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Beinahe 40 Jahre hat Steven Spielbergs legendärer Blockbuster „Jaws“ (1975) nunmehr auf dem Buckel und hat doch nichts von seiner Faszination verloren. Was macht den Hai-Klassiker so anziehend und wo steht er im Vergleich zu anderen Werken Steven Spielbergs? Eine Annäherung an den ersten Blockbuster des einstigen Wunderkindes.

PD: Du hast „Jaws“ im Rahmen der Haydn Classics (das English Cinema Haydn feierte auf diesen Weg sein 100-Jahr-Jubiläum) gesehen. Wie war es, diesen Klassiker in einer schönen 35mm-Kopie zu betrachten? Ich kenne den ja nur von VHS-Bändern oder der DVD.

YP: War er ja nicht! Es war digitally remastered. Aber die Leinwand war schön groß und ich hatte tolle fußfreie Sitze!

PD: Ich hatte bei meiner erneuten Sichtung meinen alten Fernseher vor mir, dazu allerdings auch fußfreie Plätze.

YP: Nachdem ich den Film nun über zehn Jahre nicht mehr gesehen hatte, war das schon beeindruckend, ihn erstmals auf der großen Leinwand zu bewundern. Und ich habe mich köstlich amüsiert.

PD: Bei mir ist es etwa acht Jahre her, seitdem ich ihn das letzte Mal sah, aber ich war sehr überrascht, wie blutig „Jaws“ ist. Das hat mich sehr überrascht.

YP: Deine Sichtungsweise hat etwas Nostalgisches. Immerhin kenne ich den Film aus dem spätabendlichen Fernsehprogramm der deutschen Privatsender.

PD: Mir haben meine älteren Cousins stets von „Jaws“ vorgeschwärmt und so lernte ich ihn erstmals am kleinen Fernseher, als VHS-Kopie, bei meinen Verwandten kennen.

YP: Als filmaffine Nachtschwärmerin bin ich ohnehin nicht um „Jaws“ herumgekommen. Als ich den Film als Teenie sah, war mir ja nicht einmal Steven Spielberg ein Begriff. Das hat sich erst später zusammengefügt, durch die Indiana-Jones-Reihe, „E.T.“ und vor allem natürlich „Schindler’s List“.

PD: Spielberg war mir bereits ein Begriff, allerdings nur als Name, der mit Mainstream-Filmen in Verbindung gebracht werden konnte. Zum Beispiel als Produzent von „The Goonies“, „Gremlins“ oder „Back to the Future“.

Es hat länger gedauert, bis ich ihn auch als Regisseur entdeckte. Dabei konnte ich „E.T.“ nie ausstehen. Erst der Thrill und die Freude von „Jaws“ und den „Indiana Jones“-Filmen, haben mich seinem Schaffen näher gebracht.

YP: Ging mir genauso. Was mir nur bei meiner Wiederentdeckung von „Jaws“ in den Sinn gekommen ist: Den habe ich damals in viel zu jungen Jahren gesehen. Und amüsiert war ich von den Einzeilern („You’re going to need a bigger boat“) und dem Schmäh. Ich muss gestehen, dass mir die Gewalt gar nicht als solche ins Auge fällt. Das führe ich darauf zurück, dass sich eine gewisse Toleranzgrenze gegenüber gewalttätigen Inhalten manifestiert hat. Das ist erschreckend, aber Realität.

PD: Heute, bei einer erneuten Sichtung, kann ich mich darauf konzentrieren, wie der Film aufgebaut wurde, wie er gemacht wurde. Als Kind und auch später als Teenager, war ich versessen darauf, wann denn der Hai zuschlagen würde. Dass man viel Blut, aber kaum den Hai selbst zu Gesicht bekommt, überrascht mich allerdings immer wieder.

YP: Der Wiedererkennungswert des Scores ist als Kultfilm auch sehr groß.

PD: Bei dieser erneuten Sichtung hat mich ebenfalls überrascht, wie effektiv und doch auch unaufgeregt der Soundtrack von John Williams ist. Heute würde solch ein Film, wohl mit einem ständig dahin trommelnden und dröhnenden Klangteppich unterlegt werden.

Mir stach dabei ins Auge, wie sehr sich Spielberg mit den Jahren veränderte. Man vergleiche den Blockbuster „Jaws“ mit dem Blockbuster „Jurassic Park“.

YP: Die Wiederentdeckung ist natürlich um so viel reicher als Seherlebnis, weil es filmtechnisch und dramaturgisch so viel zu entdecken gibt. Auch dieser Spannungs- und Suspense-Aufbau, mit dem sich Spielberg begnügt. Wie er die Leinwandpräsenz des „Great White“ so minimal gestaltet, vor allem was die erste Hälfte des Films betrifft.

PD: …und dann gibt es da auch noch dieses Männer-Trio, welches so stark im Gedächtnis bleibt, auch abseits der eingängigen Dialogzeilen.

Ich musste ständig diese Vergleiche mit „Jurassic Park“ in Gedanken durchspielen. In „Jurassic Park“ ist alles auf der Überwältigung und der Bewunderung der Monster aufgebaut, zudem sind Kinder als Charaktere viel stärker in dem Film präsent. In „Jaws“ wird über Geschichten und Photographien von Wunden, die Gewalt und Gefahr und somit auch der Horror rund um den „Great White“ erzeugt. Es ist mehr ein wohliges Gruseln.

YP: Die gesamte Konstellation zum Schluss (die drei Männer auf dem winzigen Schiff) wirkt etwas grotesk. Auch wie Hooper (Dreyfuss) dann mit seinem instabilen Haikäfig unter Wasser begibt, das hat etwas Bescheuertes. Ich schätze aber, dass die Verzweiflung bei den Männern groß war. Wobei Brodys (Scheider) Idee, wie er schließlich mit dem Hai fertig wurde, einfach gut passt.

PD: Das ganze Unterfangen wirkte auf mich, als ob die Männer bewusst in den Tod gehen würden. Sie sind auf einem alten, klapprigen Boot und eher schlecht denn recht ausgerüstet. Als sie dann anfingen, ihre Narben zu vergleichen und Geschichten auszutauschen, fühlte ich mich wie in einem Kriegsfilm. Als wären dies hier Todgeweihte Soldaten im Schützengraben.

YP: Obwohl für den Haijäger Quint es die letzte Fahrt war. Der war doch auf einem Vergeltungstrip. Brody schien mir als einziger einigermaßen vernünftig und es war auch klar, dass da was bei ihm auch unter der Oberfläche schlummerte, was mit Haien in seiner Vergangenheit zu tun hatte.

PD: Quint hatte ja auch seinen Vergeltungstrip, nachdem das Marineschiff sank und viele der Überlebenden von Haien gefressen wurden, bevor sie gerettet werden konnten. Doch ja, von der Handlungsweise der Charaktere, schien mir einzig der Wasserscheue Brody, mit der nötigen Vorsicht an die Jagd heran zu gehen. Quint und Hooper wirkten beinahe Selbstvergessen.

Den Schluss fand ich aber, bei aller Liebe, einfach unglaubwürdig.

Der explodierende Hai, war ein wenig zu übertrieben auf den Showeffekt hin gedreht. Auch wenn ich diese Anekdote zum Showdown sehr mag: „Peter Benchley was not happy with Steven Spielberg’s ending where the shark is killed when a compressed air tank explodes in its mouth, claiming it was unrealistic. Spielberg defended himself by saying he will have held his audiences‘ attention for two hours and they would believe anything in the end no matter how unrealistic or unbelievable the ending really was.“

Damit sagt Spielberg ja, dass, egal wie unrealistisch das Geschehen ist, das Publikum dir Glauben schenkt, sofern du es zuvor gefesselt hast.

YP: Das schreibt der verstorbene Roger Ebert in einer retrospektiven Besprechung über „Jaws“: „Before „Jaws,“ he was known as the gifted young director of films such as „Duel“ (1971) and „The Sugarland Express“ (1974), After „Jaws,“ „Close Encounters of the Third Kind“ (1977) and „Raiders of the Lost Ark“ (1981), he was the king.“

PD: Das habe ich auch gelesen. Ebert drückt schön auch den neu gewonnen Status von Spielberg nach dem Kassenerfolg aus.

YP: Womit er den Nagel auf den Kopf trifft. Spielberg hatte freie Bahn nach so einem Film. Und das Schöne daran ist auch, dass es absolut nachvollziehbar ist, weil eben „Jaws“ kaum an Reiz einbüßt. Und wir sprechen von einem Zeitraum von knapp 40 Jahren.

PD: Da stimme ich dir voll und ganz zu. Auch ein Publikum, das längst andere Horror- und Thriller-Sehgewohnheiten hat, kann in diesen Film versinken, weil er so intelligent aufgebaut ist.

Ich verehre Spielberg nicht, aber bewundere doch, dass er in seinen besten Arbeiten, diese zeitlose Unterhaltungsqualität zuwege gebracht hat.

YP: In den 80igern und 90igern war er mit seinem anspruchsvollen Unterhaltungskino das personifizierte Hollywood.

PD: Etwas, das man heute von Christopher Nolan sagen kann.
Spielberg hat sich gewandelt, und zwar weil er dies auch so wollte. Weg vom reinen Mainstream-Fantasten und hin zum anerkannten Künstler. Das gelingt ihm auch heute noch („Lincoln“). Seine Mainstream-Arbeiten, wie die Rückkehr zu „Indiana Jones“ haben mich jedoch eher verzweifeln lassen.

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