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Wie das Leben aussehen könnte, wenn sich der eigene Ehemann nach 40 gemeinsamen Ehejahren plötzlich und unerwartet mit dem Arbeitskollegen aus dem Staub macht, porträtiert auf äußerst charmante Art und Weise die Netflix-Serie „Grace and Frankie“. Jane Fonda und Lily Tomlin spielen die verlassenen Ehefrauen im besten Lebensalter.

PD: Wenn es einen wunderschönen Aspekt an „Grace and Frankie“ gibt, dann dass man hier wunderbare Darsteller um oder auch über die 70 in den Hauptrollen zu sehen bekommt. Zumeist werden Schauspieler und noch viel stärker Schauspielerinnen in diesem Alter nur noch für Cameo-Auftritte eingesetzt.

YP: Außerdem geht es in der Serie nicht nur um das Rollenangebot für die in die Jahre gekommenen Schauspielerinnen Lily Tomlin (Frankie) und Jane Fonda (Grace) und der Schauspieler Sam Waterson (Sol)  und Martin Sheen (Robert), sondern auch um eine herrlich erfrischende Post-Scheidungs-Handlung. Das Format ist bestimmt keine bahnbrechende Novität, aber umso mehr die Plotline.

Zwei von ihren Ehemännern verlassene Frauen im besten Alter haben wir schon oft zu sehen bekommen. Leider sind zwei homosexuelle Männer noch immer eine mainstreammediale Seltenheit. Und wenn diese dann befreundete Pärchen spielen und daraus dann Comedy wird, ist das schon sehr verlockend.

PD: Nun gerade die Handlung finde ich nun nicht so innovativ. In den letzten Jahren hatten wir in „Transparent“ einen Mann der sich seiner Familie gegenüber als Transgender outet und in „Girls“ gesteht Hannas Vater, dass er homosexuell ist. Zudem erinnerte mich der Handlungsbogen mit den Hochzeitsvorbereitungen von Sol (Waterston) und Robert (Sheen) sehr an die 5. Staffel von „Modern Family“, in welcher Mitchell und Cameron endlich heiraten.

YP: Der obligatorische Homosexuelle ist keine Seltenheit, aber wenn du dann tatsächlich Figuren auf einer Hand abzählen kannst, bleibt das fortschrittlich. Natürlich gab es Serien wie „Ellen“, „Will & Grace“, „Six Feet Under“ „Queer as Folk“ oder „The L Word“, „True Blood“, die auch eine nicht-heterogene Sichtweise präsentiert haben, manche mehr exploitativ als andere. Aber recht viele über 70-jährige Homosexuelle (vor allem Männer) sind darin nicht vorgekommen. Und innovativ ist für mich die Figurenaufstellung. Die zwei Männer heiraten und die zwei Frauen freunden sich an.

PD: Die Besonderheit besteht für mich eher in der Spielfreude der Darstellerinnen, die aus der amüsanten Grundsituation der zwei besten Feindinnen, die von ihren Männern – welche miteinander durchbrennen – verlassen werden, sich nun zusammenraufen müssen, gute Sitcom-Unterhaltung gestalten. So gut Lily Tomlin und Jane Fonda ihre Rollen auch spielen, hätte ich mir aber fast mehr Zeit gewünscht, die man mit Sam Waterston und Martin Sheen verbringt.

YP: Was mir an „Grace & Frankie“ so gefällt, ist wie beiläufig das Outing geschehen musste. Ohne wirklich großes Kaboom in den ersten fünf Minuten der ersten Folge. Und im Grunde geht es um die Freundschaft zwischen den beiden anfangs distanzierten Frauen, eingebettet im hektischen Rahmen des Familienlebens einer kunterbunten Patchwork-Familie. Die Folgen sind erfrischend, kurzweilig und flott, man bleibt sofort hängen, will wissen, wie es weitergeht.

PD: Das Rad erfindet die Serie nicht neu. Die Neu-Ausrichtung in den späten Jahren des Lebens konnte man ja auch schon in „Golden Girls“ wunderbar beobachten. Jedoch blieben solche Serien und Charaktere, vor allem als Hauptfiguren, in der Minderheit.

Der fehlende Überraschungsmoment beim Outing der Männer ist ja auch kalkuliert. Das Publikum, selbst wenn es von der Serie absolut nichts vorher weiß, wird bereits im Intro auf die kommende Situation vorbereitet. Überrascht sind „nur“ die Charaktere selbst und wie sie damit langsam umzugehen versuchen, ist schön zu beobachten. Darin liegt auch die Stärke dieser Serie, wie unaufgeregt sich alles entblättert. Die emotionalen Ausbrüche, etwa beim Kuchen essen, wenn darüber gestritten wird, dass man mit den beiden Männern anders umgehen würde, hätten sie die letzten 20 Jahren mit Frauen Affären gehabt, sind selten und dafür umso einprägsamer.

Ich kann aber dennoch nicht die Überschneidungen zu „Modern Family“, eine Sitcom ich vor allem in den ersten Staffeln großartig finde, nicht ganz abschütteln. Da haben andere Netflix-Serien in der Vergangenheit mehr „Wagemut“ gezeigt. Auch auf die Gefahr hin, in der eigenen Kuriosität zu versinken, wie etwa „Unbreakable Kimmy Schmidt“.

YP: Am meisten bin ich von diesem herrlichen Chaos angetan. Auf den ersten Blick gibt die Serie vor eine Sitcom zu sein und genauso finden sich tiefgehende Momente in den Szenen wieder. Worüber ich sehr froh bin, dass auf die Lachkonserve und das Live-Publikum verzichtet wurde.

PD: Das wird sehr schnell klar, dass man nicht nur auf den billigen Gag zielt, sondern den Charakteren auch ihre tiefer gehenden Momente und Krisen durchleben lässt. Allerdings trifft dies „nur“ auf das Hauptpersonal Grace, Frankie, Sol und Robert zu. Die Kinder verblassen trotz aller Bemühungen (der Alkoholiker-Sohn mit dem ungelösten „innerfamiliären“ Liebesdrama etwa) völlig.

Die Lachkonserve empfinde ich nicht so dramatisch störend, aber bei manchen Serien vermittelt das Studiopublikum diese gewisse eigene Atmosphäre. Bei „Grace and Frankie“ hätte dies aber nicht gepasst, alleine aufgrund der wechselnden Schauplätze. Hier sitzt man ja nicht ständig im immer selben Wohnzimmer.

YP: Ehrlich gesagt störe ich mich keineswegs daran, dass wir mehr von Grace und Frankie zu sehen bekommen als von Sol und Robert. Auch wenn ich sehr angetan bin von der Darstellung der sehr liebvollen Beziehung zwischen den beiden Männern, so haben das ungleiche Paar Grace und Frankie die Lacher auf ihrer Seite.

PD: Es stört mich auch absolut nicht, aber ich ertappe mich immer wieder dabei, dass ich gerne noch ein paar Szenen mit Robert und Sol sehen würde. Vor allem im Zusammenspiel mit den Kindern oder Grace und Frankie. Dass sich die in der 1. Staffel noch großräumig meiden, ist verständlich. Meine Hoffnung ist, dass in der nächsten Staffel die vier Hauptfiguren wieder etwas mehr miteinander zu tun haben.

YP: Davon gehe ich auch aus. In den letzten Folgen der Staffel waren die Plotlines ohnehin gut miteinander vermischt. Wenn du an die herrlichen Szenen der Folge zurückdenkst, wo Graces Geheimnis die Runde macht (Folge 11). Das ist bis dato eine meiner Lieblingsfolgen, weil es die natürlich noch immer vorhandene Dynamik der beiden Ehepartner mit der Vertrautheit der neuen Partnerschaften und Freundschaften zeigt, aber nie zweifelt man auch nur eine Sekunde an der Zuneigung aller Beteiligten. Das ist nicht nur lebensfroh, sondern auch schön.

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