zu philosophieren anfängt, wird das fad. Aber es ist ein Fanmovie!

PD: Ein eher ärgerliches Fanmovie, da er auf den Personenkult rund um Maradona kaum eingeht. Die Maradona-Kirche zum Beispiel, wird einfach nur abfotografiert und nicht analysiert.

Dass hier etwas faul ist, wurde mir klar, als Kusturica die beiden Tore Maradonas gegen England bei der WM 1986 als „Rache“ für den Falklandkrieg darstellte. Dass Maradona selbst sich sehr kritisch zum argentinischen Regime äußert, überging Kusturica einfach. Es passte ihm offenbar nicht ins Bild. Stattdessen musste ein völlig aus der Luft gegriffener Sex Pistols-Bezug her. Das hat mir das Vergnügen eines eher persönlich gefärbten Fanfilms verleidet.

Da war mir die geradezu museale Installationsform von „Zidane“ viel lieber.

YP: Wobei es Douglas Gordon und Philippe Parreno, die Macher von „Zidane“ viel leichter haben. Erstens machen sie etwas noch nie Dagewesenes mit ihrem experimentellen Film. Vor allem den Sportfilm betreffend. Dann aber auch lassen sie einfach die Bilder für sich sprechen.

PD: Gut, auf die Idee muss man aber auch erst einmal kommen. Niemand hat Emir Kusturica vorgeschrieben seinen Film derart zu gestalten.

Gordon und Parreno zeigen auch weniger einen Fußballfilm, sondern mehr schon eine Annäherung an Athletik, Physis und auch Starkult.

YP: Wenn ich ehrlich bin, diese filmische Annäherung an „Zidane“ erscheint mir als die logischste. Sie zeigen ihn beim Fußball. Am Spielfeld. Es gibt kein Interview, nur Perspektiven, Blickwinkel, sogar seine Atmung wird ins Auge gefasst. Gelegentlich hören wir Pfiffe und Buh-Rufe des Publikums, oder die hysterischen Sportkommentatoren. Es geht wirklich 90 Minuten lang um Zidane. Und das Schöne ist: Man kann seine Augen nicht abwenden. Das hat etwas Einnehmendes.

PD: Interessant wäre es, dieses Konzept auch bei anderen Sportlern anzuwenden. Nur, welcher Sport käme da in Frage? Beim Fußball gibt es auch genügend Momente, in denen der Spieler eher ruhig auf seiner Position verweilt. Als Zuseher hat man dann auch die Möglichkeit, sich dem „Objekt“ noch eingehender zu widmen.

In dieser Form, hatte das schon etwas von Andy Warhol für mich. Wir sehen diesem Mann ja auch nur deshalb zu, weil es Zinedine Zidane ist. Irgendein Nobody-Fußballer würde kaum diese Aufmerksamkeit bekommen.

YP: Du meinst, es gibt keinen anderen Fußballer, mit dem das möglich gewesen wäre?

PD: Andere prominente Fußballer hätten sich angeboten (Beckham etwa) oder würden sich anbieten (Christiano Ronaldo, Lionel Messi). Ein eher unbekannter Spieler, würde wohl kaum diese Aufmerksamkeit bekommen, und bei vielen anderen Sportarten ist diese Art der Beobachtung schwer durchzuführen.

YP: Aber über unbekannte Fußballer macht kaum jemand Dokumentationen. Es geht sowohl in „Zidane“ als auch Kusturicas „Maradona“ um die Ikonen. Die Superstars.

PD: Dokumentationen über junge und noch unbekannte Talente gibt es aber auch (im Basketball etwa „Hoop Dreams“).

Mir erschien nur die Herangehensweise an „Zidane“ viel analytischer. Es ging mehr um die Form und weniger um die dargestellte Person. Diese war eher Mittel zum Zweck und damit sich jemand damit auseinandersetzt, musste die zwangsweise populär sein.

YP: Das schon! Aber auch die Tatsache, dass es sich eben um Zidane handelt. Es gibt etliche unzählige Wege, wie man Zidane hätte inszenieren können. Und die haben sich darauf berufen, gar nichts Großartiges zu machen, sondern ihn einfach am Feld zu filmen. Das hat irgendwie etwas Minimalistisches. Wobei natürlich 17 Kameras eher Größenwahn aufzeigen. 17 Mal 90 Minuten ist auch sehr viel Filmmaterial. Es wurde viel selektiert, viel geschnitten. Keineswegs wirkt es jedoch inszeniert, wobei es das natürlich ist.

PD: Was mir weniger gefiel, war die Musikauswahl. Manchmal hat sie hervorragend dazu gepasst und an anderen Stellen war sie „verunglückt“.

YP: Insgesamt fand ich den Score gelungen. Vor allem dann zum Schluss hin, bei diesem „Vorfall“. Da kommt sehr viel Spannung dabei heraus.

PD: Ja, in den besten Momenten verbinden sich Bild und Ton sehr gut.

Lustig finde ich, dass die Dokumentation den Aspekt konterkariert, dass es sich bei Fußball um einen Teamsport handelt. Denn immer wieder mal geraten andere sehr prominente Spieler ins Blickfeld (Roberto Carlos, David Beckham), es geht aber einzig um Zidane.

YP: Da muss ich dir widersprechen. Auch wenn hier der Fokus nur auf einem einzelnen Spieler liegt, so ist dieser immer im gesamten Spielverlauf involviert. Keine Sekunde lang habe ich auf seine Mitspieler vergessen, sie sind aber nur Randfiguren. Wie du schon oben schreibst, ein R. Carlos oder ein Beckham werden nicht wirklich wahrgenommen, aber Zidane kommuniziert mit ihnen, das kriegt man mit.

PD: Es waren bei mir eher Seitenblicke, eben da die Kamera(s) stets auf Zizou gerichtet waren. Man sah eher aus dem Augenwinkel vorbei huschende Mitspieler. Das fand ich recht amüsant.

YP: Ich weiß nicht, wie es dir ging, aber es schwingt sehr viel Wehmut mit. Ist Maradona für mich lediglich ein Fußballer, der einen berühmten und klingenden Namen hat, so habe ich Zidane angefeuert und habe mitgefiebert. Für mich nimmt „Zidane“ auch eine nostalgische Seite ein.

PD: Nein, so ging es mir ganz und gar nicht. Mein erstes wirklich bewusst erlebtes Turnier war die EM 1992 und noch klarer dann die WM 1994. Da habe ich auch den letzten großen und auch skandalösen Auftritt von Maradona vor dem Fernseher erlebt (http://www.youtube.com/watch?v=xfwFg7n92Ck).

Die Nostalgie schwingt da eher bei den Spielern dieser beiden Turniere mit. Etwa immer wenn ich den Dänen Brian Laudrup oder den US-Amerikaner Alexis Lalas irgendwo erblicke. Da kommt bei mir Nostalgie auf.

YP: Ich habe erst 1998 begonnen zu schauen. Das war Zidanes große Stunde.

PD: Mit den Franzosen habe ich 1998 auch mitgefiebert, allerdings auch „nur“, da „meine“ Engländer um die damals noch jungen Michael Owen und David Beckham früh aus dem Turnier flogen.

Die EM 1996 war die schmerzhafteste Erfahrung. Der letzte große Auftritt von Paul Gascoigne.

YP: Und das Finale der WM 2006 hat mir das Herz gebrochen. Seitdem ist Fußball nicht mehr das, was es für mich war.

PD: Ach ja, Zidanes Aussetzer und das etwas unwürdige aber auch denkwürdige Ende einer großen Karriere. Zumindest wurde dieser Moment in einer Skulptur verewigt, die vor dem Centre Pompidou in Paris steht.

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