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David Fincher macht seit mehr als zwei Dekaden hochwertigste Kinoware im Zwei-Jahres-Rhythmus, denn heuer kam sein 10. Film in die Kinos. Die von Gillian Flynn geschriebene und eigens fürs Kino adaptierte Vorlage „Gone Girl“ ist sein neuestes Werk. Der deutsche Verleihtitel suggeriert einen Thriller mit dem perfekten Mord. Wir nehmen das im Dialog unter die Lupe.

Achtung, durchwegs Spoiler im gesamten Text!

PD: Bei aller Liebe zu spannenden und verworrenen Thrillern, hat mir „Gone Girl“ eine einfach viel zu konstruierte Handlung.

YP: Warum? Da gehts um einen perfekten Mord, natürlich hat dieser den Beigeschmack des Konstruierten, wenn es das ist, was du meinst. Es ist alles von vorne bis hinten durchgeplant sowohl im Plot als auch im Film. Wie ich finde, ist das ein sehr gelungener Plot. Zumindest im Film. Weil es der Film auch schafft, den Zuschauer mitzunehmen und tatsächlich zu verblüffen. Eine solche Reaktion bleibt den Lesern gänzlich erspart, mich ließ das komplett kalt.

PD: Natürlich erwarte ich mir bei einem Thriller einen schön durchdachten Plot, aber wenn sich die Handlung nur noch um den nächsten Twist dreht und man kaum noch dazu kommt, die Charaktere zu betrachten, dann ist das ein großer Schwachpunkt. In vergleichbaren Fincher-Thrillern wie „Zodiac“ lernt man die Charaktere viel besser kennen. Hier erfüllen sie nur eine oberflächliche Funktion und zwar je nachdem, wie wir glauben, dass die Situation gerade aussieht. Bösewicht Nick/Opfer Nick, Opfer Amy/Bösewicht Amy, Bösewicht Desi/Opfer Desi und so weiter.

YP: Nachdem es eine Schwarzweiß-Malerei von Nick und Amys Beziehung war, sind die Schattierungen auch nur bei diesen zwei Figuren zu finden. Desi Collings (Neil Patrick Harris), Tanner Bolt (Tyler Perry), Boney (Kim Dickens) und Go (Carrie Coon) sind doch im Grunde nur Statisten im Plot. Von allen hätte ich gerne mehr gesehen, weil sie auch so fantastisch gespielt wurden und diese Figuren sehr interessante Ansätze haben. Allerdings hat sich Gillian Flynn das bei der Adaption für den Film erspart. Die Charakterzeichnung ist im Roman auch nicht die raffinierteste.

PD: Das Buch habe ich noch nicht zu Ende gelesen, aber sowohl beim Film als auch im Buch, war es sehr schwer, sich den Charakteren anzunähern. Derart unsympathische Figuren habe ich noch selten gesehen.

YP: Ging mir genauso, ganz anders als im Film, wo die Sympathien eindeutig bei Nick angesiedelt sein sollten. Was bei mir nicht wirklich aufging, hauptsächlich deswegen, weil ich Ben Affleck nicht so gerne vor der Kamera habe. Ich würde Amys Figur bestimmt nicht als sympathisch bezeichnen, aber eine gewisse Faszination ging von ihr schon aus.

PD: Es fällt mir auch recht schwer in das Buch hinein zu kippen. Der Roman von Gillian Flynn wurde als recht leicht lesbare Kost, so genannte „Airport Literature“, beworben. Doch irgendwie quäle ich mich ein wenig von Seite zu Seite.

YP: Ich wusste nicht, dass das so heißt, aber einfach zu lesen ist der Roman allemal. Das Problem ist eigentlich nur, dass es von Flynn immer als ein „Leinwandthema“ gehandelt wurde. Das ist fürs Kino geschrieben, das irritiert mich. Dem Film sieht man das an, beim Roman stolpert man über diese Bilder und kommt deshalt schleppend und zäh voran.

PD: Damit steht sie in einer Reihe mit Dan Brown, dessen Bücher auch durchzogen sind von derart anbiedernden „Verfilmt mich!“-Momenten.

YP: Du sagst es, das ist ein sehr treffender Vergleich.

PD: Was mir sehr gut gefiel war, dass Fincher nicht die offensichtlichsten Casting-Entscheidungen traf. Rosamund Pike, Neil Patrick Harris, Tyler Perry. Das waren sehr interessante und überraschend effektive Besetzungen.

YP: Pike hat mich am meisten überrascht. Und ich hoffe, dass ihr die Rolle der Amy neue Wege in Hollywood ebnet. Ich fand sie auch schon in „A Long Way Down“ toll, auch wenn es eine kleine Minirolle war. Dann wäre da noch „The World’s End“ und nicht zu vergessen in einem meiner Lieblings-Jane-Austen-Verfilmungen „Pride & Prejudice“, wo sie mir besonders positiv auffiel.

PD: Für mich war sie bislang immer nur das Bond-Girl aus „Die Another Day“. Das ändert sich künftig hoffentlich. Ihre Leistung war wirklich beeindruckend. Ich nahm ihr jegliche Stimmungslage ab, und das obwohl sie mit einer sehr eingeschränkten Mimik und Gestik spielte.

Mir fehlten ein wenig die Ecken und Kanten. „The Girl with the Dragon Tattoo“ etwa, hatte ebenso eine recht abstruse Handlung, aber die Charaktere waren viel interessanter und die Wendungen eröffneten sich rhythmischer.

YP: Da gefällt mir einfach nicht, was aus der Vorlage „Verblendung“ gemacht wurde. Wie sehr Lisbeth Salander zu einer passiven Frau wird, die den weißen männlichen Helden – obendrein gespielt vom Bond-Darsteller Daniel Craig – um Erlaubnis fragen muss, bevor sie was angeht. Wobei das sicher der spannendere Film ist, ist auch Larssens Vorlage um einiges besser rübergekommen als die Vorlage zu „Gone Girl“.

PD: Es ist schon länger her, dass ich „Verblendung“ gelesen oder die Filme dazu gesehen habe, aber auch wenn Rooney Mara in einigen Schlüsselmomenten etwas zurückhaltender war, als die von Noomi Rapace gespielte Lisbeth, so fand ich ihren Charakter eindringlich und vielschichtig. Dass Craig Mikael Blomkivst spielte, fand ich passend. So fand ich auch seine Wirkung auf Frauen nachvollziehbarer.

Im Grunde „Gone Girl“ handelt doch mehr von der Wahrnehmung durch die Medien bzw. vom Blick von außen. Etwa durch die Polizei.

YP: Das ist auf jeden Fall eines der Kernthemen im Film, diese medialen Hetzjagden, die oft aus Quoten-Gründen aufgebauscht werden.

PD: Das ist auch die große Stärke des Films. Fincher zeigt schön wie sich diese Wahrnehmungen immer ändern. Die Kameraarbeit und die subtile Musik zeigen die immer gleichen Orte, in immer neuem Licht, so wie die Medien ihren Tonfall drehen und aus dem potentiellen Mörder der Schwiegersohn der Nation wird.

YP: Fincher punktet auch hier als Filmemacher, der sein Handwerk beherrscht. Wenn die Storys gut sind, dann umso besser („Zodiac“, „Se7en“, „Fight Club“). Wenn die Storys zu wünschen übrig lassen („Alien 3“, „The Social Network“, „The Curious Case of Benjamin Button“), dann bewundert man eben sein Handwerk. Man kommt eben nicht umhin, Fincher als Regisseur zu bewundern.

PD: Die Handlung von „The Social Network“ fand ich zwar sehr standardisiert, aber hier sind es die Dialog-Gefechte von Aaron Sorkin und Finchers leichtfüßige Inszenierung eben dieser, die den Film empor heben.

Übrigens, völlig verwirrt ließ mich dieser Artikel zurück, in dem die Schuldfrage besprochen wird. Was meinst du? Wer trägt die Schuld an den Geschehnissen. Nick oder Amy? Mich wundert ja wie es da überhaupt eine Diskussion geben kann? Wie soll Nick auch nur im Ansatz Schuld daran haben?

YP: Da hast du recht, weil Nicks Verhalten unter keinen Umständen Amys Taten rechtfertigen kann. Vieles geht von ihr aus und Punkt. Mir ging nur ein Gedanke durch den Kopf: Da haben sich Zwei gefunden, die gehören wirklich zusammen. Nick ist aber auch viel dunkler, als er zu sein vorgibt, das dürfen wir nicht vergessen. Erinnere dich an die Schlafzimmer-Szene zum Schluss des Films. Das wirft noch einige Fragen auf.

PD: Die Szene erklärt sich für mich aber auch durch diese Hölle, durch die er geschickt wurde und die ihm auch noch bevorsteht. Dass sich da im harmlosesten Fall dunkle Gedanken bei ihm zusammenbrauen, verstehe ich durchaus. Dass er kein Mustergatte war, ist ja auch klar ersichtlich, aber alleine dadurch eine Verantwortungsdiskussion zu starten, war mir zu viel.

YP: Für mich ist „Gone Girl“ einer der „besseren“ Finchers seit „Zodiac“. Außerdem ist es sein 10. Abendfüllender Spielfilm. Obwohl ich auch schon jetzt sagen kann, dass er nicht zu meinen Lieblingen zählt, facettenreich fand ich ihn schon.

PD: Für eine Einordnung ist es mir noch zu früh, aber mich hat er ein wenig kalt gelassen. Bemerkenswert auf rein technischer und inszenatorischer Ebene, aber kein Film, den ich mir oft ansehen werde. Damit reiht er sich eher bei Fincher-Filmen wie „The Game“ ein. Eine Enttäuschung wie „Alien 3“ oder „The Curious Case of Benjamin Button“ war es ja keineswegs.

YP: Vor allem steht endlich wieder eine starke Frauenfigur im Vordergrund. Wobei ich hin- und hergerissen war, was für ein Frauenbild da vermittelt wird. Schließlich bin ich der Ansicht, dass es ein vielseitiges ist. Schau dir die Frauen im Film an. Sehr viele Figuren, jede auf ihre Art und Weise vielschichtig.

PD: Fand ich gar nicht. Amy wird ziemlich klar als Psychopathin definiert. Die Vielschichtigkeit ergibt sich ja einzig durch die, von der Handlung diktierten, Drehungen und Wendungen. In diesem Sinn sind Nick und Desi genauso vielschichtig, da uns Fincher bewusst immer wieder neue Möglichkeiten der Definition über sie bietet. Da fand ich Lisbeth, um erneut auf „The Girl with the Dragon Tattoo“ zurückzukommen, vielschichtiger.

Das in „Gone Girl“ aufgezeigte Frauenbild unterscheidet sich aber nicht sonderlich von dem aus den Thrillern der späten 1980er oder frühen 1990er. Ob „Fatal Attraction“, „Single White Female“ oder „Basic Instinct“. Da unterscheidet sich Amy keineswegs von diesen, die Männlichkeit bedrohenden, Frauen.

YP: Und eine psychopatische Frau kann keine starke Frau sein, weil …? Sie mag solche Tendenzen haben, aber nichtsdestotrotz hat sie ihr Leben in der Hand, sie hat Nick in der Hand, sie hat ihr gesamtes Umfeld in der Hand. Das gelingt zB Lisbeth Salander nur mit Müh und Not und die bettelt immer um Blomkvists Erlaubnis. Eine starke Frau ist in meinen Augen eine selbstbestimmte Frau, egal wie verrückt sie scheint.

PD: Natürlich ist sie eine starke Frau, keine Frage, aber ich empfand sie nicht als vielschichtig.

YP: Und der größte Unterschied zwischen den Thrillern der Neunziger und „Gone Girl“ ist ein sehr drastischer: Amy gewinnt. Nick ist das arme Hascherl. Das ist in meinen Augen der springende Punkt. Nach dem Motto: Du hast dir dein Grab geschaufelt. Amy bedroht ihren Mann in keinster Weise. Sie spielt ihm einen Streich und dann ist wieder alles gut. Wirklich interessant ist das. Ein Thriller anno 1994 hätte Amy zu Grabe getragen.

PD: Gut, Sharon Stone ist am Ende von „Basic Instinct“ aber auch noch am Leben und wie wir durch die furchtbare Fortsetzung wissen, führte sie ihr Werk fort. Doch das ist die große Ausnahme gewesen. In „Fatal Attracton“ musste Glenn Close einen eindeutigen Filmtod sterben, weil es das Publikum so wollte. Amy hätte in einem Film in den 1990ern wohl auch entsprechend über die Klinge springen müssen. Da gebe ich dir Recht.

 

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