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Dario Argento gehört zu den nettesten Regisseuren, die es da draußen gibt. Obwohl schon über 45 Jahre im Filmbusiness, hat er sich seine Freundlichkeit, Aufmerksamkeit und Zuvorkommeheit bewahrt. Eigentlich Bewundernswert.

PD: Betrachtet man „Profondo rosso“ und dann im Vergleich seine jüngsten Arbeiten wie „Giallo“ oder „Dracula 3D“, käme man nie auf die Idee, dass dies die Arbeiten desselben Regisseurs sind.

YP: Das ist unglaublich, wie sehr sich Argentos damaliges Werk (insbesondere die 70er Jahre) von dem heutigen Schrott unterscheiden. Andererseits: B-Movies müssen auch gemacht werden.

Nein, ich verstehe auch nicht, wie aus dem Visionär von damals der Regisseur von heute wurde. Visionär deshalb, weil „Rosso“, „Suspiria“, „Inferno“ allesamt kleine Gerneperlen, wenn auch nicht Meisterwerke, zumindest Bildgewaltiges Kino, waren. Das, was er heute produziert, ist grausam. Und konventioneller.

Was würdest du sagen, ist dein Lieblingsfilm von Argento? Bei mir ist es „Suspiria“.

PD: Es mag einfallslos klingen, aber ebenfalls „Suspiria“ ist mir von Argentos Filmen immer noch der Liebste. Dazu muss ich aber auch sagen, dass ich noch nicht so viele Werke von ihm gesehen habe. Zumindest seine „Le Tre Madri“-Trilogie kenne ich, zudem „Profondo rosso“ und die späteren Werke. Mir fehlen aber viele Filme, die er mit seiner Tochter Asia gedreht hat.

Bei den Spätwerken sticht seine „Masters of Horror“-Episode „Jennifer“ positiv heraus. Daran ist auch zu sehen, dass unter den richtigen Umständen und mit den richtigen Drehbüchern, auch Argento immer noch sehenswerte Horrorfilme produzieren kann. Filme wie seine „Dracula“-Adaption zeigen aber das grundsätzliche Problem, welches das so genannten B-Movie-Kino heimgesucht hat. In schneller Abfolge werden formelhafte Werke mit billigsten Effekten erschaffen, die nur noch auf den Heimkinomarkt zielen, während die Leinwände mal von der „Torture Porn“- oder von der Heimkino-Ästhetik-Welle dominiert werden. Etwas alternative Werke wie „Amer“ müssen den Umweg über Filmfestivals gehen, und hoffen, dort genügend Aufmerksamkeit zu erlangen.

Zurück zu „Profondo rosso“. Was mir hier wieder sehr stark auffiel war, dass Argento noch nie die innovativsten Geschichten erzählte.

YP: Das hast du gut beobachtet. Die Storys sind auch das Schwächste an seinen Filmen. Es scheint immer als hätte er sich gänzlich den Bildern verschrieben. Was grundsätzlich in Ordnung geht, bloß reissen die Geschichten immer ein. Hier fällt auch auf, dass das in den Siebzigern besser funktionierte als beispielsweise in den letzten Jahren.

Ist es fies zu fragen, warum er überhaupt noch Filme macht? Des Geldes wegen? An kreativen Ideen und visueller Umsetzung wird es nicht liegen. Nenn mich fies. Ich sehe mir seine alten Sachen sehr gerne an und bei mir sind „Rosso“ und „Suspiria“ ganz weit vorne. Vor allem letzterer Film, der würde sich in jeder meiner Top-10-Horrorliste wiederfinden. Die neuen Filme interessieren mich nicht, sie sind unkreativ und belanglos.

PD: Mir gefiel „Tenebre“ besser denn „Profondo rosso“. Auch wenn ich bei „Profondo rosso“ vor allem Hauptdarsteller David Hemmings sehr unterhaltsam fand. Seine Präsenz hat viele Schwachpunkte überdeckt, denn visuell ist Argento hier noch nicht ganz auf seinem Höhepunkt angelangt. In den 1970ern haben seine Filme wohl auch besser funktioniert, da er bessere Ideen zur Bildgestaltung hatte. Seine neueren Filme wirken ungemein billig und auch sehr anonym. So etwas wie „Giallo“ hätte wirklich jeder andere Regisseur auch hinbekommen.

Bei „Profondo rosso“ gibt es zum Beispiel den Moment, in dem Marcus Daly (Hemmings) bemerkt, weshalb er ein bestimmtes Gemälde am Tatort nicht wieder entdeckt. Es ist ein ganz einfacher Twist, aber die Ausstattung der Wohnung, die Platzierung der Gemälde und die Lichtgebung, geben der Szene etwas Unheimliches und Spannendes. Obwohl inhaltlich wenig Aufregendes passiert.

YP: Es ist aber erstaunlich, dass er sich für einen nicht-kommerziellen Regisseur so lange gehalten hat. Und ohne Argentos Filme wären Werke wie „Amer“ kaum vorstellbar.

PD: Als nicht-kommerziellen Regisseur würde ich Argento aber keineswegs bezeichnen. Seine Filme, wie eben „Profondo rosso“, waren visuell sehr ansprechend gestaltet, aber er zielte doch immer auf ein breites Publikum. Die Schockeffekte hat er ja nicht der lieben Kunst Willen eingebaut.

YP: Ok, das war jetzt eher schlecht formuliert. Nicht-Mainstream-Regisseur trifft es wohl besser.

PD: Da bin ich mir aber auch nicht so sicher. Er hat das Slasher-Genre und den Giallo erst so richtig populär gemacht. Seine Einflüsse sind sicher aus der bildenden Kunst ersichtlich, wie etwa von dir schön aufgebracht, die an Edward Hopper angelehnte Szenerie, aber mir scheinen seine Arbeiten dennoch nach dem (Horror)-Mainstream geschielt zu haben.

YP: Er mag einen großen Anteil beim Giallo gehabt haben, aber erst richtig populär und Mainstream wurde der Horror-Mainstream doch erst Ende der Neunziger mit der Wes Craven „Scream“-Reihe. Für mich ist das, was Argento in den 70ern gemacht hat, noch immer sehr Nische und weit vom Mainstream entfernt.

Bedenkt man, dass Hitchcocks „Psycho“ und „Peeping Tom“ von Powell – beide 1960 – namentlich zu den ersten Horrorfilmen der Filmgeschichte gezählt werden, war das noch ein sehr unausgegorenes und unreifes Genre, und Giallo ist doch nur eine Subkategorie dessen. Es gibt Filme, die später als solche bezeichnet werden, aber eine Genrezuordnung gab es vorher nicht wirklich.

Was aufgegangen und sich ausgezahlt hat, dass Argento verhältnismäßig gut umgehen konnte. Bis zum Mainstream aber ist das doch nicht wirklich vorgedrungen.

PD: Die ersten Horrorfilme waren aber dann doch wohl eher in den 1930ern zu verorten. Die mittlerweile klassischen Universal Horrorfilmeschine mit „Dracula“, „Frankenstein“ und „The Wolf Man“ waren ja nicht nur früher Vertreter des Genres, sondern eben auch Mainstream. Das allein an „Psycho“ und „Peeping Tom“ festzumachen, halte ich für eine etwas verkürzte Genre-Betrachtung.

Was Argento angeht. Natürlich hat er ein ganzes Sub-Genre begründet und dem europäischen Horrorgenre neues Leben eingehaucht, aber nichtsdestotrotz waren seine Werke auch auf den Mainstream gerichtet. Die etwas formelhaften Geschichten wie bei „Profondo rosso“ haben den Einstieg in diese Werke einem größeren Publikum erleichtert. Traurig stimmt mich nur, dass die Qualität seiner Werke derart nachgelassen, dass er mittlerweile selbst zum kaum beachteten Nischenprogramm geworden ist.

PS zu unserem heutigen Beitrag:
YP traf auf Argento im Frühjahr in Wien, hier der Beweis.

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