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Reese Witherspoon begibt sich auf eine Wanderung zu ihrem Selbst. Wir diskutieren, ob „Wild“, adaptiert von Nick Hornby und unter der Regie von Jean-Marc Vallée, ein realistisches Bild einer solchen Reise zeichnet, oder sich doch nur auf Klischees verlässt.

YP: Bei „Wild“ musste ich natürlich sehr an „Into the Wild“ denken. Und mir kam die ganze Zeit in den Sinn: In „Into the Wild“ geht es um einen jungen – über die Maßen privilegierten – Mann, dem es in seinem goldenen Käfig viel zu eng wird, sodass er ausbricht. Und in „Wild“ geht es um eine junge Frau aus ärmeren Verhältnissen, die vom Leben gebeutelt oder gezeichnet, ausbrechen muss. Hier liegen Welten dazwischen und dann doch wieder nicht. Beide beruhen auf einem persönlichen Erfahrungsbericht.

PD: Derselbe Gedanke ging mir durch den Kopf und doch war mir „Wild“ um vieles sympathischer. Wohl auch weil der von Emile Hirsch dargestellte Ausreißer im Grunde ein verzogener Bengel war, der „zu viel Luxus“ um die Ohren hatte.

Das wurde wieder von Regisseur Sean Penn mit entsprechend kitschigen Naturaufnahmen unterlegt. Schön anzusehen, aber ich war emotional distanziert.

Da ging mir die Wanderung von Cheryl Strayed (was für ein Name) viel näher. Nicht nur, weil sie aus ärmeren Verhältnissen kommt, sondern weil ihre Wanderung auch zum Teil ein Kampf gegen die Natur war. Ihre Wanderung ist kein wunderschöner Erweckungstrip, sondern auch ein Kräftemessen. Da hat mir auch gefallen, wie Jean-Marc Vallée dies mit Erinnerungen von Cheryl verband.

YP: Wobei die Landschaften in „Wild“ nicht vorrangig inszeniert werden, habe ich trotzdem eine gewisses Bild von diesem Teil der pazifischen Westküste bekommen. Also ein paar schöne und vielleicht weniger imposante – weil eben so bescheiden inszenierte – Szenen gab es immerhin.

Weiteres wurde der Film fürs Kino von Nick Hornby adapiert, was natürlich auch sehr interessant ist.

PD: Dafür hat er allerdings einige pseudo-philosophische Betrachtungen von ihr eingebaut, die mir doch ein wenig auf die Nerven gingen.
Da konnte Hornby offenbar nicht widerstehen.

YP: Wobei, ich bin hin- und hergerissen. Die einsamen Wanderszzenen haben am Anfang ziemlich gefesselt und gefallen, und leider ist das dann in die persönliche Geschichte abgeschlittert, was für mich problematisch war, ich hatte wirklich keinerlei Ideen bzw. Vorinformation dazu. Und dann stellt sich heraus, dass Cheryl einfach nicht mit ihrer Vergangenheit abgeschlossen hat. Am Anfang wird etwas versprochen, was nicht eingelöst wird. Ich habe auf was-weiß-ich-was gewartet und dann das.

Die Reise allein hätte mir gereicht, die Rückblenden waren zu viel. Es gab zu viele davon.

PD: Worauf hast du gewartet?

YP: Kann ich dir nicht so beantworten, aber nicht darauf. Auf etwas Schlimmeres vielleicht, was weiß ich.

PD: Von Beginn an, als diese Kaskaden an Erinnerungen an ihrem inneren Auge vorbei ziehen, ist ja doch recht schnell klar, dass sie diese Wanderung macht, um mit ihrem Leben klar zu kommen. Das wird relativ gut aufgebaut.

Die Rückblenden waren mir nicht zu viel, vor allem da man dadurch die von Laura Dern toll gespielte Mutter zu sehen bekam, aber ich mochte gewisse Anspielungen nicht. Der immer wieder auftauchende Fuchs, der natürlich gerade dann auftaucht, wenn Cheryl an den Tod ihrer Mutter denkt, war mir zu aufgesetzt.

YP: Die Beziehung zu ihrem Mann. Es war nicht notwendig, die gesamte Beziehungsgeschichte wiederzugeben. Wir haben es doch so verstanden wie es war, sie hat ihn betrogen – mehrmals. Und das musste natürlich so oft eingespielt werden? War nicht notwendig. Dieser Teil wurde aufgebauscht, und ich verstehe nicht warum, weil wir hier eine sexsüchtige Frau und notorische Betrügerin sehen und nicht wie in „Dallas Buyers Club“ einen Mann?

PD: Das war mir wieder eher egal. Man hätte es weglassen können, oder auch einfach nur die Szene bei der Therapie, wo sie direkt darauf angesprochen wird, stehen lassen können.

YP: Außerdem gefiel mir ganz und gar nicht, wie die Männer in diesem Film wegkommen. Jeder Mann wird zur potentiellen Gefahr? Diese Anspielung lang in einigen Szenen stets ein wenig in der Luft.

PD: Die Bedrohung lag ja nicht bei jedem Mann in der Luft, aber schon in bestimmten Situationen. Die Begegnung mit dem Arbeiter, der sie mit nach Hause zu seiner Frau nimmt, war ein wenig zu dramatisiert. Die beiden Bier trinkenden Jäger waren aber sehr wohl bedrohlich. Da verstand ich die entsprechende Inszenierung schon.

YP: Und wir schreiben das Jahr 1995. Manchmal sieht es wie 2001 aus. Dann wieder wie 1968. Und das Jahr 1995 habe ich nicht erkannt.

PD: Vom Zeitrahmen hätte ich den gesamten Film eher so Ende der 1990er eingeordnet, wobei der Hippie-Ort Ashland schon aus dem Rahmen fiel. Der schien in den 1960ern stecken geblieben.

YP: In Ordnung, es beruht auf wahren Begebenheiten, das ist demnach verständlich.

PD: Schon, aber da geht es ja eher darum, ob es nachvollziehbar erzählt wurde. Im Großen und Ganzen erschien mir das geglückt.
Noch kurz zurück zu den bedrohlichen Männern. Wenn ich noch einmal so zurück denke, dann sehe ich da mehr Gutes, was ihr passierte. Bis auf ihre erste Begegnung mit dem Farmer und die beiden Jäger, waren alle Männer ihr gegenüber hilfsbereit und freundlich. Beinahe zu schön um wahr zu sein. Es erinnerte ein wenig an den wundervollen „The Straight Story“ von David Lynch (der mir allerdings besser gefällt, so nebenbei).

YP: Aber auf den ersten Blick wirkten doch alle etwas bedrohlich. Mir war das sehr unangenehm, da ich diese Art von Reisen bereits unternommen habe und mich dann in ihren Situationen wiederfand, die von meiner Realität stark abweichten.

Reese Witherspoon fand ich in dieser Rolle natürlich toll, wobei ich ihr die junge Protagonistin einfach nicht abkaufe. Ich musste daran denken, dass sie eine ziemlich farblose und unglamouröse Karriere hat. Solche Rollen stehen ihr ziemlich gut.

PD: Finde ich überhaupt nicht. Die beiden Situationen waren unangenehm, aber ansonsten waren das überraschend hilfsbereite Menschen. Ob bei Ausgabe der Post, oder der Organisator des Jerry Garcia-Tributekonzerts oder auch die Wanderkollegen in der ersten Station. Da sah ich viel mehr Herzlichkeit und keinerlei Angst.

Die junge Studentin nahm ich ihr auch nur schwer ab. Da konnte man noch so viel Makeup verwenden, sie ist nun einmal keine 20 Jahre mehr. Es war dennoch eine sehr starke Darbietung. Vor allem im Zusammenspiel mit Laura Dern als ihrer Mutter. Es war nicht einmal so eine einzigartige Leistung von Dern (die war etwa in „Enlightened“ oder „Inland Empire“ eindrucksvoller), aber ich nahm ihr jede Sekunde diesen Charakter ab. Im Gegensatz dazu, blieben die Männer pure Schablonen. Gutartige und bösartige Schablonen.

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