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Knapp eine Dekade nach „Sin City“ bringen Regisseur Robert Rodriguez und Comicschreiber Frank Miller das heißersehnte Sequel ins Kino. Nicht allzu viel vorwegnehmen wollend starten wir gleich mit dem Dialog, der wieder einige Spoiler enthält.

YP: Mehr Noir, mehr Gewalt, mehr Sex. Das ist das Sequel zu „Sin City: A Dame to Kill For“. Und macht dann im Vergleich zum ersten Teil nicht nur weniger, sondern überhaupt keinen Spaß.

PD: Mehr? Vielleicht ein Mehr an Sex, ja, allerdings war der Rest einfach eine Wiederholung des bereits Gesehenen aus dem ersten Film. Tatsächlich macht aber die Fortsetzung wirklich weniger Spaß. Der Hauptschuldige daran ist für mich Frank Miller.

YP: Du hast doch einmal die Stärke der Vorlage angemerkt! Was ist dann das Problem? Ich für meinen Teil kenne diese nicht.

PD: Das Problem ist eben, dass Miller die Vorlage mit zuvor nicht publiziertem Material verknüpft. Die Titelgeschichte „A Dame to Kill For“ ist der wohl beste Band aus der „Sin City“-Reihe und auch die stärkste Geschichte. „Just Another Saturday Night“ ist ebenfalls eine bereits zuvor publizierte Geschichte, und gibt dem Film, im Prolog, wenn Marv die Studenten tötet, den richtigen Ton und die richtige Dynamik.

All das geht aber mit den Geschichten verloren, die entweder von Miller aus dem Archiv gezogen oder schlicht neu geschrieben wurden. Vor allem jene in der Nancy (Jessica Alba) Rache für den ermordeten John Hartigan (Willis) sucht. Die ist grauenhaft, langweilig und bietet keinerlei Spannung oder Unterhaltungswert.

YP: Folgendes Problem hat sich bei mir aufgetan: Ich kam nie so wirklich in die Geschichte rein. Die Storylines waren zerstückelt statt zusammengefügt. Die Bildgewaltigkeit des ersten Teils hat gänzlich gefehlt. So bin ich knappe zwei Stunden im Saal gesessen und habe mich gewundert, wann das denn ein Ende nimmt. Also so gleichgültig gehe ich selten aus dem Kino.

PD: Die Zerstückelung war aber schon ein grundlegendes Merkmal des ersten Films.

YP: Ich weiß, die Zerstückelung des Materials hat im ersten Teil gut funktioniert. Langweile kam bei mir nicht auf. Aber hier merkte man richtig die Übergänge der Storylines und dann wunderte ich mich einfach über den Werdegang. Ich wurde richtig vor den Kopf gestoßen.

PD: Da muss ich dir zustimmen. Der erste Film war einfach besser geschnitten, insofern muss ich auch Rodriguez einen Großteil der Schuld zuschieben. Die beiden neuen Geschichten (jene rund um Nancy und jene rund um den Profi-Spieler Johnny) hatten einfach nicht die Substanz um in dieser Noir-Collage zu bestehen.

Allerdings fehlt dem gesamten Film auch ein stimmiger Bogen. Wenn Ava Lord (Eva Green) ihr Ende gefunden hat, dann hätte auch der Film zu Ende sein können. Alles was danach kam, wirkte unnötig hinzu gepackt, um eine halbwegs sinnvolle Spielfilmlänge zu erreichen.

Im ersten Film war vor allem der Prolog mit Josh Hartnett als Profi-Killer, der dann auch in der letzten Szene wieder auftauchte, um den Film zu beenden, viel besser.

YP: Das All-About-Eve Ending des ersten Films hat das ganze besser zusammengefügt, das stimmt. Wobei ich dazusagen muss, dass mir die Storyline mit Nancy gar nicht gefallen hat. Die Ava-Story war dann schon etwas besser. Und die Episode mit Gordon-Levitt fand ich auch toll. Man könnte sagen, dass Marv das verknüpfende Glied war. Aber der hatte mir zuwenig Spielraum.

PD: Die „A Dame to Kill For“-Handlung litt einfach unter den darum herum gespielten Episoden. Für sich alleine stehend, ist das der ultimate Comic-Noir. Schade nur dass Clive Owen keine Zeit hatte, um am Ende als umoperierter Dwight aufzutauchen.

Was mir auch missfiel, war, dass ich durch die neuen Episoden, ständig mit der Chronologie beschäftigt war. Genau genommen, ergibt die Nancy-Handlung keinerlei Sinn. Denn diese spielt laut Frank Miller, vor der Handlung aus dem ersten Film, in der Marv am Ende am elektrischen Stuhl landet. Wenn man das aber zusammenfügt, geht es sich schlicht nicht aus.

Natürlich hat sich auch der Überraschungseffekt vom ersten Film mittlerweile überlebt. Der Stil wurde mehrfach imitiert und so kann sich „A Dame to Kill For“ nicht rein auf der visuellen Ebene ausruhen.

YP: Auch wenn ich kein allzu großer Fan von Rodriguez bin, er ist und bleibt ein Nischenfilmemacher. Und das macht auch seinen Reiz als Regisseur aus.

PD: Dass er quasi in seinem Privatstudio derartige Filme machen kann, nötigt mir schon Respekt ab. Leider waren aber nun weder „Machete Kills“ noch „Sin City: A Dame to Kill For“ große Würfe.

YP: Das stimmt allerdings. Zumindest wirkt es so, als könne er kreativ arbeiten auch wenn das Ergebnis manchmal zu wünschen übrig lasse.

Mir haben auch die Darsteller im ersten Teil besser gefallen. Den oben erwähnten Clive Owen, Elijah Wood als Bösewicht. Dann Willis, Madsen.

PD: Manche Darsteller mussten aus leider tragischen Gründen ersetzt werden. So etwa Michael Clarke Duncan, dessen Part als Manute Dennis Haysbert gibt.

Die Rückkehr von Bruce Willis in einem Quasi-Cameo hat mir überhaupt nicht gefallen. Das war unnötig und widersprach auch dem Grundton der gesamten „Sin City“-Erzählungen. Alleine dass es offenbar ein gutes Ende für Nancy und ihren Rachefeldzug gab, ist mir sauer aufgestoßen.

Die Umbesetzung von Owen durch Brolin hat schon Sinn ergeben, da ja Dwight ein anderes Gesicht hatte und erst durch die Operation im Laufe der „A Dame to Kill For“-Ereignisse sein Aussehen aus dem ersten Film erhielt.

YP: Brolin hat sich in dieser Rolle auch verdammt gut gemacht. Es war auch überraschend, der kleinen Nancy (Alba) beim Rachefeldzug zuzusehen, allerdings gefiel mir ihre Motivation gar nicht.

Ein weiterer Punkt, der mir aufstieß: Rodriguez und Miller bedienen derbste Männerfantasien und reproduzieren furchtbar chauvinistische Frauenbilder.

Aber das war im ersten Teil auch nicht anders. Was es nicht rechtfertigt, ich bin keineswegs überrascht.

PD: Die Motivation von Nancy war recht eindeutig und klar. Weshalb hätte sie sich sonst auf diesen Rachetrip begeben sollen?  Es war schlicht nicht gut gespielt. Als Marv die Bar während einer Show von Nancy verließ, ging es mir ähnlich, aber aus anderen Gründen.

YP: Da sehe ich ihren Charakter als primäres Problem.

PD: Bei Miller sind die Rollen sehr klar von den Noir-Produktionen hergeleitet und da finde ich schon, dass es etwas differenzierter zugeht. Die Frauen sind ja großteils keine hilflosen Maiden, die von ihren strahlenden Rittern gerettet werden müssen. Die haben schon selbst in der Hand, was sie tun.

Zudem gibt es weder den einzig wahren männlichen Helden, noch die schöne und gute Jungfrau. Jeder hier ist ein verdorbener Charakter, ob Mann oder Frau. Am schönsten ausgearbeitet ist Ava, die den Typus der Femme Fatale hervorragend wiederspiegelt.

Nancys Charakter funktioniert nur mit Hartigan und das fehlt hier völlig bzw. wirkt es unfreiwillig komisch.

YP: Sicher haben sie es in der Hand, was sie tun. Aber die Ausbeute des eigenen Körpers in der patriarchalen Gesellschaft ist auch eine Art der Unterdrückung. Nancy ist Stripperin. Ava ist ein Golddigger. Und die Prostituierten von Oldtown kleiden sich so, weil es so so schick ausschaut und bequem ist?

Das sind unerträglich eindimensionale Bilder, sowohl die Frauen- als auch Männerbilder. Das hat aber was mit Millers Vorlage zu tun.

PD: Natürlich sind es eindimensionale Bilder, das macht aber auch den Reiz der ganzen Geschichten aus. Es sind im wahrsten Wortsinn Abziehbilder.

Deshalb sehe ich es auch gar nicht problematisch, denn die Männer werden von den Frauen ebenso ausgebeutet und umgekehrt. Ganz Oldtown ist eine Enklave mitten in Basin City, während der über alle herrschende Senator ein Psychopath ohne jedes Gewissen ist. Die Helden sind brutale und äußerst dumpfe Schläger. Genauso gut könnten die allesamt einem Edgar G. Ulmer-Film entsprungen sein.

YP: Da haben wir beide eine andere Definition den Begriff „Reiz“ betrifft. Für mich hat das Sequel jegliche potentielle Nachfolger zu Grabe getragen, ich habe keine Lust mehr auf diesen Stoff.

PD: Ich hätte mir übrigens (außerhalb des Dialogs) das sehr wohl als feine Serie vorstellen können. Als Film haut das nimmer hin.

YP: Gute Idee als Serie. 20-Minuten-Episoden.

PD: 20-Minuten-Folgen. Spitze! Das wäre es.

YP: Jede Woche mit neuer Storyline.

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