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Wer ihn nicht bereits schon kennt oder zumindest einmal von ihm gehört hat, sich diesen Namen zu merken, lohnt sich: Apichatpong Weerasethakul. Der thailändische Filmemacher und Drehbuchautor hat ein quantitativ spärliches, dafür aber qualitativ umso beeindruckenderes Werk vorzuweisen. Während wir den kurzen Spielfilm „Mekong Hotel“ besprechen, bleibt dieser Dialog auch ein Versuch, das filmische Wesen des 1970  geborenen Regisseurs Weerasethakul einzufangen.

YP: 2010 habe ich gelernt, Apichatpong Weerasethakuls Namen zu schreiben, mit dem Aussprechen habe ich nach wie vor meine Schwierigkeiten (außer ich bringe Silbe für Silbe über die Lippen, ). Sehr klingend, wie ich finde. 2010 habe ich auch erstmals einen Film von ihm gesehen, das war dann „Uncle Boonmee“. Seitdem hatte ich leider viel zu selten die Gelengheit, seine Filme im Kino zu bewundern. Leider hat er schon lang kein filmisches Lebenszeichen an den Tag gebracht.

PD: Ich baue immer noch Fehler bei seinem Namen ein und muss immer wieder drüber lesen, ob es auch richtig geschrieben wurde. Aufgefallen ist er mir natürlich auch durch seinen in Cannes ausgezeichneten, wunderbaren „Loong Boonmee raleuk chat“. Er schafft es darin so leicht, die Grenzen zwischen Folklore und Realität zu verwischen, dass man sich beim Anblick rot leuchtender Augen im Dschungel gar nicht mehr darüber wundert, sondern den Anblick nur genießt.

Weerasethakul gehört aber auch zu den vielen asiatischen Filmemachern, die mir erst durch ihre Auftritte bei internationalen Festivals ins Auge stachen. So wie Lav Diaz, der verstorbene Edward Yang, Tran Anh Hung oder Zhangke Jia. Ohne die Festival-Berichterstattung in Fachzeitschriften wäre ich wohl nie auf die Werke dieser Filmemacher gestoßen. Deshalb weiß ich auch, dass Weerasethakul auf dem letzten Festival in Cannes seinen neuesten Film – „Rak ti Khon Kaen“ – vorgestellt hat und dieser demnächst auch bei der Viennale zu sehen sein wird. Hoffentlich ist dieser neue Film besser, denn „Mekong Hotel“.

YP: Leider gibt es keine andere Möglichkeit als den Zugang durch die internationelen Filmfestivals, die dann breitere mediale Aufmerksamkeit genießen. Weerasethakul gehört auch zu den Palm d’Or-Abräumern, die nicht so schnell in Vergessenheit geraten sind, da die Filme beeindruckend nachklingen. Dazugesagt werden muss auch, dass durch die Sozialen Netzwerke – und hierin insbesondere auf Twitter – viele Filmkritiker mit weniger massentauglichem Geschmack sich Gehör verschaffen. Was für dich die Fachzeitschriften sind, ist für mich die Festivalberichterstattung, oft unmittelbar danach und vielleicht sogar emotionalisiert.  Überhaupt ist Twitter ein guter Nährboden für Gleichgesinnte und Filminteressierte, jenseits des Film-Mainstreams und im Tornardo-Auge dessen.

Nun zum Film: gerade „Mekong Hotel“ betrachte ich als eine Regie- bzw. Fingerübung, die natürlich nicht so gewichtig zu seinen bisherigen und wichtigeren Werken („Blissfully Yours“, „Tropical Malady“ und „Uncle Boonmee“) steht, nichtsdestotrotz wunderschön konzipiert und in Szene gesetzt ist. Alleine die von dem sanften Gitarrenzupfen begleiteten langen Einstellungen auf den Mekong-Fluss sind einnehmend. Wie eine Episode bzw. ein Ausschnitt aus einem längeren seiner Filme wirkt das. Aufgrund der viel zu kurzen Spielzeit (57 Minuten!) fühlte ich mich leider viel zu schnell abserviert, das ist auch mein ausschließlicher Kritikpunkt an „Mekong Hotel“.

PD: Gerade Twitter versuche ich in Zeiten von Festivals, so wie dem eben laufenden in Venedig, zu meiden, weil ich den ersten emotionalen Reaktionen auf die teilnehmenden Filme immer ein wenig ausweichen möchte. Die später zusammengefassten Berichte (ob in Print oder Web-Form) finde ich da spannender.

Bei „Mekong Hotel“ fasst du für mich bereits den wichtigsten und dramatischsten Kritikpunkt zusammen. Es ist kein wirklich ganzer Film. Es wirkt wie eine Studie zu einem größeren Projekt. Weerasethakul erarbeitet hier eine Geschichte und nimmt den Schauplatz für sich langsam ein, aber ich hatte dasselbe Gefühl, wie bei einer Ausstellung, die rein Skizzen und Entwürfe präsentiert. Alles hoch interessant, aber ohne das fertige Werk bleibt ein etwas unbefriedigendes Gefühl.

YP: Der erste Eindruck nach der Sichtung ist oft der beste Eindruck, da es auch der bleibende Eindruck ist  – mit dem Verstreichen der Zeit Filme werden selten besser, das Ausformulieren der Meinung wird es höchstens präziser. Aber natürlich ist die weitreichende Beschäftigung wichtiger, vor allem, die sich mit Film (professionell oder Hobbymäßig) beschäftigen.

PD: Nach dem ersten Kennenlernen, lohnt es sich doch ein wenig Abstand zu nehmen und über das Gesehene zu grübeln. Oft ist es dann doch noch möglich weitere Facetten zu entdecken. Deshalb sehe ich mir auch bei erstmaligem Ansehen nicht so imposante Werke nach längerer Zeit wieder an, um zu überprüfen, ob sich da vielleicht nicht doch mehr verbirgt.

YP: Das kann ich nur unterschreiben, oft ist eine weitere Sichtung eine Überprüfung der bei der ersten Sichtung festgestellten Qualität.

Wer Weerasethakul kennenlernen will, dann sind seine kürzeren Filme wie „Mekong Hotel“ ein guter Einstieg. Ich habe mit „Uncle Boonmee“ begonnen und das war dann auch ganz überwältigt. Zum damaligen Zeitpunkt – das war 2010 – stellte „Uncle Boonmee“ den Höhepunkt seines Schaffens da. Allen Neueinsteigern empfehle ich einen anderen Zugang zur seiner Film-Materie.

PD: Weerasethakul dreht ja auch unermüdlich Kurzfilme, wie den interessanten 20-minüter „Ashes“, und auch zu „Uncle Boonmee“ gibt es einen Kurzfilm, der vor dem Langfilm erarbeitet wurde. Das wäre aber auch eine bessere Zugangsweise zu „Mekong Hotel“. Wenn es denn auch einen dazu passenden Langfilm gäbe. So hat es eher etwas von einer musealen Installation und weniger von einem Kinofilm.

Die meditative Ruhe und die verwischende Grenze zwischen der Folklore und der Realität, die ja sinnbildlich für den Fluss steht, wird wunderschön transportiert. Dennoch bleibt es zu wenig.

YP: Tatsächlich ist dieser Film ein Versprechen, welches versucht, etwas Verklärtes und Mystisches zu transportieren. Wer sich darauf einlassen kann, ist imstande der Atmophäre noch viel abzugewinnen. Allerdings kann ich auch nachvollziehen, dass dir das zu wenig ist. Ich fand das trotzdem schön.

PD: Schön war es ohne Frage, aber eben auch genau das, was du es nennst: ein Versprechen. Wer sich erstmals mit seinen Filmen auseinander setzt, der mag nach „Mekong Hotel“ interessiert die anderen Kurz- und Spielfilme entdecken. Als für sich stehendes Werk rätsle ich aber immer noch über die Zusammenhänge zwischen zarter Liebesgeschichte, Geister-Erzählung und den völlig unvermittelt auftauchenden Making-of-Aufnahmen, in denen der Regisseur und der Gitarrenspieler zu sehen sind. Es lohnt sich deshalb jedoch wohl eher bereits einige seiner Arbeiten zu kennen, denn sonst verliert man sich womöglich auch in dieser filmischen Miniatur.

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