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Michael Manns fulminanter Action-Klassiker „Heat“ feiert dieser Tage sein 20-jähriges Jubiläum. Wir nehmen uns diesen mit Stars bespickten Streifen zum Anlass, um auch in diesem Zusammenhang nicht nur Al Pacinos Karriere sondern auch Manns Werk Revue passieren zu lassen.

PD: Ich weiß gar nicht, wie oft ich mittlerweile „Heat“ gesichtet habe. Erstaunt hat mich dann aber doch, als ich dann feststellen konnte, dass Michael Mann diesen Film vor mittlerweile 20 Jahren in die Kinos brachte. Während des Films wird keine Sekunde lang ein Gedanke an die Zeit verloren, in der er spielt.

YP: Bei mir ist es mittlerweile über eine Dekade her, dass ich den Film das letzte Mal gesehen habe, somit offenbarte für mir die Sichtung für unseren Dialog gänzlich neue Blickwinkel. Mir ging dabei durch den Kopf, wie sehr Al Pacino und Robert De Niro am Höhepunkt ihrer Karrieren standen und noch Mitte der 90er nach wie vor namhafte A-Listers waren. Wohingegen Letzterer nach wie vor schöne Nebenrollen geboten bekommt („American Hustle“, „Silver Linings“), allerdings habe ich Al Pacino länger nicht mehr in einem erinnerungswürdigen Film gesehen.

Ein bisschen – nicht so sehr wie bei Pacino – trifft das auch für den Regisseur Michael Mann zu, denn für mich ist „Heat“ sein mit Abstand bester Film. Generell finden sich im Cast viele bekannte Gesichter wieder (Val Kilmer, Ashley Judd, William Fichtner) wovon ich einzig noch Natalie Portman als A-Lister bezeichnen würde.

PD: Für Pacino und De Niro war „Heat“ auch so etwas wie ein logischer Schluss unter ihren bis dahin beeindruckenden Karrieren. Der von Pacino dargestellte Polizist Vincent Hanna trägt ebenso viele Züge all seiner gespielten Cops (von „Serpico“ bis „Sea of Love“) wie auch De Niros Neil McCauley all jene Mafia-Rollen hier vereint (von „The Godfather 2“ bis „Casino“), die sie prägten. Es ist deshalb ein Film für Filmliebhaber, die immer wieder Anzeichen und Züge alter Werke zu sehen bekommen. Doch es rein darauf zu beschränken, würde nicht erklären, was heute noch so hervorragend in „Heat“ funktioniert. In „Righteous Kill“ haben die beiden Größen auch agiert, und es denkt niemand mehr an diesen Film zurück.

„Heat“ ist definitiv DER Michael Mann-Film. Die obsessiven Männer, die in ihren gewählten Professionen aufgehen und nicht loslassen können, die vernachlässigten Frauen, die glänzend choreografierten Actionszenen und vor allem das Fehlen jeglicher Ironie. Mann meint all das ernst und lässt es den Zuseher auch spüren.

Als riesiger Al Pacino-Fan möchte ich aber widersprechen. Natürlich ist er nicht mehr der A-List-Superstar, aber immer noch ein glänzender Schauspieler. Filme wie „The Insider“ (der andere definitive Film von Mann), „Donnie Brasco“ oder „The Merchant of Venice“ zeigen ihn in Topform. Hinzu kommen noch seine HBO-Arbeiten. Dass er sich Mitte bis Ende der 2000er für Leinwand-Debakel wie „88 Minutes“ hergab, hat seinem Ruf natürlich nicht geholfen. Mittlerweile hat er aber die Spur wieder gefunden und agiert in kleineren und persönlicheren Filmen wie „The Humbling“ oder dem amüsanten „Danny Collins“.

YP: Da hast du Pacino sichtlich besser auf deinem Radar, mir sind diese genannten Filme nicht wirklich aufgefallen. Das sind doch auch kleinere Produktionen. Bei De Niro ist es eben einfacher, seine Karriere nach wie vor zu verfolgen, da er immer wieder in „bekannteren“ oder kommerziell erfolgreicheren Filmen mitspielt, zum Beispiel in den bereits von mir erwähnten David O. Russell-Filmen „American Hustle“ und „Silver Linings“, für welchen er sogar für einen Nebenrollen-Oscar nominiert wurde. Das bleibt dann natürlich in Erinnerung.

Für mich war bzw. ist Robert De Niro auch immer der Präsentere von den beiden (gewesen) obwohl ich beide für ihr Werk natürlich sehr schätze. So ist das auch bei „Heat“. De Niros McCauley ist ein vielschichtiger Gangster – und er spielt ihn so nuanciert und hypnotisierend, dass ich ihm Stunden zusehen könnte.

Wenn ich „Heat“ mit Manns „Public Enemies“ vergleiche – eine Polizist – Gangstergeschichte, dann ist „Heat“ der zeitlosere Film. Es ist ein herrliches Katz-und-Maus-Spiel, welches aber vom Charisma De Niros und Pacinos angetrieben wird.

PD: De Niro war in den letzten Jahren auch um ein Vielfaches produktiver und hat sich spätestens mit „Analyze This“ und „Meet the Parents“ als Comedy-Star neu erfunden. Da wirken die Nebenrollen in den Filmen von David O. Russell wie kreative Glanzlichter. Pacinos Karriere ist mit Christopher Nolans „Insomnia“ in ihre Spätphase getreten. Dass vor allem die hervorragenden HBO-Filme hierzulande leider kaum Aufsehen erregten (im Gegensatz zu den USA) enttäuscht mich.

Es gibt in „Heat“ aber so viele Szenen, bei denen ich ohne Ende zusehen könnte. Die Diskussionen zwischen McCauley und seiner Crew, ob sie das Risiko mit der Bank eingehen sollen, ist präzise und auf den Punkt herunter gebrochen. Tom Sizemores „The action is the juice“ steht symbolisch für dieses nicht loslassen können, welches alle Charaktere in „Heat“ oder auch in fast allen Filmen von Michael Mann prägt.

Das Geschehen ist zeitlos. Dadurch wirkt er ja auch immer noch so frisch. „Public Enemies“, so sehr ich da die Vermengung von digitalem Film und nostalgischer Krimihistorie mag, wirkt eher seiner Zeit verhaftet. Erstaunlich ist aber auch, wenn man „Heat“ mit Manns TV-Versuch „L.A. Takedown“ vergleicht. Dieselbe Geschichte in sehr ähnlicher (was Kadrierung oder Schnitt angeht oft beinahe ident) Herangehensweise erzählt und dennoch wirkt der Fernsehfilm wie ein missglückter Entwurf. Es ist schon nötig, für einen Film dieser Größe auch die nötigen Mittel zur Hand zu haben.

YP: Auch wenn sich „Heat“ Action-Klassiker nennt, bzw. allerorts als dieser tituliert wird, sind es doch gerade und vor allem die Dialogszenen, die hängenbleiben. Ausschlaggebend natürlich hier Manns präsize Regie und die Schuss-Gegenschuss-Kameraführung, die dann umso ntensiver nachwirken. Eigentlich kommen im Film drei Actionszenen vor. Am Anfang, der Bankraub und die Verfolgungsjagd zu Schluss. Der Rest verläuft sehr ruhig. Außerdem ist er bis auf die kleinste Nebenrolle brillant besetzt.

PD: Was an den Actionszenen so beeindruckend war und ist, ist diese Direktheit. Jede einzelne Kugel im Shootout nach dem missglückten Banküberfall, hallt durch die Straßen von Los Angeles. In dieser Auseinandersetzung wird auch dem letzten Zuseher klar, dass bei aller Sympathie für die Gangster, diese wirklich gewillt sind, jeden zu töten, der sich ihnen in den Weg stellt. So wie es McCauley in der berühmten Diner-Szene mit Hanna ankündigte.

Interessant fand ich, dass McCauleys Untergang der Rachefeldzug gegen den psychotischen Ex-„Kollegen“ Waingro war. Hätte er diesen nicht im Hotel aufgesucht, um ihn zu töten, wäre er am Ende wohl davon gekommen. Es war nicht die Beziehung zu Eady, die ihm zum Verhängnis wurde, sondern der Wunsch nach Rache.

YP: Genau das ist es ja, bei all der Sympathie, die ich für De Niros Gangster McCauleys aufbringen konnte – und es war viel davon vorhanden – er zieht einfach sein Ding durch, bis zum Schluss. Es war dieser Vergeltungswunsch an Waingro – und vor allem auch, dass er den verpatzten Mord an ihm zu Ende bringen musste – der ihn bis zum bitteren Ende auf dieses Flugfeld trieb. Genauso Hannas Jagd nach McCauley. Komme was wolle, er hätte keinen Frieden gefunden, hätte er McCauley nicht zur Strecke gebracht.

Roger Ebert beschreib das Verhältnis zwischen Hanna und McCauley als ein intimes. Die Frauen seien zwar präsent, werden aber als Randfiguren eingesetzt. Justine, Hannas Frau – seine dritte Ehefrau – wartet die ganze Zeit frustriert zu Hause auf ihn. Eady, McCauleys Freundin wirkte am Ende des Films auch so, als hätte sie keine Wahl. Einzig Shiherlis (Val Kilmer) Frau Charlene, toll gespielt von Ashley Judd, macht kurz für eine Sekunde den Anschein, als hätte sie ihr Leben – unabhängig von ihrem Mann – im Griff, um dann wieder in der nächsten aufzugeben. Das ist mehr als ich an Frauenrollen hoffen konnte, aber nicht besonders divers. Die Frauen haben überhaupt keinen Einfluss, sind nur Zierde. Somit ist die Beziehung zwischen Ganster und Polizist intimer und vielschichtiger als zwischen den Männern und ihren beiden Frauen. Ebert hatte damit wohl Recht.

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