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Beinahe zehn Jahre arbeitete Jonathan Glazer an einer Adaption des Romans „Under the Skin“ von Michel Faber. Am Ende dieser langen Reise steht ein herausforderndes und nicht für jeden Kinogänger zugängliches Werk.

YP: „Under the Skin“ ist eigentlich einer dieser Filme, die sich nicht so leicht in Worte fassen lassen. Das werden zwei Stunden lang Stimmungen vermittelt. Ein bischen bizarr ist das Ganze dann schon.

PD: Mir gefiel vor allem, dass sich Jonathan Glazer von der ersten Sekunde weg, diesem nicht unbedingt leicht zugänglichem Stil verschrieben hat. Die Eröffnungssequenz, die sofort Erinnerungen an „2001“ wach gerufen hat, gibt den Ton vor. Man kann darüber spekulieren, wie es zur Entstehung dieses Wesen, in Form einer Frau, kam. Dabei scheint Glazer der gesamte Hintergrund der Frau und ihr Ziel, völlig gleichgültig. Man erfährt mehr über die schottische Landschaft und das menschliche Verhalten.

YP: Einen Vergleich mit Kubricks „2001“ finde ich weit hergeholt. Dann können wir gleich von der Erschaffung des Menschen sprechen,  wie wir das in „Prometheus“ gesehen haben. In diese Richtung schwenkt der Film aber nicht. Eher wie ein gewagtes kleines Experiment des Independent-Kinos. Es ist sehr ungewohnt, etwas so frei Inszeniertes zu Gesicht zu bekommen. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass sich große Teile des Publikums – Scarlett Johansson ist ein Hollywood-Star – ziemlich fehl am Platz fühlen werden.

PD: Den Vergleich finde ich, vor allem was die Ästhetik der ersten Augenblicke angeht, gar nicht so weit hergeholt. Wenn wir uns dann mit dem Motorradfahrer in den Highlands befinden, passt dies natürlich nicht mehr. Experiment würde ich „Under the Skin“ auch nicht nennen wollen, denn Experiment hat auch immer etwas von etwas Willkürlichem und Gescheitertem. So wie ich auch den Begriff Experimentalfilm nicht mag. Das klingt sehr danach, als ob die Macher einfach drauflos werkeln würden, ohne großen Plan.

YP: Nein, ich verwende den Begriff in Hinblick darauf, dass es ein geglücktes Experiment geworden ist. Aber es stimmt, in erster Linie kommt die Konnotation des Gescheiterten. So ist es aber nicht. Ein Wagnis ist er allemal dabei eingegangen und ich bin mir sicher, dass Viele wenig bis nichts mit dem Film anfangen werden.

PD: Obwohl einige gruselige Sequenzen dabei sind, würde ich „Under the Skin“ keineswegs als Horrorfilm klassifizieren. Selbst das Sci-Fi-Genre lässt sich nur schwer verifizieren. Der Beginn und das Ende deuten zwar in klare Genre-Richtungen, aber der gesamte Film hat etwas schwer Einzuordnendes.

YP: „Under the Skin“ findet sich am besten in einer Reihe mit „Holy Motors“ von Leos Carax wieder. Oder in Filmen von David Lynch. Das Schaurige ergibt sich vielmehr aus den Einstellungen, nicht aus der Handlung heraus. Wobei die Kargheit der Landschaft auch Gespenstisches transportiert.

Es wäre dem Film gegenüber sehr unfair, ihn unbedingt ihn eine Genreeinteilung zu packen, insbesondere weil er Genre-Konventionen auf den Kopf stellt.

PD: Die „Holy Motors“-Verbindung gefällt mir gut. Der Charakter oder auch eher die vielen Charaktere die Denis Lavant dort spielte, lassen sich sehr gut in Bezug zu Scarlett Johansson setzen. Beide spielen weniger ausgeformte und „menschliche“ Charaktere, sondern eher leere Hüllen, die sich durch verschiedene Mittel erst einen Charakter aneignen. Bei Lavant geschieht dies spielerischer als bei Johansson, was aber auch an den unterschiedlichen Handlungen der beiden Filme liegt.

YP: Wobei ich mir immer denke, dass die Menschen immer mehr zu leeren Hüllen hinentwickeln. So aufs Tun und Erledigen, Abhaken ausgerichtet. Die Neugierde bleibt auf der Strecke.

PD: Gut, aber glaubst du wirklich dass in früheren Zeiten, der Mensch ein erfüllteres Wesen war? Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass der Landwirt im Mittelalter sehr viel Zeit hatte um sich selbst zu verwirklichen und einen Sinn im Leben und Tun zu finden.

YP: Ach, ich denke nicht, dass die Menschen „erfüllter“ waren. Heute wird den Menschen viel mehr ihr Spiegelbild vorgehalten. Das führt dazu, dass man sich ständig offenbart. Damals hat man übergelebt, heute sinniert man vielleicht mehr übers Leben.

PD: Wie gefielen dir die Szenen im „Black Room“?

YP: Schön anzusehen, ein wenig irritierend und verstörend.

PD: Für mich waren sie das stilistische Highlight. Die Szenen wo das namenlose Alien versucht Männer aufzugabeln, waren eher dokumentarisch und karg gehalten, aber bei den „Black Room“-Szenen, hat Glazer dem Film seine unheimliche Sogwirkung verpasst.

YP: Das ist auch eine schöne Metapher, wie sie diese Männer verführt. Obwohl es etwas ziemlich Eigenartiges darstellt, ist sind diese „Opfer“ respektvoll und fesselnd. Mir geht auch dieser fantastische Score nicht aus dem Kopf.

PD: Der Soundtrack von Mica Levi – hier ein schönes Interview mit ihr – verleiht der Inszenierung von Glazer auch die nötige Atmosphäre. Gerade bei einem Film, in dem oberflächlich so wenig passiert und noch weniger gesprochen wird, ist ein gut abgestimmter Klangteppich, unerlässlich. Man stelle sich etwa 08/15-Klaviermusik vor, die den ganzen Film hindurch erklungen wäre. Die Bilder wären eines Großteils ihrer Wirkung beraubt.

Von Scarlett Johansson habe ich ohnehin eine hohe Meinung, aber hier hat sie einen bisherigen Karrierehöhepunkt gesetzt. Sie drückt perfekt die Verwunderung über diese neue Welt und die Menschen aus und durchlebt auch sichtbar einen Lernprozess. Dass dieser für sie nicht gut endet, sagt viel über Glazers pessimistische Sicht auf die Menschheit aus.

YP: Hauptsächlich passt Scarlett Johansson in diesen Film so perfekt hinein, weil sie schön öfters nur mit ihrem Gesicht gespielt hat. Denken wir an „The Horse Whisperer“, oder an „Lost in Translation“ oder an „Girl With A Pearl Earring“. Sie drückt Verwunderung, Erstaunen, Neugierde in nur wenigen Millimetern Mimik sehr ansprechbar und glaubhaft aus. Und dann umgibt sie in dieser Rolle auch noch eine Aura des Verruchten und Verführerischen, und im nächsten Moment kann sie kalt und gleichgültig sein. Sie ist einfach nur perfekt.

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