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25 Jahre (!) ist es nun her, seit der Roman „American Psycho“ von Bret Easton Ellis die Literaturwelt in Erregung versetzte. Vor 15 Jahren sorgte die heißerwartete und vielumstrittene Verfilmung von Mary Harron mit Christian Bale dafür, dass aus Patrick Bateman eine Popkultur-Ikone wurde. Wir wollen besprechen, was noch funktioniert und was im Laufe der Zeit und Adaption verloren ging.

PD: Nachdem ich „American Psycho“ schon einige Jahre lang weder gesehen noch gelesen habe, war es schön zu sehen, dass einige im Gedächtnis festgesetzte Schlüsselmomente immer noch funktionieren. Da hat mir die Erinnerung keinen Streich gespielt.

YP: In regelmäßigen Abständen sehe ich mir die Verfilmung auch an, allerdings habe ich die Vorlage nur ein Mal gelesen. Das ist so ein Film, der sich bei jeder Sichtung neu entfaltet. Mir gefällt der herrlich-makabere Zugang, den Mary Harron zum Roman gefunden hat. Der Humor ist sehr treffend.

PD: Der Humor ist ja auch im Roman überdeutlich vorhanden, nur hat Ellis ihn in einer anderen Art und Weise vorgetragen. Im Roman sind es die ständigen Aufzählungen von Marken, Statussymbolen und ausgefallenen Gerichten in hippen Restaurants, die einen satirischen Blick auf diese Wall Street-Welt offenbaren. Im Film kommen auch noch die überzeichneten Darstellungen hinzu. Recht früh im Film sieht man etwa Patrick Bateman (Christian Bale) mit aufgesetzten Kopfhörern durch die Gänge zu seinem Büro marschieren. Er hört sich „Walking on Sunshine“ an und verzieht dabei keine Miene. Das ist, auf der Leinwand, unglaublich komisch und entlarvend zugleich.

YP: Apropos satirischen Blick auf die Wall Street der Achtziger Jahre, da muss ich auch gleich an „The Wolf auf Wall Street“ denken, wobei Martin Scorseses Film ebenso wie Harrons eine oberflächliche Scheinwelt entlarvt. Eine meiner Lieblingsszenen ist übrigens die Szene mit dem Zurschaustellen der Visitenkarten. Für mich wird hier der Ton des Film wiedergegeben wie in keiner anderen Szene.

PD: Klar, ohne jeden Zweifel ist das auch ein markanter Moment und es ist auch genau so eine Szene, in der Harron mit ihrer Co-Autorin Guinevere Turner das Ausgangsmaterial frei bearbeitete.

Wäre die Adaption sklavisch am Buch hängen geblieben, dann hätten wir einen viel zu blutigen Film zu sehen bekommen, in dem die satirischen Töne kaum wahrnehmbar gewesen wären. Es ist ja auch schon im Roman selbst, schwer die detailliert beschriebenen Folter- und Mordszenen zu lesen und dabei den satirischen Kern der Geschichte nicht aus den Augen zu verlieren. Ein Beispiel für eine gelungen freie Adaption.

YP: Die Verfilmung hätte so leicht aus dem Ruder geraten können, ich rechne es Harron hoch an, die Richtung die sie da eingeschlagen ist. Ich habe zwar den Roman gelesen, bevor ich den Film gesehen habe (irgendwann vor 10 Jahren), aber die Bilder aus dem Film haben sich mittlerweile richtig eingebrannt.

PD: Das hält sich bei mir die Waage. Einerseits kann ich mir heute „Hip To Be Square“ oder „Sussudio“ nicht mehr anhören, ohne an Patrick Bateman zu denken. Andererseits habe ich auch viele Bilder aus dem Roman im Kopf, die im Film keinen Eingang fanden (das Dinner mit seinem Bruder Sean, oder die extrem brutalen Morde an Bethany und dem Bettler).

Was mich bei der erneuten Ansicht des Filmes störte, war der gehetzte Rhythmus in den ersten etwa 30 Minuten. Viel zu viele Szenen werden sehr verkürzt dargeboten. Die gewünschte Wirkung kann sich kaum entfalten. Da verliert sich im Rückblick ein wenig von der Intensität.

YP: Dabei ist doch gerade der Einstieg in den Film ausschlaggebend: wir haben die Namensaufzählungen der Speisen und der Trend-Lokale („Dorsia“), dann Designer-Anzüge (Valentino Couture, Pflegeprodukte („Almond Scrub Cleanser“). Was ich so dermaßen witzig finde zu Beginn des Films: wie die Invenstment-Banker – allesamt Vizepräsidenten bei Pierce & Pierce – einander zu verwechseln ähnlich sehen und sich tatsächlich immer untereinander verwechseln. Die Haarschnitte, die Brillen, die Anzüge, die Büros, die Jobs, sogar die Visitenkarten. Alles nur Schwanzlängenvergleiche.

In Moloch Manhatten und der männlichen Welt der Eitelkeiten und Oberflächlichkeiten und diesem widersinnigen Wohlstand ist Patrick Bateman ziemlich gut aufgehoben. Bis auf seine Mordlust fällt er eigentlich gar nicht sonderlich auf. Und genau das wird ihm zum Verhängnis. Wenn die Superlative zur Mittelmäßigkeit wird, verlangt es sowieso nach mehr. Genau das fängt die erste halbe Stunde auf.

PD: Mich stört nur, dass all diese schönen Szenen nicht ein klein wenig länger dauerten. Da hätte man ruhig mit etwas mehr Ruhe inszenieren bzw. schneiden können.

Schön dass du die Ähnlichkeit der ganzen Wall Street-Menschen ansprichst. Das ist ja auch wichtiger Punkt in der Frage, ob sich all die Bluttaten von Bateman wirklich zugetragen haben oder nur in seinem Kopf stattfanden. Wenn sein Anwalt ihm berichtet, dass er mit Paul Owen zu Abend gegessen hat, dann ist ja keineswegs gesichert ob es wirklich Paul Owen war. Immerhin verwechseln sich die Charaktere während der Handlung stets gegenseitig, da sie ähnliche Anzüge tragen und im Grunde alle dasselbe tun, nämlich scheinbar gar nichts. Dazu passt auch Batemans Motto: „I want to fit in.“
Er verschwindet geradezu in der Masse, weil er sich dieser perfekt angepasst hat.

YP: Nicht alles, was sich tatsächlich ereignet, bekommen wir zu Gesicht und nicht alles, was wir sehen, hat sich tatsächlich so ereignet. Das ist eine interessante und richtige Beobachtung.

Wollen wir noch einmal auf die musikalische Untermalung zu sprechen kommen? Feinster Pop aus den Achtzigern – Musik die auf kommerziellen Radiosendern noch immer und regelmäßig gespielt wird – hat die Aufgabe, einige blutige Szenen musikalisch zu begleiten. Sehr abstrakt, aber es funktioniert. Der Film hat mir auch einen neuen Zugang zu dieser Musik verschafft. Ich störe mich jetzt sogar weniger daran. Wie arg das auch klingen mag, ansonsten hatte ich für diese musikalische Ära kaum was übrig.

PD: Musikalisch macht der Film natürlich viel Spaß und die Songs sind wie auch die tollen Kostüme, die Sets und die Kameraästhetik ein Grund dafür, dass der Film nicht gealtert ist. Christian Bale verkörpert Patrick Bateman ohnehin als regelrecht alterslose Gestalt. Man könnte „American Psycho“ ohne Probleme als satirisches Gegenstück zu „Wall Street“ programmieren.

Wie die Songs von Mary Harron verwendet werden, fand ich hervorragend. Das sind eben genau jene Momente, die bei mir auch Jahre später hängen blieben.
Dennoch weiß ich Batemans Einsichten in die Pophistorie nicht wirklich einzuordnen. Es sind sehr amüsante und zum Teil erstaunliche Beobachtungen, aber sie heben sich so extrem vom Rest des Films ab, dass ich nicht wirklich weiß, inwiefern es mit dem Rest der Handlung oder auch seinem Charakter zusammenhängt.

YP: Wenn ich daran denke, dass der Roman von Ellis als unverfilmbar angesehen wurde. Dann noch an all die Realisierungsschwierigkeiten, die damals medial weite Wellen schlugen. Dieser Guardian-Artikel gibt einen guten Einblick darüber. Heute, 24 Jahre nach Erscheinen des Romans und nun 15 Jahre nach Veröffentlichung des Films, ist Patrick Bateman fixer Bestandteil des Pre-und Post-Millennium-Mainstreams und gar nicht mehr aus diesem wegzudenken.

PD: Lustigerweise findet Ellis heute nicht mehr, dass die Verfilmung funktionieren würde. Sehr eigenartig, da er vor 15 Jahren noch sehr lobende Worte über Harrons Arbeit verlor. Es scheint aber mit dem Film, wie mit dem Buch verlaufen zu sein. „American Psycho“ markiert den bisherigen Höhepunkt in den Karrieren von Bret Easton Ellis und Mary Harron. Während ich von Ellis kaum noch wirklich lesenswerte Bücher fand – speziell „Lunar Park“ hat mich enttäuscht – ist Harron ein wenig in der Versenkung verschwunden.

PS: Hier gibt es unseren Dialog zu „The Canyons“. Regie: Paul Schrader. Drehbuch: Bret Easton Ellis.

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