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John Ford hat mit seiner filmisch äußerst gelungenen Adaption von John Steinbecks mehrfach ausgezeichnetem Roman „The Grapes of Wrath“ ein wahres Zeitdokument vorgelegt, welches aufgrund seiner Nähe zu der Thematik und der Darstellungsform noch heute eine wichtige Auseinandersetzung darstellt.

YP: Eines vorneweg: „The Grapes of Wrath“ hätte genauso gut auch „The Great Depression“ heißen können. Der Titel wäre vielleicht zu offensichtlich gewesen. Andererseits, es handelt sich um die Adaption des gleichnamigen Romans.

PD: Kein Wunder, der Film und das Buch behandeln ja auch genau diese Zeit in den USA und ich finde den Film umso bemerkenswerter, da er in so großer zeitlicher Nähe zu den Ereignissen entstand. Man merkt das auch sehr stark.

YP: John Steinbeck hat seinen Roman 1939 herausgebracht und Ford den Film 1940, also nur ein Jahr drauf. Bedenkt man die schnelllebigen Prozesse des Filmemachens damals, war das auch für damalige Verhältnisse im Schnellverfahren.

PD: Daran ist auch klar zu erkennen, wie stark die Arbeit von Steinbeck war. Mir ist der Roman, als ich ihn vor Jahren endlich mal las, über Tage und Wochen nicht aus dem Kopf gegangen. Dabei ist er noch viel dunkler und düsterer denn die Filmversion, die sich für eine etwas optimistischere Variante entschieden hat.

Überraschend an „The Grapes of Wrath“ ist ja vor allem, dass ausgerechnet John Ford, die Filmadaption gedreht hat. Ein Mann den man Zeit seiner Karriere nicht unbedingt mit links-gerichteten Ideen verband.

YP: Viele der Einstellungen im Film erinnerten mich auch ständig an die Fotografien von Dorothea Lange. Ich kenne jetzt nicht so viel von Ford, aber als den sozialkritischen Regisseur schlechthin würde ich ihn nicht bezeichnen.

PD: Die Kameraarbeit von Gregg Toland gab dem Film etwas ikonographisches. Mir kam da, vielleicht nicht ganz passend, die kontrastreiche Landschaftsfotographie von Ansel Adams in den Sinn.

Von Ford kenne ich gerade mal ein Dutzend seiner vielen Arbeiten und er hat sich schon immer wieder mal mit sozialkritischen Themen auseinander gesetzt (in „The Informers“ oder „How Green Was My Valley“), aber niemals so kraftvoll und auch wütend wie in „The Grapes of Wrath“. Mehr sind ja seine Western im Gedächtnis geblieben.

YP: Muss dazusagen, das ich kaum was von Steinbeck gelesen habe und es mich auch nicht reizt. Du hast doch die Vorlage gelesen? Kann ich davon ausgehen, dass Ford hier ziemlich werkgetreu gearbeitet hat?

PD: Zugegeben, das ist jetzt schon einige Jahre her und ich habe zur Vorbereitung nur ein wenig darin geblättert, aber er und Autor Nunally Johnson, haben einige Details abgeändert. So zum Beispiel die ganze Handlung rund um Rose-of-Sharon. Sowohl wie ihr Verlobter sie verlassen hat, wie auch das Schicksal ihres Kindes. Das wird im Film entweder nur kurz ausgeführt, oder einfach weggelassen. Vor allem das Ende, mit der Totgeburt, die sie dennoch versucht zu stillen, ist wie ein Schlag in die Magengrube. Das wird im Film ja nicht gezeigt.

Steinbeck gehört zu den Autoren, von denen ich das eine große und bekannte Werk gelesen habe, und mir immer vornehme, mehr zu lesen, aber irgendwie doch nie dazu komme.

YP: Im Film sehen wir ja einen noch sehr jungen Henry Fonda, der für die Rolle als Tom Joad für einen Oscar nominiert wurde. Mein persönliches Highlight war aber die Mutter spielende Jane Darwell.

PD: Mir gefiel Fonda als Tom Joad sehr gut. Auch wenn man aus heutiger Sicht natürlich auch die ganze Geschichte und Filmographie des späteren Stars ein wenig im Kopf mitschleppt. Mir hat er sofort gefallen. Jane Darwell als fürsorgliche und pragmatische Mutter, war auch vom ersten Moment an überzeugend. Die Darsteller haben sich ansonsten gut ins Ensemble eingefügt.

Das war auch in Szenen zu sehen, wie jener, als Pa Joad versucht ein wenig Brot zu kaufen. Dieses Gefeilsche und wie er schließlich auch noch Süßigkeiten für seine Kinder kauft, war nicht unbedingt großes Schauspielerkino, aber Ford inszenierte es mit so viel Nachdruck, dass ich die ganze Zeit einen Kloß im Hals hatte.

YP: Was im Film so gut rüberkommt, sind diese einfachen Dialogszenen. Auch das Tempo ändert sich nie, auch wenn es sogar einige flottere Szenen gibt. Der Anfangsdialog mit dem ehemaligen von John Carradine gespielten Pfarrer und Toms Abschiedsdialog mit seiner Mutter bleiben einfach hängen. Beides sehr simple, dennoch effektive Darstellungen. Das werden keine großartigen Aussagen getätigt, aber allesamt einprägsame.

Bedenkt man, dass der Film eigentlich ein Epos bzw. eine Odyssee – im Genre als Roadtrip verpackt – ist. Es bedarf nicht einmal großer Anstrengung, die Narration wird so leichtfüßig vermittelt.

PD: John Carradine als vom Glauben abgefallener Pfarrer Casy gefiel mir auch sehr gut. Vor allem als er dann im Arbeitslager versucht den Widerstand zu organisieren.

Die Dialoge, wie du schön erwähnst, folgen simplen Mustern und klingen dadurch authentisch, aber schaffen es dennoch die Handlung voranzutreiben und auch die Ideologie dahinter zu vermitteln ohne sofort in einen predigenden Ton zu verfallen.

Die Epik vermittelt Ford auch durch die weiten und so bedrohlich dunklen Aufnahmen von Oklahoma. Dabei sieht man nicht einmal so viel von den Feldern oder den Farmen, die nieder gewalzt oder von Sandstürmen verwüstet wurden. Durch diese Bildästhetik wird schnell klar, welch weite Wege die Familie auch hinter sich bringen muss. Bildlich und wortwörtlich.

YP: Aber auch, wenn Sie dann tatsächlich in Kalifornien ankommen. Es wird zwar heller, aber so wirklich lichtet sich die Grundstimmung erst zum Schluss hin.

PD: Das liegt auch daran, dass die Lebens- und Arbeitsumstände sich als großer Betrug herausstellen. Es erinnerte mich an die Erzählungen und Fotos vom Land, in dem Milch und Honig fließen, riesige Kartoffeln und Tomaten wachsen, mit denen Einwanderer in die USA gelockt wurden (sehr schön dargestellt in Emanuele Crialeses „Nuovomondo“). Nur um dann mit der harten Realität konfrontiert zu werden.

YP: Und hier werden Hillbillies zu Fremden im eigenen Land.

PD: Der Dialog zwischen den beiden Tankstellenmitarbeitern war da auch verräterisch und schmerzhaft. Dass diese Oakies nicht wie echte Menschen seien, denn echte Menschen könnten ja gar nicht in solch einem Elend leben.

YP: Diese Thematik hat Allgemeingültigkeit. Im Elend picken die Schwächeren an den noch Schwächeren. Das ist wohl eine universell menschliche Eigenschaft.

PD: Dieses Empfinden vermitteln vor allem die Darsteller (im Besonderen Fonda, Darwell und Carradine). Dass diese Menschen trotz aller Widrigkeiten, niemals ihren Stolz verlieren.

YP: Es geht schließlich immer um den Menschen.

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