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Ein von einem Gemälde aus circa 1778 inspirierter Kostümfilm über Dido Elizabeth Belle, eine junge Frau, deren dunkle Hautfarbe nicht so recht in das gesellschaftliche Bild des britischen Hochadels des 18. Jahrhunderts passte. Auf äußerst anspechende und geschickte Weise begleitet die Regisseurin Amma Asante Dido auf ihrem Weg durch das Dickicht der Konventionen ihrer Hautfarbe, ihres Geschlechts und ihres Gesellschaftstandes.

YP: Soeben habe ich auf Letterboxd nachgelesen, was du zu „Belle“ geschrieben hast. Ich hätte eine negative Bewertung deinerseits als schlechten Ausgangspunkt für diesen Dialog gehalten. So gehe ich beruhigt in das Gespräch.

PD: Es gibt Kleinigkeiten die ich an „Belle“ auszusetzen habe, aber die sind für mich nur Hindernisse auf dem Weg zum Meisterwerk. Kleine inszenatorische Stolpersteine. Etwa dass die Balance zwischen leichtgewichtiger Kostümromanze und engagiertem Sozialdrama nicht immer gelingt.

YP: Ich war so eingenommen von „Belle“ wie schon lange nicht mehr im Kino. Natürlich, genauer und nüchterner betrachtet, gibt es ein paar Kleinigkeiten, die mir auch nicht gefallen haben. Aber im Großen und Ganzen war das ein schöner Film.

PD: Das ist eine ganz große und nicht zu unterschätzende Qualität, die Amma Asante hier einbringt. Ein oberflächlich sehr leicht zu konsumierender Film, der sich aber, sobald man im Geschehen gelandet ist, mit Sklaverei, Rassismus und Klassendünkel beschäftigt.

YP: Dazusagen muss ich auch, dass die Romanze vordergründig für mich ist. Die Aspekte der gesellschaftlichen Stellung von Belle, ihrer politischen Emanzipation, ihrer Stellung betrachte ich nebensächlich. Der Film entfaltet sich erst mit der Beschäftigung mit der Materie. Ständig gibt es ein Zwischen-den-Zeilen-Lesen.

PD: Mich hat von Beginn an vor allem der Alltagsrassismus im England des 18. Jahrhunderts fasziniert. Wenn der Navy Captain seine illegitime Tochter Dido mit ins Herrenhaus seines Onkels bringt und sie nicht nur der Obhut seiner hoch gestellten Verwandtschaft anvertraut, sondern sie im Verlauf der Handlung auch noch als legitime Tochter anerkennt, dann sind da innerhalb weniger Minuten bereits so viele Konflikte aufbereitet, die kaum in zwei Stunden tiefer gehend behandelt werden können.

Das gelingt Asante auch nicht ganz, aber wie Dido einerseits als Angehörige der höheren Gesellschaft und andererseits als niedrig stehende „Mulattin“ betrachtet wird, war faszinierend.

YP: Aber so augenscheinlich wird das nicht gezeigt. Dieser Alltagsrassismus kommt erst vor, wenn sie auf die Gesellschaft trifft. In der Familie wird sie dann schnell akzeptiert.

PD: Exakt. Diese Fallen, die von einem nicht offensichtlich durchschaubaren Klassensystem gestellt werden.

YP: Interessant wird es erst, wenn sie die Sklaverei mit der Ehe vergleicht. Und als Frau sei man ohnehin das Eigentum des Mannes. In diesem Satz, den ihre Cousine Elizabeth sagt und sie dann John rezitiert, ist so viel drinnen. So viel Bewusstsein, so viel Kritik.

PD: Das spricht auch die Rolle der Frau, als Handelsobjekt an. Dido ist durch das Erbe plötzlich eine „wertvolle“ Frau am Heiratsmarkt, so wie ihre Cousine, die durch das fehlende Vermögen plötzlich „wertlos“ erscheint.

In den Szenen, in denen um die beiden Frauen geworben wird, hat mir vor allem Tom Felton als kalt berechnender James gefallen. Im Grunde spielte er seine Draco-Rolle aus den „Harry Potter“-Filmen wieder.

YP: Er passte sehr gut in die Rolle, leider ist er ein wenig karikiert dargestellt worden. Der typische Böse. Wohingegen sein Bruder viel interessanter ist. Was mich ein wenig gestört hat an „Belle“, dass so Vieles ausgesprochen werden muss. Es wird alles sofort ausgesprochen, als bekäme es nur dadurch Existenzberechtigung. Die Begriffe „property“, „marriage“, „equals“. Vor allem als John sagt, seine Frau müsse ihm „gleichgestellt“ sein. Ach, das war doch eh offensichtlich. Wieso muss da noch der Stempel drauf.

PD: Diese sehr einseitige Darstellung der nur nach dem Geld gierenden Familie Ashford, war ein Schwachpunkt. Miranda Richardson als Mutter hat mir da aber noch weniger gefallen. All ihre Dialoge waren mir zu kalkuliert auf den Punkt hin gedreht, dass Dido schlussendlich sich auch ihr gegenüber selbst behauptet. Wobei ich hier anmerken möchte, dass mir Gugu Mbatha-Raw in der Titelrolle sehr gut gefiel.

Die fehlende Subtilität war auch im Sklaverei-Prozess vorhanden. Dort kann man es aber noch dadurch entschuldigen, dass vor Gericht die Dinge aussprechen muss.

Generell ein Problem hatte ich mit Johns Figur. Er war einfach zu gut, zu edel. Er war das exakte Gegenteil der Ashfords. Ohne Ecken und Kanten.

YP: Das stimmt, manchmal hatte das was von Einzeilern. Nichtsdestotrotz gelingt es in „Belle“ der Regisseurin sehr gut, mehrere Themen zu einem stimmigen und sehr schönen Film zu verbinden.

Deiner Beschreibung der Familie Ashford stimme ich 100-%ig zu. Allerdings repräsentiert diese Familie auch die gesamte Gesellschaft, demnach auch einige Facetten dieser sozialen Schicht.

Mir gefiel ja Lady Mansfield sehr gut, als Figur und von Emily Watson verkörpert. Ich hätte ihr mehr Rolle gewünscht. Das ist eine so starke Persönlichkeit, die auch sehr gut ihrem Mann, ergänzt.

PD: In manchen Aspekten erinnerte mich „Belle“ an „The Duchess“. Nur, wo „The Duchess“ trotz der starken Leistungen von Keira Knightley und Ralph Fiennes zu sehr im Kostümkitsch stecken bleibt, nimmt die Oberfläche des Kostümdramas bei „Belle“ weniger Raum ein. Die schönen Sets und Roben locken das Auge des Zusehers und die etwas zu dünn gestrickte Romanze zwischen Dido und John ist ein wenig der Mainstream-Aspekt von Asante.

Ansonsten war ich überrascht, wie gut hier diese ganzen Themen eingewoben wurden und man sich auch nach Ende des Films noch mit den aufgeworfenen Fragen beschäftigt.

Tom Wilkinson und Emily Watson haben gut gespielt, aber mir gefiel es, dass sie eher im Hintergrund blieben. Ein wenig mehr Zeit hätte ich mir für Matthew Goode und seinen Captain gewünscht.

YP: Da sind sehr stark die Vorlagen von „Jane Eyre“, „Wuthering Heights“ und am meisten „Pride and Prejudice“ wiederzuentdecken. Vor allem eben letzteren, weil es da die Überschneidungen mit der Cousine (Miss Murray), den sozialen Stand, Charaktereigenschaften einiger Figuren usw. gibt. Allerdings spielt „Belle“ in der Liga darüber. Aber es würde mich schon interessieren, wie ob es Zufall war, dass Jane Austen eine ihrer Romane „Mansfied Park“ betitelt hat.

Andererseits sollten wir auch anmerken, dass „Belle“ – wie „Girl with a Pearl Earring“ auf einem Gemälde beruht.

PD: Der Gedanke mit dem Namen „Mansfield“ kam mir auch.  Allerdings nahmen sich Amma Asante und ihre Autorin Misa Sagay auch viele Freiheiten, was die Geschichte rund um Dido angeht. Über das Leben der echten Dido Elizabeth Belle ist ja so gut wie nichts bekannt. Mir war auch das der Filmidee zu Grunde liegende Gemälde völlig unbekannt. Wie auch das „Zong Massaker“.

Die Anleihen an Jane Austen waren sehr offensichtlich und haben mir großteils gefallen. Allerdings hat Austen ihre Liebesgeschichten um einiges gewitzter gestaltet. Da war mir „Belle“ zu bemüht.

YP: Wieso bemüht, da muss ich nachfragen, vor allem, weil ich es sehr schön verknüpft finde.

PD: Bemüht vor allem was die Charakterzeichnung Johns angeht. Er ist ja vom ersten Moment an Dido interessiert und zeigt sich als geradezu makelloser Verfechter von Gleichberechtigung. Dadurch wird der Liebesgeschichte zwischen den beiden jegliche Brisanz genommen.

YP: Belles politisches Erwachen geht eben nicht Hand in Hand mit ihrem Interesse an John Davinier (Sam Reid). Ich wusste auch nichts vom Zong Massaker obwohl es offensichtlich ein wichtiges Ereignis im Zusammenhang mit in der Abschaffung des Sklavenhandels war. Da finde ich „Belle“ viel gesellschaftskritischer als “Pride and Prejudice“ aus 2005, die Austen-Verfilmung von Joe Wright.

PD: „Pride and Prejudice“ ist schon eine Weile her, aber den habe ich vor allem als sehr unterhaltsam, jedoch keineswegs kritisch in Erinnerung.

YP: Amma Asante hat ihre Sache sehr gut gemacht hat. Vor allem, weil der Film auch von der Referenz mit literarischen Vorlagen lebt.

PD: Da gebe ich auch keinerlei Widerspruch. Wenn man bedenkt, dass es sich hierbei erst um ihren zweiten Film handelt, überrascht die äußerst reife Art der Inszenierung. Die Schwächen sehe ich vor allem im Drehbuch.

YP: Wichtig ist für mich auch, dass diese genannten Schwächen auf keinen Fall das gesamte Filmerlebnis trüben.

PD: Getrübt wird „Belle“ dadurch nicht, aber man kann doch nicht ganz darüber hinwegsehen. Eine zweite Sichtung ist da womöglich nötig. Thematisch ist er auf jeden Fall wertvoll, aber so ganz schlägt sich das nicht im Film nieder.

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