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Clint Eastwood ist 84 Jahre alt und bringt Filme heraus wie ein Schweizer Uhrwerk. Seinen aktuellen und kontroversiell diskutieren „American Sniper“ lassen wir uns auch nicht entgehen.

PD: „American Sniper“ ist für mich schwer einzuordnen. Einerseits finde ich, dass Eastwood einen Film gedreht hat, der genau weiß, was er will und dies auch durchzieht, aber es bleibt ein etwas bitterer Beigeschmack.

YP: Ich finde diese Videospiel-Ästhetik irgendwie widerlich. Die Waffenverherrlichung  sprengt meine Vorstellungskraft ohnehin, bzw. kann ich das ganz schwer nachvollziehen. Vom technischen und narrativen Standpunkt spricht auch nichts gegen „American Sniper“. Problematisch ist für mich das Thema der Vorlage. Dieser Krieg ist an sich nur so unbegreiflich und weit hergeholt. Das Furchtbare daran ist, dass der Film das in jeder Minute vor Augen führt.

PD: Gut, dass du die Waffenverherrlichung ansprichst. Ich bin auf eine Rezension von Ici Pinkerton im „Sight & Sound“ (leider nur im Print verfügbar) gestolpert, in der er darüber schrieb, wie wichtig die „Erotik der Feuerwaffen“ in „American Sniper“ sei.

Die Soldaten sexualisieren ihre Waffen auch unentwegt und wenn Kyle seinen ersten Menschen tötet, dann wird davon gesprochen, dass er das „Rohr entjungfert“ hat. Das sind alles Aspekte, die mir völlig fremd sind, die ich aber als nachvollziehbar dargestellt empfunden habe. Auch die „Call of Duty“-Optik, die man aber schon bei anderen jüngeren Kriegsfilmen wie „The Hurt Locker“ zu Gesicht bekam.

Ein Film der noch viel erotischer mit der Handhabung von Handfeuerwaffen umging, war aber meiner Meinung nach „The American“ von Anton Corbijn. Das nur am Rande.

YP: Ich ziehe aber meine Grenze bei der Rezeption des Films zwischen „nachvollziehbar dargestellt“ und generell „nachvollziehbar“. Das ist für mich eine abgeschwächte Form des „Blut-und-Boden“-Zugangs und demnach zu verteufeln. Allein schon das Paradoxon mit 9/11 und dem Irakkrieg. Ich gebe zu, dass ich mich sehr schwer damit abfinde, was Patriotismus in den USA (und überall sonst auf der Welt) eigentlich bedeutet. Inhaltlich heftig und mir zuwider. Daher kann so ein Film noch so gut sein, ich gehöre definitiv nicht zum Zielpublikum.

Für mich wäre ein Film über russische Minenarbeiter nachvollziehbarer, ich gebe zu, dass mir das, was Clint Eastwood hier zeigt, einfach zu exotisch ist.

Erinnert mich auch sehr an die Serie „Generation Kill“.

PD: Da fand ich „American Sniper“ aber viel unpolitischer als die 9/11-Schmonzette „World Trade Center“ von Oliver Stone. In dieser sieht man den Marines Dave Karnes der bei diesem Unglück vor Ort ist und hilft, um sich am Ende des Films schließlich freiwillig für den Kampfeinsatz zu melden. Das war politisch viel aufgeladener als alles was man in „American Sniper“ zu sehen bekam.

Chris Kyle wird als mit Blut-und-Boden-Doktrin aufgezogener junger Mann gezeigt, der die Waffe in der Hand und den Cowboyhut am Kopf schätzt, aber ansonsten über keine weiteren Ziele oder Werte verfügt. Er ist ein geradezu hohler Charakter, der sich von einer simplen Aufgabe erfüllen lässt.

Persönlich kann ich mit den Charakteren aus Ken Loach-Filmen auch mehr anfangen, aber das ist eine persönliche Herangehensweise. Rein vom filmisch-technischen Standpunkt hat Eastwood aber einen gut gemachten Film abgeliefert. Das kann ich respektieren. Es muss mir aber nicht gefallen.

„Generation Kill“ kenne ich nicht bzw. habe ich noch nicht gesehen.

YP: „Generation Kill“ ist die Adaption einer Reportage von Evan Wright und dementsprechend kritischer und diverser dargestellt, weil Wright als Journalist auch eine beobachtende Rolle bei den U.S. Marines eingenommen hat.

Vielleicht ist das eben auch das Problematische am Film, das Politische scheint mir auch nebensächlich, es geht natürlich um die Figur des Scharfschützen Chris Kyle und der ist eben ein Patriot wie er wohl im Buche steht. Mein Sehvergnügen war keines und war stets getrübt durch Unverständnis. Allerdings muss ich nicht alles verstehen können, aber mögen muss ich es schon gar nicht.

PD: Mein Problem mit „American Sniper“ ist, dass Eastwood überraschend wenig über den Kampfeinsatz im Irak zu erzählen hat. Im Gegensatz zu seinem Weltkriegs-Doppel „Flags of Our Fathers“ und „Letters from Iwo Jima“, wo er sehr wohl die beiden Seiten ohne jegliche Ideologie analysieren konnte.

Hier bleibt Eastwood geradezu klaustrophobisch an der Sicht von Chris Kyle (Bradley Cooper) hängen und diese ist eingeschränkt und plump. Das verwehrt uns jegliche tiefere Einsichten, etwa in das Schicksal seines Bruders, der offensichtlich traumatisiert aus dem Krieg heimgekehrt ist.

YP: Es ist aber auch an Kyles persönliche Erfahrungen angelehnt, das ist dann irgendwie selbsterklärend. Keine Sekunde weichen wir von seiner Seite.

PD: Das hätte man genauso gut nutzen können um ein wenig mehr zu erzählen. Ein besserer Film nutzt diese Erinnerungen und klebt nicht sklavisch an ihnen.

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