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Zur Abwechslung besprechen wir diese Woche wieder einmal eine Fernsehserie. Diesmal die ersten beiden Staffeln des britischen Thrillers „The Fall“. Gillian Anderson als Detective Superintendent Stella Gibson begibt sich im nordirischen Belfast auf die Jagd nach einem Frauenmörder. Nun heißt es, Krimiserien gebe es wie Sand am Meer. Inwiefern sich „The Fall“ von anderen Fernsehserien unterscheidet, wollen wir nicht vorenthalten.

Dieser Dialog enthält einige Spoiler!

PD: Als Fan von Gillian Anderson, habe ich mich natürlich sehr gefreut, sie wieder einmal in einer starken Rolle und noch dazu in einer guten Produktion zu sehen.

YP: Allein schon die ersten 10 Minuten der ersten Folge mit diesem einleitenden Schuss-Gegenschuss-Verfahren zwischen Andersons Figur und Jamie Dornans („Fifty Shades of Grey“) Figur Paul Spector fesseln dermaßen, sofort wird man in den Bann gezogen und kommt nicht mehr weg. Ich wollte am liebsten alle fünf Folgen der ersten Staffel nacheinander bingen, habe mich dann aber auf eine Folge pro Abend festgelegt.

PD: Dabei zeichnet sich die Serie vor allem durch einen sehr ruhigen und sehr nüchternen Zugang aus. Man erfährt zwar im Laufe der 1. Staffel sehr schnell, wer der gesuchte Mörder ist, Allan Cubbitt hat aber einen sehr wichtigen Fokus auf die Entwicklung der Ereignisse gelegt. Weniger auf die Action.

YP: Die Mörderfrage wird sogar in der ersten Folge mehr als angedeutet. Wobei „The Fall“ für mich mehr an die US-amerikanischen Krimiserien angelehnt ist, als an europäische. Zumindest in der Machart kommt es mir stets so vor, als werde hierbei ein US-amerikanisches Publikum bedient. Anzumerken ist natürlich, dass es sich hierbei – wie bei dem von uns bereits besprochenen „Sherlock“ (wobei es „Sherlock“ natürlich in jeder Sekunde anzusehen und -merken ist – um eine BBC-Produktion handle.) Belfast mutet darin fast als gefährliche Stadt an. Vielleicht liegt das generell am Hang zu Overstatement in Krimiserien, bzw. Krimiserien leben davon.

PD: In Bezug auf die sehr detailliert dargestellte Polizeiarbeit kann man vielleicht Vorbilde wie „The Wire“ heran ziehen. Eventuell sogar „French Connection“, auch wenn bei „The Fall“ auf jegliche reißerische Actionszene verzichtet wird. Das kann manchmal auch ein wenig frustrierend sein, da man aus flotter (oder auch hektischer) inszenierten Thrillern eine schnellere Auflösung gewohnt ist. Die Straßenkämpfe zwischen Gangs und der Polizei und generell das Revierverhalten in Belfast waren mir völlig fremd. Natürlich bietet das völlig in Grautönen gehaltene Belfast den perfekten Hintergrund für einen finsteren Thriller, ein wenig wie das ewig verregnete Seattle in „The Killing“. Gillian Anderson reiht sich ohnehin in eine Reihe mit selbstbewussten und komplexen Ermittlerinnen wie Mireille Enos („The Killing“) oder Elisabeth Moss („Top of the Lake“).

YP: Die Action kommt auch überhaupt nicht zu kurz, es liegt auch ein großer Fokus an der Charakterstudie. Es kommt auch stets das psychologische Profiling – welches auch stark an viele US-Serien erinnert („Hannibal“, „Criminal Minds“) nicht zu kurz. Die von Anderson großartig gespielte Stella Gibson ist auch eine unglaublich einnehmede Figur, gerade eben, weil wir von ihr viel weniger mitbekommen als zum Beispiel von Paul Spector. Hier herrscht eine komplette Umkehrung von der Konstellation, wie sie uns vielleicht eher bekannt ist. Die Profilerein lässt niemanden (auch nicht das Serienpublikum) an sich ran und von Spector bekommen wir fast alles zu sehen.

PD: Das ist dann auch ein Zugeständnis an die Genre-Konventionen. Das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Spector und Gibson, ist geradezu Textbuch-artig abgehandelt. Da entkommt die Serie den Erwartungen nicht. Vor allem im Cliffhanger zum Ender der zweiten Staffel. Zwar lässt man sich in der letzten Episode 90 Minuten Zeit, aber der Ausgang mit dem niedergeschossenen Paul in den Armen von Stella, war doch sehr klar vorherzusehen. Spannend an Stella Gibson finde ich, dass sie ein extrem selbstbewusster Charakter ist. Sie bestimmt über ihr eigenes Leben. Im Gegensatz zu vielen anderen Serien-Ermittlerinnen (etwa auch der von Anderson dargestellten Dana Scully in „The X-Files“) hat sie ein Leben neben der Arbeit. Natürlich konzentriert sich alles auf die Ermittlungen, aber wenn sie etwa Sex will, dann nimmt sie sich diesen.

YP: Wobei Stella dies auch selber stets thematisiert, die Tatsache, dass sie nach ihren eigenen Konventionen lebt und die gesellschaftlichen in Frage stellt. Ein starker und in dieser Hinsicht auch sehr unkonventioneller Frauencharakter ist auch die von Diane Kruger gespielte Sonya Cross in „The Bridge – America“, die allerdings auch noch das Asperger Syndrom hat. Vielleicht sind wir endlich im Jahrzehnt angekommen, wo uns Frauenrollen in vielfältiger Figurenzusammensetzung gezeigt werden und sogar im Mittelpunkt der Geschichte stehen. Mit dieser Entwicklung der Serienlandschaft kann ich sehr gut leben.

PD: Wobei „The Fall“ ja schon noch die Formel Serienkiller vs. Super-Ermittler (in diesem Fall: Super-Ermittlerin) abarbeitet. Der Raum, der auch Paul Spector gegeben wird, ist dabei dringend notwendig, denn so wenig man bei Serien wie „The Killing“ oder „The Bridge“ über die Bösewichte erfährt, so ausführlich taucht man in die Psyche von Spector ein. Dabei fand ich vor allem sein Verhältnis zur minderjährigen Katie hoch interessant. Die Ersatz-Vaterrolle die Spector für sie einnimmt ist. was die Ausmaße ihrer Mittäterschaft angeht, beängstigend. Um auf deinen „Sherlock“-Vergleich zurückzukommen. Es sind zwar beides BBC-Produktionen, doch „Sherlock“ hat einen viel knalligeren Tonfall. Schnell geschnitten, rasch voran schreitend und mit viel Humor. „The Fall“ ist dagegen extrem ruhig erzählt, tief in die düstere Atmosphäre eintauchend und auch die männlich dominierten Hierarchien durchbrechend.

YP: „The Fall“ fällt dann eher in die Kategorie der ruhigen Sonntagabendunterhaltung im Columbo’schen Sinne.  Eine fesselnde und nicht allzu aufwühlende Serie – ganz anders als das Profiler-zentrierte „Hannibal“, wo das Publikum kathartische Höhen und Tiefen in einer Episode erlebt, wie sonst woanders nicht in einer ganzen Serienstaffel.

Die Suspense kommt unter keinen Umständen zu kurz, auch wenn es natürlich – bis auf die Cliffhanger am Staffelende – kaum zu viel Action kommt. Daran stört man sich keineswegs.

Was ich allerdings problematisch finde: manchmal vermittelt die Serie das Gefühl, als müsste Paul zugänglich und sympathisch dargestellt werden.

PD: Im Gegensatz zu etwas reißerisch inszenierten Serien wie „Hannibal“, wühlt mich aber „The Fall“ mehr auf. Gerade da es einen realistischeren Zugang bietet. Die Charaktere gehen mir näher und ich fiebere mehr mit.

Problematisch finde ich die Darstellung Pauls durch Jamie Dornan (der im Gegensatz zu seiner Rolle in „Fifty Shades of Grey“ hier tatsächlich schauspielern darf) nicht. Der typische nette Nachbar, der einem freundlich entgegentritt und den man diese Taten kaum zutrauen würde. Die Frage ist eher, ob man grundsätzlich einen Bösewicht sympathisch darstellen „soll“.

YP: So habe ich das nicht gemeint. Finde nicht die Darstellung problematisch. Ich fühlte mich fast gezwungen Paul sympathisch zu finden, konnte da nicht einmal groß etwas dagegen unternehmen. Manipuliert, um es genauer zu beschreiben. Der sympathische Serienmörder von Nebenan.

PD: Das finde ich aber auch nicht weiter problematisch. Wir betrachten ja beide Seiten des Falls. Insofern ist es nicht weiter verwunderlich, dass man auch als Zuseher eine gewisse Beziehung zum Bösewicht aufbaut.

Wie sich etwa Paul gegenüber seiner Frau mit Ausreden herum windet, fand ich extrem spannend und hoffte immer ein wenig, dass er damit durchkommt.

YP: Aber eine dritte Staffel? Was soll da jetzt noch großartig kommen? Natürlich verstehe ich, dass da an den Erfolg der ersten beiden Staffeln angeknüpft werden soll, aber ist das wirklich noch notwendig.

PD: Ach, da gibt es doch noch viel zu erzählen. Paul Spector liegt in den Armen von Stella. Alleine dieser Cliffhanger gehört aufgelöst. Zudem ist da die Beziehung zwischen Katie Benedetto und Paul oder auch Stellas eigene Beziehungen zu ihren KollegInnen. Gerade bei dem Fokus den die Serie auf die Ermittlungen legt, kann ich mir eine Staffel, die rein zur Aufklärung des Falls und der persönlichen Beziehungen dient, gut vorstellen.

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