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Die amerikanische Filmemacherin Kelly Reichardt hat sich in den letzten Jahren einen Ruf als akribische Beobachterin ihrer Umgebung erarbeitet. In „Night Moves“ folgt sie drei Öko-Aktivisten und vermag ein scheinbar vorbereitetes Publikum zu überraschen.

PD: Die erste Hälfte von „Night Moves“ erinnerte mich sehr stark an dieses Buch. Ich frage mich ob Kelly Reichardt und Jonathan Raymond beim Drehbuch sich einige Anleihen dort geholt haben.

YP: Über Öko-Terrorismus, sowie in „Night Moves“?

PD: Der Einfachheit halber, hier ein paar Sätze von der Wikipedia-Seite.

„Easily Abbey’s most famous fiction work, the novel concerns the use of sabotage to protest environmentally damaging activities in the American Southwest, and was so influential that the term „monkeywrench“ has come to mean, besides sabotage and damage to machines, any sabotage, activism, law-making, or law-breaking to preserve wilderness, wild spaces and ecosystems.“

„Their greatest hatred is focused on the Glen Canyon Dam, a monolithic edifice of concrete that dams a beautiful, wild river, and which the monkeywrenchers seek to destroy.“

YP: Damit beschreibst du auch den Inhalt von „Night Moves“. Zumindest die erste Hälfte davon.

PD: Die Überschneidungen sind wirklich sehr auffällig. In der zweiten Hälfte gleitet der Film mehr in die Sphären des 1970er-Jahre-Paranoia-Thrillers. Zu meiner großen Überraschung.

YP: Und genau dann macht die Filmemacherin Reichardt einen weiten Sprung. Wer ihre bisherigen Filme kennt, kann unmöglich damit rechnen. Und es hat sich ausgezahlt. „Night Moves“ ist ihr bisher bester Film. Der Überraschungseffekt ist dementsprechend groß.

PD: Die erste Hälfte hatte mich auch ein wenig eingelullt. Sie hat mir zu sehr mit den Charakteren gearbeitet, die sie bereits in „Wendy & Lucy“ oder „Old Joy“ aufgebaut hat. Es war zwar sehr schön die Naturaufnahmen aus Oregon und dann die Vorbereitungen auf den Anschlag zu sehen, aber es war bekanntes Terrain. Erst die zweite Hälfte, in der sie sich mit den Konsequenzen des Anschlags auseinander setzt, gibt dem Film die besondere Note.

YP: Es geht auch diesmal um Aussteigerinnen und Aussteiger, beziehungsweise Suchende.

PD: Es ist auch der zweite Teil, in dem die Darsteller wirklich großartig agieren. Inmitten ihrer Selbstzweifel und Rechtfertigungen, gleiten die drei Öko-Terroristen immer mehr ab. Ihre Suche führt sie in sehr dunkle Ecken ihrer Psyche.

YP: Josh, Dena und Harmon, die Figuren, wurden auch wahnsinnig gut mit Jesse Eisenberg, Dakota Fanning und Peter Sarsgaard gecastet.

PD: Allerdings fühlte sich nur Josh (Jesse Eisenberg) besser ausgearbeitet an.

YP: Ich finde es toll, dass Reichardt trotz geringer Budgets immer wieder mit Stars wie Eisenberg oder Fanning arbeiten kann.

PD: …und Peter Sarsgaard, der sich sichtlich sehr wohl in seiner Rolle fühlte.

YP: Josh wird auch mehr von der Kamera begleitet, es ist in Ordnung, dass Dena und Harmon mehr Randfiguren sind.

Ich war auch richtig überrascht, wie gut Eisenberg diese introvertierte Figur auch liegt. Zuletzt agierte er in „Now You See Me“ alles andere als introviertiert.

PD: Zu Filmbeginn war ich der Meinung, dass Eisenberg einem Fall von „typecasting“ unterlag. Es war zu sehr ein Charakter, den er schon so oft dargestellt hat. Als er immer mehr ins paranoide verfiel, konnte man sehen, wie gut er hier passt.

Auch wie er mit sich selbst ringt, während rund um ihn herum über die Notwendigkeit solcher Aktionen diskutiert wird, ist großartig. Die Kamera bleibt da gnadenlos auf ihm drauf.

YP: Und es handelt sich immer um minimales Spiel. Um kleine Gesten, winzige Andeutungen.

PD: Passend zu Reichardts eher minimalistischem Stil. Bislang passte einzig Michelle Williams so perfekt zu Reichardts Filmen.

YP: Natürlich, doch geht es in „Night Moves“ darum, dass einen die Schuld einholt. Und da sind Reaktionen nicht vorprogrammiert. Es entwickelt sich authentisch und nachvollziehbar.

PD: Da gefiel mir auch, wie Dena (Dakota Fanning) immer mehr in Panik verfiel. Sie wurde schön als Frau aus besserem Hause gezeigt, die sich ihrer Handlungen gar nicht bewusst war. Die womöglich niemals mitgemacht hätte, hätte sie gewusst, was passieren könnte.

YP: Was mir auch sehr gefallen hat, dass sie sowohl Verweise auf „Old Joy“ als auch „Wendy & Lucy“ reingepackt hat. Hier sieht man in der ersten Viertelstunde, dass es ein Film von Reichardt ist.

PD: Eindeutig. Dafür ist die zweite Hälfte eher mit „Meek’s Cutoff“ zu vergleichen, da sie hier die Thrillerstruktur für sich erobert und bei „Meek’s Cutoff“ die Strukturen des Western durcharbeitete und für sich eroberte.

YP: In irgendeiner Rezension zum Film habe ich erstmals von der Bezeichnung Öko-Thriller gelesen.

PD: Ich bilde mir ein, diesen Begriff auch schon einmal in Zusammenhang mit „Twelve Monkeys“ gelesen zu haben.

YP: Ähnlich gelagert aber dennoch nicht unbedingt zu vergleichen mit „Night Moves“ ist „The East“. Bei Ersterem sind trotzdem die Figuren im Vordrgrund und in „The East“ vielmehr die Auswirkungen der Taten. Wobei ich dazusagen muss, dass es bei „Night Moves“ eher darum geht, was so einen Aktion aus einem Menschen macht. Als, was der Mensch aus so einer Aktion macht.

PD: Dieses Gefühl hatte ich auch. Die Auswirkungen des Anschlags stehen zwar in der zweiten Hälfte im Mittelpunkt, allerdings um sich anzusehen, wie sich Josh, Dena und Harmon verändern.

Schade war, dass Harmon dabei nicht mehr zu sehen war. Es wurde mehr über ihn gesprochen, als dass er aktiv ins Geschehen eingriff.

YP: Was ich allerdings nicht verstehe, warum die Drei nicht über die Risiken gesprochen haben. Mir kam das ein wenig naiv vor, oder habe ich da was versäumt. Nicht einmal in Erwägung gezogen haben sie es, dass jemand verletzt werden könnte.

PD: Mir schien einzig Dena naiv an die Sache heran zu gehen, während Harmon und Josh dies wohl im Hinterkopf hatten. Schließlich sagte Dena ja, dass ihr versprochen wurde, dass niemand dabei zu Schaden kommen würde.

Ob und wie naiv sie da rangingen, lässt sich aber eher aus den Handlungen nach dem Anschlag heraus lesen. Davor ist es geradezu klassisches Reichardt-Kino. Minimalistisch, knapp und mit wenigen Erläuterungen.

YP: Viel Raum für das Publikum selbst, zu entscheiden, was relevant sein mag und was nicht. Mir gefallen Reichardts Filme immer besser. Sie bringt uns an Orte, die immer so aussehen wie sie aussehen, sich dann doch als etwas ganz anderes entpuppen.

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