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Die letzten Jahre machte sich Jon Favreau mehr einen Namen als Drehbuchautor und Regisseur von Blockbuster-Filmen als Schauspieler. In seinem Herzensprojekt „Chef“ ist er alle drei zugleich. Ob es sich dabei um eine Abrechnung mit den Kritikern seiner letzten Filme oder doch um ein filmisches Vergebungsschreiben an seine Anhänger aus Independent-Tagen handelt, ist Teil unseres neuesten Dialogs.

YP: Ein Glück, dass ich Chef vor dem Abendessen gesehen habe. Mit leerem Magen hätte ich wahrscheinlich noch während der Vorstellung das Kinobüffet im Filmcasino leergeräumt. Die Zubereitung der Speisen und die Leidenschaft für das Kochen und das Essen wurden sehr appetitanregend – wie in einem edlen Kochmagazin – zur Schau gestellt.

PD: Man merkt Favreau die Freude an der Arbeit mit den Speisen an. Die Kamera gleitet geradezu über die Gerichte und zeigt sie im besten Licht. Bereits wenn Chef Casper (Favreau) gemeinsam in der Küche mit Martin (John Leguizamo) ein ganzes Schwein zerteilt, geschieht dies nicht in blutigen Nahaufnahmen, sondern im Stil eines Werbevideos. Es ist nicht die schlechteste Idee zumindest in der Nähe eines guten Lokals zu sein, wenn der Film zu Ende ist.

Eigenartigerweise, blieb „Chef“ bei mir aber mehr aufgrund des relativ naiven Verhaltens der Charaktere gegenüber den sozialen Medien hängen. Casper gerät erst in die berufliche Abwärtsspirale, als er sich auf Twitter registriert.

YP: Witzigerweise sehe ich den Film auch als einen, der sich bemüht, Social Media für die Generation zu erklären, die sich dem Ganzen lange Zeit keine Beachtung schenkte bzw. auf den Zug nicht rechtzeitig aufgesprungen ist. Darüber hinaus ist die Charakterentwicklung und Motivation leider eine Spur zu platt. Das Drehbuch wirkte als wäre es über Nacht geschrieben worden und genauso schnell produziert worden. Dann hat Favreau hat seine Schauspiel-Freunde angeheuert mitzumachen und fertig war das vielversprechende Menü.

PD: Favreau, der ja nicht nur Regie führte und die Hauptrolle spielte, sondern auch das Drehbuch schrieb, treibt aber das Unverständnis gegenüber Social Media auf die Spitze. Sein noch nicht einmal 10 Jahre alter Sohn ist ein Experte und der einzige Mensch in diesem Filmuniversum, der damit umgehen kann, während alle nur ein wenig erwachseneren Charaktere völlig ahnungslos davor stehen. Das passt aber ins Bild, welches Favreau rund um seine Hauptfigur erstellt. Allesamt bestehen aus sehr simplen Anweisungen (ich möchte hier gar nicht von Motivationen sprechen), die dazu führen, dass am Ende allesamt sich in den Dienst der Selbstfindung Carls stellen.

Favreau arbeitet dabei aber mit leuchtend hellen Farben und ganz viel Charme und Schmalz um über derartige Oberflächlichkeiten hinweg zu gehen. Und es funktioniert.

YP: Der Charme besteht aber auch im Roadtrip und in Favreaus Leidenschaft für das Essen. Wobei der gesamte Film diesen „No Ma’am“-Charakter von Al Bundys Männerclub hatte, das hat mir natürlich nicht gefallen. Für Faveau scheinen Frauen in diesem Film der reinste Aufputz zu sein, was natürlich Vergeudung von Talent ist.

Darüber hinaus ist die Plotline mit dem Kritikergott natürlich auch ein offensichtlicher Seitenhieb auf seine Hollywood-Kritiker, von denen er auch genug abbekommen hat für „Cowboys and Aliens“ oder „Iron Man 2“. Es muss nicht subtil sein, aber bei Favreau hat man das Gefühl, als wäre er auf einem Kreuzzug durch die Sozialen Netzwerke. Ohne tatsächlich eine Ahnung davon zu haben, was das anrichtet, da er diese Netzwerke und Medien nicht nur nicht versteht, sondern sich auch irgendwie darüber lustig macht.

PD: Exakt. Dieser Charme durchzieht den gesamten Film und man wird auch aufgrund der tollen Präsentation der Gerichte schnell auf die Seite Carls gezogen. Dabei gibt es einige Dinge, die nicht so ganz funktionieren. Es sind ja nicht nur die Damen eindimensional – Sofia Vergara spielt etwa einfach nur dieselbe Rolle wie in „Modern Family“ – sondern auch die Männer rund um ihn herum. Als sein Souschef Martin eines Tages vor dem noch nicht fertig gestellten Foodtruck und bietet seine Dienste an. Für ihn springe nichts heraus aber das mache nichts. Welche Motivation hat Martin überhaupt seinem Ex-Chef zu helfen? Es ist so voller schöner Freundlichkeit, dass man fast übersieht, dass sich alles nur um Carl dreht.

Auf den Konflikt mit dem Kritiker (der stets unterschätzte Oliver Platt) wollte ich auch schon eingehen. Mit ein wenig Hintergrundwissen, wirkt „Chef“ zugleich wie eine Versöhnung hin zur Independent-Filmszene aus der Favreau ja stammt („Swingers“) und auch wie eine Abrechnung mit den Kritikern, die ihn für seine kommerziellen Filme kritisieren. Es mag sein Herzblut nicht in „Iron Man“ gesteckt haben, aber man solle ihm nicht die Qualität absprechen. Das war ebenfalls viel zu oberflächlich.

YP: Die Kritiker-Plotline erinnerte mich dann auch irgendwie an „Ratatouille“. Oliver Platts Rolle des Kritikers ist für Carl ein Motivator, allerdings ist es zu sehr die Abrechnung mit dem Kritikerberuf seitens des Künstlers. (Das hatten wir auch schon in  „Birdman“). Leider fand ich Favreaus Herangehensweise in diesen Punkt etwas naiv, vor allem bei Carls Wutanfall im Lokal. Einerseits will er Lob und Anerkennung hören, lechzt sogar danach, andererseits fürchtet er die negativ ausfallende Kritik wie der Teufel das Weihwasser.

Carl ist eine furchbar unsympatische Figur. Wie du oben schon schreibst, er empfindet sich als das Zentrum des Universums, aber er ist ein schlechter Chef und ein schlechter Vater, wahrscheinlich war er ein schlechter Ehemann und warum ihn eine Frau als Liebhaber nimmt, ist mir ein Rätsel. Das Alles sieht er nicht ein und ich finde das unerklärlich und furchtbar.

PD: Darin liegt dann aber auch wieder eine große Qualität in der Inszenierung Favreaus, dass er einen potentiell so unsympathischen Charakter dennoch ins Zentrum seiner Erzählung rücken kann und wir mit ihm auf das Gelingen seiner Unternehmung mit dem Food Truck hoffen.

YP: Auch wenn ich jetzt genug am Film auszusetzen hatte, die Atmospähre, der Vater-Sohn-bester-Buddy-Roadtrip und natürlich die kulinarische Reise mit dem Food Track, die von Miami bis nach Los Angeles geht, geschweige den die Essensaufnahmen, haben einen ganz unterhaltsamen und in manchen Szenen sogar sehr lustigen Film aus „Chef“ gemacht.

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