Schlagwörter

, , , , , , , , ,

Koventionelle Debütfilme sehen anders aus. Ana Lily Amirpour, eine US-Amerikanerin iranischer Abstammung hat mit „A Girl Walks Home Alone at Night“ bei Werken von Regisseuren wie Jarmusch, Lynch und Leone zitiert. Dabei herausgekommen ist ein unheimlicher, interessanter und politischer Streifen, der eine junge Frau am Skateboard und im Tschador zur Rächerin mit messerscharften Fangzähnen macht.

PD: Als ich in „A Girl Walks Home Alone at Night“ hinein ging, erwartete ich einen klassisch gehaltenen Horrorfilm. Als der Film schließlich zu Ende war, sah ich darin alles, nur eben keinen Horrorfilm und genau das gefällt mir.

YP: Dieser Film lässt sich eben sehr schwer einem Genre zuordnen, wobei das des Horrorfilms natürlich sofort ins Auge fällt. Ich habe mir eine konventionelle Genregeschichte erwartet und zu Gesicht bekommen habe ich einen unglaublich bildgewaltigen stilvollen und reflektierten Debütfilm. Letztmals ging es mir bei so bei „Amer“. Und das war 2010.

PD: Die Horrorelemente sind auch gar nicht so prominent im Film eingesetzt. Amirpour baut eine sehr dichte Atmosphäre auf, in der die Vampirin vom ersten Moment weg wie eine Bedrohung wirkt.

Man würde erwarten, eine Frau im Tschador wäre das Schutzbedürftige Opfer, aber bei Amirpour ist die Vampirin ein wahrer Racheengel, der seine Opfer der gerechten Strafe zuführt.

YP: Das ist natürlich sehr politisch, weil auch die Frau mit Schleier immer den Beigeschmack der Unterdrückten innehat. Und bei Amirpour gibt es bei ihrer entscheidungsfreudigen Protagonistin keine Unterdrückung. Der Schleier steht hier aber auch für Tradition, Identität, modisches Accessoire. Ich finde auch das Zusammenspiel von Gegensätzen bemerkenswert: die Geschichte spielt sich in einer Geisterstadt ab. Einerseits iranischer Vorort, andererseits industrialisiertes Californien. Alles in Schwarz-Weiß. So habe ich das noch nie gesehen.
In vielen Kritiken wird der Film als Iranian Western bezeichnet.

PD: Diese klar gesellschaftspolitisch aufgeladene Aussage, die der Frau mitgegeben wird, macht das auch interessant. Nimmt man der Frau den Schleier weg und macht aus ihr eine „westliche“ junge Frau, die des Nachts als Vampir durch die Stadt zieht, hat man einen müden Abklatsch bekannter Vampir-Filme.

Die schwarzweiß-Optik erinnerte mich sehr an Abel Ferraras „The Addiction“ (einer meiner liebsten Vampirfilme), während ich bei der verlassen wirkenden Stadt an David Lynch und „Eraserhead“ denken musste. So gänzlich unbekannt erschien mir das also nicht. Amirpour bedient sich schon bei vielen Vorbildern, macht daraus aber etwas eigenständiges. Eben aufgrund ihres kulturellen Hintergrundes. Wobei ich mir nicht sicher bin ob dieser iranische Vampir-Western nicht vielleicht doch eher besser als Exil-Iranischer Vampir-Western bezeichnet werden soll.

YP: Zitiert wird natürlich ausreichend (James Dean, Sergio Leone, David Lynch). Was viel wichtiger ist: Ana Lily Amirpour hat etwas gänzlich Eigenständiges geschaffen und es bedurfte nur einer Vision. Der Film ist visuell sehr ansprechend und erzählt viel durch die Bilder und den Soundtrack. Wir befinden uns in einer mutterseelenverlassenen Gegend mit karger Lanschaft. Die Menschen leben in bescheidenen Verhältnissen. Miteinander geredet wird nicht viel. An die spärlichen Dialoge – allesamt in Farsi – kann ich mich kaum noch erinnern, aber die Verfolgungsjagd auf dem Skateboard vergesse ich nicht so schnell wieder. Allerdings ist mir die rauchige Stimme der namenlosen Vampirin (Sheila Vand) in Erinnerung geblieben.

PD: Mir blieb die Discoszene sehr stark in Erinnerung. Der ganze Filme hatte ja eine Musik-Video-Ästhetik und dies wurde in der Drogen-vernebelten Tanzsequenz noch verstärkt. Zudem war das der Teil des Films, in dem stärker auf die Lebenswelt junger Iraner eingegangen wurde.

Bad City steht ja wie ein Symbol für die iranische Kultur (oder auch die iranische Diaspora) und in dieser vergnügen sich junge Menschen in Discos. So zumindest bei Amirpour. Bei ihr sind verschleierte Frauen auch die starken Persönlichkeiten, während die Männer die Frauen in Opferrollen drängen wollen. Sei es der Zuhälter oder der Drogensüchtige Vater unseres Helden Arash.

YP: Gar nicht so sehr die iranische Kultur oder Diaspora als die Kultur, die Amirpour bekannt ist. Da entwickeln sich eigenen Dynamiken, daher ist es nicht zu empfehlen, dies als iranische Kultur zu bezeichnen. Die Regisseurin und der Film machen es auch unmöglich, sie oder ihren Film in Kategorien oder Schubladen zu stecken. Herausgekommen ist dabei der Film, den sie haben wollte. Nichts wirkt zufällig. Wie oben schon erwähnt: auch wenn sie sich auf die alten Regie-Meister beruft (was legitim ist), ihr Film ist visuell ansprechend und unglaublich gelungen.

PD: Ganz loslösen kann man sich aber bei der Rezeption davon nicht, dies auch als Kommentar in Richtung der iranischen (Jugend)Kultur zu verstehen. In manchen Besprechungen wird „A Girl Walks Home Alone at Night“ als Vertreter der Iranian New Wave bezeichnet. Da ich mich mit dem iranischen Kino nicht gut genug auskenne, fällt es mir schwer, dies nun zu bejahen oder zu verneinen, aber in der Betrachtung kann sich Amirpours Films nicht vollständig von diesen Wurzeln lösen.

Ein Vergleich der einem auch in den Sinn kommt, wenngleich nur für kurze Zeit, ist auch Jim Jarmuschs „Only Lovers Left Alive“. Amirpour zitiert eher frühere Jarmusch-Filme, aber wie die beiden das Genre behandeln, drängt sich auch auf.

YP: Die Regisseurin schreibt dazu: „“I did go to Iran, finally, but that’s completely alien to me,” she said. “It’s weird, because Sheila and I were talking about how, with this movie, we kind of made our own place that was as Iranian as we are, which is a mash-up of so many things.”

Mir wirkt das Iranian New Wave jetzt etwas weit hergeholt. Da würde ich eher Marjane Satrapi („Persepolis“) und Asghar Farhadi („Nader und Simin“) in diese Richtung ansiedeln. Diese Zuordnungen sind im Grunde nicht aussagekräftig.

PD: Da sehe ich mich mit meinem „Diaspora-Iran“ wieder bestätigt.

Wie gesagt, glaube ich nicht, mich gut genug mit dem iranischen Film auszukennen, um sie da einzuordnen oder auch nicht. Ich verbinde damit vor allem Jafar Panahi oder Abbas Kiarostami. Natürlich muss man Satrapi und Farhadi auch dazu zählen.

YP: Diese Einsamkeit der Seelen bei heruntergekommener und verlassener Landschaft sehen wir auch in Jarmuschs Detroit in „Only Lovers Left Alive“. Vor allem aber auch der Musikeinsatz in „A Girl“ erinnerte mich an den großartigen Soundtrack von Jarmusch. Und natürlich musste der Schluss romantisch – in Hollywood Manier –  werden.

PD: Der Vampirismus wird bei Amirpour allerdings ein wenig herunter gespielt. Bei Jarmusch hatte man das Gefühl, das Porträt eines bestimmten Lebensstils zu betrachten, der langsam ausstirbt. In „A Girl“ leben die Charaktere einzeln vor sich hin und  Erlösung gibt es für die Frau und Arash erst dann, als sie beschließen gemeinsam zu fliehen. Natürlich darf beim Finale die Katze nicht fehlen.

Advertisements