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Der frankokanadische Filmemacher Xavier Dolan ist mit gerade einmal 24 Jahren bereits ein Stammgast bei den Filmfestspielen dieser Welt. Nach seinem Regiedebüt 2009 mit „J’ai tué ma mère“, hat er im Jahresabstand neue Filme vorgelegt. Während sein jüngstes, bei den Filmfestspielen von Cannes in diesem Jahr mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnete Werk „Mommy“ noch auf einen Kinostart in Österreich wartet, ist sein Psychodrama/Psychothriller-Hybrid „Tom à la ferme“ aktuell in den Kinos zu sehen. Was den Reiz der Filme dieses jungen Mannes ausmacht, behandeln wir näher in unserem aktuellen Dialog.

PD: Als ich „Tom à la ferme“ sah, musste ich mir stets in Erinnerung rufen, dass der Star/Autor/Regisseur Xavier Dolan erst 24 Jahre alt ist und hier bereits seinen vierten Langfilm vorlegt. Beeindruckend.

YP: Orson Welles war im gleichen Alter als er „Citizen Kane“ gedreht hat. Und „Citizen Kane“ wird stets als Meisterwerk der Filmgeschichte gehandelt. Nun scheinen mir Dolans Filme allesamt gelungen, aber bei Weitem nicht dort angelangt, wo Welles war. Heutzutage ist es für Filmemacherinnen und Filmemacher insgesamt schwieriger, sich zu behaupten.

PD: Wenngleich ich keinem seiner Filme die ich bislang sah (mir fehlen ja noch „Les amours imaginaires“ und sein neuester „Mommy“) als Meisterwerke betiteln würde, bin ich doch von der gleichbleibenden hohen Qualität beeindruckt.

YP: Dolan ist talentiert und eventuell privilegiert. Das reicht doch aus.

PD: Er hat auf jeden Fall dasselbe Sendungsbewusstsein und Selbstbewusstsein wie Welles.

YP: Die Qualität stimmt. Und – was mich immer sehr beeindruckt – wenn sich jemand an ungewohntes Terrain herantraut. Dolans Filme sind vielschichtig und vielseitig. Besonders „Tom à la ferme“. Das ist doch ein Psychothriller, wie er das Filmherz schneller schlagen lässt.

PD: „J’ai tué ma mère“ hat mich sehr unerwartet getroffen. Der ist roh und verspielt. Deshalb hat mich „Laurence Anyways“ nicht so beeindruckt wie viele andere seiner Fans. Da stilisierte er zuweilen, nur um zu zeigen was er kann.

Bei „Tom à la ferme“ hatte ich erstmals das Gefühl, dass er sich an etwas wagt, was ihm fremd erscheint. Die Geschichte entstammt nicht seiner Feder und es ist ein merkwürdiger Mix aus Psychodrama und Psychothriller. Ich wusste oft nicht, ob ich lachen oder mich fürchten soll.

YP: Ich mag auch das flockige und sehr stark an Wong Kar-Wais Werk angelehnte „Les amours imaginaires“ mit den stilistischen Zeitlupen und den opulenten Farben. Seine ersten drei Filme sind dann doch identitätsstiftende Coming-of-Age-Dramen. Wobei „Tom à la ferme“ vielmehr mit den Konventionen des Genres spielt.

PD: Als Coming-of-Age-Dramen kann man alle seiner Filme, dich ich bislang sah, bezeichnen. Auch „Laurence Anyways“. Der Begriff bezieht sich ja nicht unbedingt aufs biologische Alter. Der geistige Reifeprozess, die innere Suche nach dem Selbst ist doch genauso einbezogen.

YP: Es ist fast unverschämt, wie offensichtlich sich Dolan an Kar-Wai bzw. Hitchcock oder Chabrol anlehnt. Aber es macht auch Spaß. Nur ist es so, dass man nicht nach Zitaten suchen muss, sie sind wie Watschen im Gesicht. Sofort präsent.

PD: Es scheint mir aber, als wäre sein Stil rund um „Laurence Anyways“ sehr exakt ausgearbeitet. Bei „J’ai tué ma mère“ ist es noch ein wenig roh und wirkt, als würde er nach einer Ausdrucksform suchen. Das treibt er in „Laurence Anyways“ auf die Spitze. Das war dann aber auch ein Punkt, der mich ein wenig abgestoßen hat.

Da hatte ich mit dem viel strafferen „Tom à la ferme“ viel mehr Freude. Bei seinem Thriller, der mich zeitweilig an die stilisierten Melodramen Douglas Sirks erinnerte, ist er in seiner Genre-Brechung viel konzentrierter.

YP: Aber in „Tom à la ferme“ ist auch Hitchcock nicht übersehbar.

PD: Gerade die Hitchcock-Verweise finde ich ein wenig schwierig. Klar, es gibt da ein unausgesprochenes Geheimnis, welches langsam aufgedeckt wird, aber es scheint mir mehr in Richtung Chabrol zu gehen. Die heile Familienwelt. Dolan versetzt die ganze Szenerie vom gutbürgerlichen Kreis aufs Land. Wie er mit den Aufnahmen des Landlebens spielt, die Klischees die man darüber im Kopf hat verwendet. Das ist auch interessant.

YP: Hitchcock findet sich aber auch hauptsächlich in den Einstellungen wieder. Dramaturgisch funktioniert „Suspense“ bei Hitchcock ein wenig anders. Und Chabrol ist im Aufbau des Plots wiederzufinden.

PD: Das dachte ich mir auch. „Suspense“ wird bei Dolan völlig anders benutzt. Da ist er auch wieder näher an Chabrol.

YP: Dolan hat in „Tom à la ferme“ gemeinsam mit dem Schriftsteller Michel Marc Bouchard dessen Theaterstück ausgearbeitet. Auch wenn die Handlung oft im Freien vor sich geht, gibt es stets ein beklemmendes und einengendes Gefühl. Dann gibt es aber wieder sehr viele Autoszenen, alles auf engstem Raum.

PD: Ein recht eigenwilliges Stilmittel war, die veränderte Aspect Ratio, wenn die Ereignisse sich verdichteten. Das war eine ebenso interessante Methode um den Zuseher auf die Dramatik hinzuweisen, wie es aber auch gleichzeitig ein wenig zu platt erschien. Da kam mir wieder Dolans Vorliebe für stilistische Spielereien in die Quere.

YP: Und wie die Figuren zueinander stehen, es ist so ein wahnsinniges Hin und Her. Kaum vorhersehbar, was den Film für eine weitere Sichtung qualifiziert. Der von Dolan verkörperte Tom ist auch ein sehr unsympathischer Charakter. Stets habe ich mich gefragt, ob er Lebensmüde ist, warum er den diesen Hof nicht verlässt. Was er dort verloren hat, wenn er doch so unwillkommen ist. Das machte dann auch den Reiz aus zwischen Tom und Francis. Es ist eine sehr wuchtig erzählte Geschichte.

PD: Die Beziehungen zwischen Tom und Francis (herrlich gespielt von Pierre-Yves Cardinal) sowie jene zwischen Tom, Francis und Agathe waren sehr interessant. Bis zum Schluss quälte mich die Frage, weshalb Francis seine Mutter beim Vornamen nennt und welche Erziehung dahinter stecken muss, dass der starke und geradezu psychopathische Mann, sich so von seiner Mutter herunter putzen lässt. Sie aber gleichzeitig niemals „Mutter“ nennt.

Bei Tom war mir so, als wäre er ein Opfer des „Stockholm Syndroms“. Je länger er dem Martyrium ausgesetzt wurde, desto mehr schien er sich in der Rolle am Hof zu gefallen.

YP: Nein, das ist mir zu salopp erklärt. Es herrscht ständig eine Wechselbeziehung zwischen Zuneigung und Abneigung seitens Francis und wir wissen gar nicht, was für ein Charakter dieser Tom ist.

PD: Das mag zu salopp gedacht sein, aber gerade da Tom ein so undurchsichtiger Charakter bleibt, fällt es mir schwer, eine andere Erklärung für sein Verhalten zu finden.

YP: Mir kommt auch vor, dass im Laufe des Films jede Figur ein wenig die Schalen ablegt, nur Tom nicht. Was wusste Tom von dieser Familie, was hat im Guillaume erzählt. Es bleibt alles so schwammig und unklar.

PD: Selbst die Beziehung zwischen Tom und Guillaume schien voller Rätsel zu sein. Wenn dann die erfundene Freundin Sarah auftaucht und Tom über den wahren Charakter Guillaumes aufklärt, glaubt man auch, dass dieses Versteckspiel vor der Familie ganz andere Gründe hatte.

YP: Ich glaube, da war viel Faszination vorhanden. Immerhin war das der Bruder des Liebhabers. Und wir wissen nicht, was Tom wusste. Vielleicht war ihm Guillaume so wichtig, dass er sich auf diese Familie einließ. Und dies trotz all der Gewalt, die von Francis ausging. Es gibt genauso viele zärtliche Momente im Film. Ich würde sagen, zwischen Gewalt und Zärtlichkeit war nicht viel Spielraum.

Erinnere dich nur an die Tanzszene.

PD: Auf die wollte ich gerade zu sprechen kommen. Francis scheint Tom da so nahe zu kommen und die beiden scheinen sich auch jeden Moment zu küssen, nur um dann sogleich auf ein geschwollenes und blaues Auge von Tom zu schneiden.

Bei Francis ist der Gedanke nahe, dass er mit seiner Sexualität nicht klar kam und dies, da sonst niemand zur Hand war, an Tom raus ließ. So wie er diesen Jungen in der Bar verprügelte.

YP: … und bald kommt Film Nummer Fünf in die Kinos.

PD: Mit etwas Glück sehen wir seinen in Cannes ausgezeichneten Film „Mommy“ schon auf der Viennale.

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