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Wir von Film im Dialog können uns ohne schlechtes Gewissen als Bewunderer von Michael Fassbender bezeichnen. Davon zeugen unsere bisherigen Dialoge. In der schrägen Musiker-Komödie „Frank“ ist Fassbender zwar der Titelcharakter, im Zentrum steht allerdings der von Domhnall Gleeson gespielte Möchtegern-Musiker Jon.

PD: Je mehr ich darüber nachdenke, desto weniger ist „Frank“ ein „Michael-Fassbender-Film“, sondern die eindrückliche Visitenkarte von Domhnall Gleeson, der uns schon in „Ex Machina“ einiges von seinem Können zeigte.

YP: Ehrlich gesagt bin ich gar nicht ins Kino mit der Annahme, dass sei ein Fassbender-Film, im Gegensatz wie das bei „Slow West“ der Fall war. Die Tatsache, dass Fassbender 90 Prozent des Films einen riesigen Kopf aus Pappe trägt, der seinen eigenen Kopf komplett verdeckt, hat mich aber hellhörig gemacht. Und ich möchte auch nicht zu sehr Domhnall Gleeson heruasheben, da das Ergebnis dem Zusammenspiel des Teams zu verdanken ist. Eigentlich finde ich Gleeson unaufällig hier, mir wollte nicht einmal eingallen, wo ich ihn schon mal gesehen hatte: „Ex-Machina“, „Dredd“, „Anna Karenina“ und „Harry Potter“. Im Gegensatz zu Fassbender ist Gleeson unglaublich unscheinbar.

PD: Das macht seine Darstellung in „Frank“ aber umso geglückter. Wir sehen ihn zunächst bei seinen völlig missglückten Versuchen, aus seinen Alltagsbeobachtungen Songs zu kreieren und stolpert zufällig in die Band von Frank. Dass er sich diese immer mehr aneignet und am Ende einen beinahe größeren Anteil an der Außendarstellung von Soronprfbs hat, als Frank oder die von Maggie Gyllenhaal herrlich gespielte Clara, machen aus „Frank“ am Ende eher einen Film über Jon.

YP: Da will ich dir auch nicht widersprechen. Jetzt und nach „Frank“, habe ich zu Domhnall Gleesons Namen auch ein Gesicht und vice versa. „Frank“ ist ein herrlich kurzweiliges Vergnügen. Ein bisschen bizarr, ein bisschen verrückt und sehr witzig. Und die Komik ergibt sich oft aus den Situationen und dem Schauspiel.

PD: Bei Fassbender auch aus den Dialogen. Da er aufgrund seines Pappmaché-Kopfes über einen großen Zeitraum nicht zu sehen ist, greift das Drehbuch von Jon Ronson und Peter Straughan zu dem Kniff, Franks Gefühlslagen und seine Mimik per Dialog zu transportieren. Das sorgt für unglaublich komische Situationen, vor allem im Zusammenspiel mit dem in der Band wie ein Fremdkörper wirkenden Jon.

Am meisten gefiel mir die Zeit in der Waldhütte, als Frank seine Bandmitglieder mit bizarren Eindrücken konfrontiert und aus dem Geräusch einer sich schließenden Tür am liebsten ein ganzes Album machen würde. Dass er dann später immer wieder darauf hinweist, dass die meisten Zuhörer nicht wüssten, was sie bei einem Konzert erwartet, und sie nach ein paar Minuten beschließen würden, die Band zu hassen, ist ein Charakterzug der mir gefiel. Frank will zwar seine Kunst erschaffen, aber er will auch, dass diese von einem großen Publikum geliebt wird.

YP: Bei Frank war dieser Zwiespalt immer offensichtlich. Es ging ihm um Musik, die er ohne Rücksicht auf Verluste nur für sich selbst macht, aber sein Anspruch an das Publikum war auch immer vorhanden. Obwohl er dieses im Schaffensprozess nicht mit berücksichtigte.

Noch unglaublicher finde ich die Tatsache, dass sich der Film an eine wahre Geschichte anlehnt. Mark Kermode schreibt in seiner Guardian Review zum Film Folgendes: „To be clear: this is not the Frank Sidebottom story, in the same way that Todd Haynes’s I’m Not There was not a Bob Dylan biopic. Rather, it inhabits an alternative universe in which mimicry and tribute (the film is dedicated to Sievey) form their own kind of strangely sincere (un)truth; in which characters try on one another’s clothes, haircuts, and heads while striving to be somebody else; and in which it’s not entirely unusual for someone to be sexually attracted to Mannequins.“

Auch wenn ich keinen Vergleich zum real life Frank anstellen kann, da mir dieser vorher gänzlich unbekannt war, finde ich den Ansatz des filmischen Paralleluniversums und mit „I’m Not There“ treffend.

PD: Die Verbindung zu Frank Sidebottom – man vergleiche nur den Pappmaché-Kopf von Frank im Film und jenen von Frank im realen Leben – kannte ich bereits, aber ich hatte Sidebottom als Fernseh-Entertainer im Kopf und wusste nicht sehr viel über sein Schaffen. „Frank“ hat in diesem Sinne für mich mehr mit künstlerischen Alter Egos zu tun. Es ist eine Rolle, wie David Bowies Ziggy Stardust und eben jener kreative Prozess hat mir daran sehr gut gefallen.

Der Unterschied zu „I’m Not There.“ besteht rein aus formeller Sicht, dass „Frank“ ein viel geradlinigerer Film ist. Das Quasi-Bob-Dylan-Biopic erstreckt sich über mehrere Jahrzehnte und setzt auch noch auf verschiedene Stilmittel und Darsteller, um die verschiedenen künstlerischen Facetten greifbar zu machen. So unterhaltsam und gelungen „Frank“ dann auch ist, aber derart tief gräbt sich der Film nicht in die Psyche seiner Charaktere hinein.

YP: Bei „Frank“ geht es – besonders zum Schluss hin – um den emotionalen und mentalen Zustand seines namensgebenden Protagonisten. Anfangs glaubte ich, Franks Aufmachung mit dem Riesenkopf sei nur ein Gag. Zum Ende hin und schließlich und beim Gespräch mit Franks Eltern merkt man erst, welche Art von Selbstschutz der Kopf hat für den unsicheren Frank hat. Was nach Exzentrik anmutete, bekommt eine ganz neue Bedeutung und diesen Übergang meistert der Film ganz fantastisch, fast beiläufig, aber sehr gelungen.

PD: Dies kam recht unvermittelt. Der Zusammenbruch von Frank auf der Bühne und das exzentrische Verhalten von Clara, die Jon immerhin mit einem Messer ins Bein sticht, überdecken lange, unter welchem psychischen Druck all diese Charaktere stehen. So ist die Szene in Franks Elternhaus auch die bizarrste des ganzen Films. Diese bürgerliche Normalität, wirkt nach all den Erfahrungen, die das Publikum innerhalb dieser Band machte, wie aus einer anderen Welt.

Spannend fand ich auch, wie die Nutzung sozialer Medien in die Geschichte einfloss und wie sehr die Reichweite der Video-Aufrufe und Tweets überschätzt wurde.

YP: Die Einbeziehung sozialer Netzwerke hat mich nicht beeindruckt, da sich viele Filme mit einem jüngeren Publikum als Zielgruppe („Carrie“) oder älterem Publikum („Chef“) die sozialen Netzwerke eigen machen. Das ist nicht fortschrittlich, es spiegelt nur einen Zeitgeist wieder. Hier diente Twitter besonders für nette Punchlines, die Jons Internet-Alter-Ego von sich gab, vor allem während der herrlichen Episode im Wald. Die gehört nämlich auch zu meinem Lieblingsabschnitt von „Frank“.

Überhaupt gehört der Film für mich zu den gelungensten Filmen des Jahres. Die Mischung aus bizarrer Komik und zugänglicher Tragik ist eine willkommene Abwechslung zu den vielen Komödien, die wir sonst zu sehen bekommen („Ted 2“, „Magic Mike XXL“).

PD: Innovativ würde ich das nun auch nicht nennen, aber im Gegensatz zu „Chef“, wo die Nutzung von Twitter als Katalysator für den Erfolg dargestellt wurde, zeigte sich in „Frank“ eher die Verklärung dieser Nutzerzahlen. Jon und Frank glauben, dass ein paar Tausend Hits auf YouTube bereits mit überregionaler Popularität gleichzusetzen wären. Vor allem Jon befeuert dieses Trugbild und wie es dann am South by Southwest-Festival zerstört wird, hat mir gefallen.

„Frank“ gehört auf jeden Fall zu den gelungensten Komödien des Jahres und genau genommen zu jenen des Vorjahres, da wir ihn hierzulande mit einem Jahr Verspätung zu sehen bekommen. Ehrlich gesagt würde ich auch nur die herrlich verschrobene Thomas-Pynchon-Verfilmung „Inherent Vice“ darüber stellen. Vom Großteil der im Sommer angelaufenen Komödien habe ich mich ferngehalten, wie ich in diesem Sommer generell sehr wenig im Kino war.

YP: Über den Begriff „innovativ“ lässt sich vielleicht streiten. Was sich nicht abstreiten lässt: der Komödien-Sektor kränkelt, die Filme scheinen sich zu wiederholen oder der Humor darin teilweise unzumutbar wird („Ted“). Dann gibt es Lichtblicke wie eben „Frank“. Ich gehe ins Kino und weiß nicht, was mich erwartet. Zu meiner großen Überraschung komme ich unterhalten heraus. Filme wie „Frank“ gehören für mich zu den Filmen, die mich ins Kino locken. Bei der Masse an Komödien komme ich gar nicht soweit.

PD: Dem kann ich nur zustimmen.

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