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Wie sich Disneys Vergnügungspark-Thematik – von Brad Bird pompös, laut und farbgewaltig inszeniert – auf der großen Kinoleinwand macht, wollen wir in unserem Dialog zu „Tomorrowland“ besprechen.

PD: Der große Marketing-Gag hinter „Tomorrowland“ war offenbar, dass es sich um einen Vergnügungspark inmitten von Disney World handelt. Ich war zwar zwei Mal im Disneyland-Ressort in Paris, aber das dort beheimatete „Discoveryland“ ist mir kaum in Erinnerung geblieben.

YP: Was mich am aller meisten an „Tomorrowland“ irritiert hat: die Filmfiguren fanden alles, was sich in der Diegese dieser Welt abspielte, aufregender als ich. Zu gerne hätte ich die Begeisterung und die Hingabe für das Geschehen mit der Protagonistin Casey Newton (Britt Robertson) geteilt. Ich fand mich aber auf der Seite vom erwachsenen und von George Clooney gespielten Frank Walker wieder: er war ein missmutiger griesgrämiger Pessimist.

Gerne möchte ich diesen Film mögen, leider hat er mich nicht einmal unterhalten.

PD: Die nostalgische Optik der Zukunftsvisionen aus vergangenen Zeiten, hat mich sehr amüsiert, aber der Reiz dieser Welt verfliegt nun einmal sehr schnell.

Das Zusammenspiel von Casey und Frank war unterhaltsam, aber auch hier verflog der Reiz dieser Konstellation relativ schnell. Es war für mich nie wirklich klar, worauf der Film hinaus will. Die Angriffe von Robotern, die wie aus dem Nichts auftauchten, oder der Start einer Rakete aus dem Eiffelturm heraus, waren merkwürdig leblos. Ganz sicher sollte man da gebannt auf die Leinwand blicken, aber ich hab nur darauf gewartet, endlich zu erfahren, was Brad Bird mit dieser Geschichte erzählen will.

YP: Zusammenfassend sehe ich „A World Beyond“ (wie der Film fragwürdigerweise mit deutschem Verleihtitel heißt) als einen, der auf dem Papier besser funktioniert als auf dem Medium, für das er geschrieben wurde und gedacht war. Wie du schon schreibst, „Ah“- und „Aha“-Momente gibt es einige, aber die kann ich vielleicht auf einer Hand abzählen.

Gelungen finde ich die Geschlechterkonstellation. Die Geschichte beginnt mit dem jungen Frank Walker, um sich dann zu einem actionreichen Roadtrip mit zwei Teenager-Mädchen Athena und Casey (Raffey Cassidy und Brit Robertson) zu entwickeln. Als er ihnen schließlich Gesellschaft leistete, wirkte George Clooney als Frank Walker für eine geraume Zeit darin wie ein Fremdkörper, aber einen Disney-Deal lässt man sich wahrscheinlich nicht entgehen. Es brauchte einfach ein Zugpferd.

PD: Dabei hatte Brad Bird wie der perfekte Regisseur hierfür ausgesehen. Schon „The Incredibles“ zeigte in animierter Form, wie man moderne Action mit Nostalgie und Familienfreundlichem Witz verbinden konnte. Bei diesem zweistündigen Disney-Werbeclip fehlt aber das Gefühl dass die einzelnen Segmente auch zu etwas Spannendem oder Unterhaltsamen führen. Die Botschaft des „Wir können es schaffen“ und „Retten wir gemeinsam die Welt“ wird mit derart viel Schmalz vorgetragen, dass ich darüber hinaus kaum noch Willens war, mich mit dem Rest des Filmes auseinander zu setzen.Interessant wie du die Figurenkonstellation siehst. Clooney war eindeutig als prominentes Zugpferd gedacht und seine Szenen mit Athena haben aufgrund der zuvor gezeigten Hintergrundgeschichte auch gut funktioniert, aber dennoch kam es mir so vor, als wäre er eher unfreiwillig in ein Kinderabenteuer gestolpert, in dem Erwachsene höchstens Rollen wie jene des finsteren Bösewichts (Hugh Laurie) einnehmen dürfen.

YP: Vor allem „Ratatouille“ gehört für mich zu den gelungensten Computeranimationsfilmen der letzten 10 Jahre. Eine gewisse Detailverliebheit und einen flotten Erzählstil habe ich mir auch bei „Tomorrowland“ erwartet.

PD: Eine Frage die mich beschäftigt hat. Was wurde aus Caseys Mutter? Habe ich das überhört oder wurde die nie wieder erwähnt? Gut, in klassischen Disney-Produktionen haben die Heldinnen ja selten Mütter.

YP: Gut, dass du das ansprichst. Der Verbleib von Casey Mutter, die man nur in einer wackeligen Privataufnahme in der Nacherzählung sieht, ist natürlich für die Entwicklung des Charakters ihres später alleinerziehenden Vaters unbedeutend (Frauenopfer), die heile Familienidylle würde sich daran sogar stören. Die starke Heldin und Protagonistin muss sich den männlichen Erzieher – weil nur dieser brillant sein kann, frei, unabhängig, gutmütig usw. als Vorbild nehmen, damit sich ihr Charakter danach formt. Werfen wir nur einen Rückblick auf „Interstellar“.

PD: Mich hat vor allem verwundert, dass noch nicht einmal in einem Nebensatz (es sei denn, ich habe den überhört) auf das Schicksal der Mutter eingegangen wurde. Sie verschwindet nach dieser Rückblende einfach, als ob sie nie existiert hätte. Dafür wird ihr Vater zu einem Idealbild des idealistischen Wissenschaftlers empor gehoben.Bei Disney-Produktionen, vor allem den Animationsfilmen, ist man es gewohnt, dass die Mütter totgeschwiegen werden, aber bei den neueren Spielfilm-Produktionen, noch dazu unter der Regie eines einstigen Pixar-Filmemachers, hatte ich mir ein wenig mehr Fingerspitzengefühl gewünscht. Dass die einzige starke weibliche Bezugsperson für unsere beiden Helden auch noch ein Roboter in der Gestalt eines kleinen Mädchens ist, war dementsprechend irritierend.

Es war auch ein eigenartiger Stimmungswechsel mitten im Film, als Casey den Hintergrund des Pins erfahren will und in dem Comicshop (der mir außerordentlich gut gefiel) plötzlich gegen Roboter ankämpfen muss. Als würden wir eine Familien-Version von „Terminator“ zu sehen bekommen.

YP: Diesen Punkt der abwesenden Mütter würde ich gar nicht so sehr auf Disney beschränken, wobei das dort natürlich am ehesten auffällt, das ist für mich ein generelleres Frauenrollen-Problem.

PD: Er fällt bei Disney nur am stärksten auf, gerade da dort die Familienunterhaltung am dominantesten vertreten ist. Womöglich gibt es derartige Konstellationen auch in den Animations- und Familienfilmen von Warner oder Universal, aber da müsste man etwas intensiver suchen. Das Frauenrollen-Problem würde ich da eher gesondert betrachten, da man ja eine starke Protagonistin sieht, aber der Familienverband der um sie herum aufgebaut wird, ist eigenwillig.

YP: Die schwarz gekleideten Roboter kamen tatsächlich überraschend und ich fühlte mich prompt in eine Zahnpasta-Werbung versetzt. Hier sollte wohl ein konventioneller Spannungsbogen zum Einsatz kommen. Was in Anbetracht der Story erstaunt, bis zum Schluss waren diese Bösewichte lauwarm. Hugh Laurie hatte mehr Biss in einer Episode von „House“ als hier.

PD: Das künstlich strahlende Gebiss fand ich wieder lustig, da es die absolute Künstlichkeit der Bösen aufzeigte. Darin lag vielleicht auch ein wenig Kalkül. Das Publikum sollte sich gar nicht zu sehr vor diesen Figuren ängstigen, denn der wahre Bösewicht ist die negative Einstellung (gar nicht einmal der in Kinofilmen wie üblich völlig unterforderte Hugh Laurie), die uns am Fortschritt hindert. In dem Punkt unterscheidet sich „Tomorrowland“ dann auch gar nicht so sehr von „Interstellar“.

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