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Nachdem er in seinem Oscar-gekrönten Hit „Birdman“ die Broadway-Szene beleuchtete, macht sich Alejandro González Iñárritu mit „The Revenant“ in den Wilden Westen auf.

YP: Nach diesem Film geht es mir ähnlich wie nach „Birdman“. Ich war durch und durch gefesselt und unterhalten, aber nachdem ich das Kino verlassen habe, hat er mich auch ziemlich kalt gelassen. Viel mitgenommen habe ich nicht.

PD: „Birdman“ hat mich viel mehr gepackt und auch unterhalten. Das lag nicht nur an der Inszenierung, die Musik die mit dem Film verschmolz, sondern auch daran, dass die Charaktere interessant gestaltet waren. Etwas was mir an „The Revenant“ völlig fehlte.

Die Kameraarbeit von Emmanuel Lubezki ist wieder wunderschön anzusehen. Vor allem der Angriff der Indianer auf das Lager, ist großartig und intensiv. Doch sie ist gemeinsam mit den tollen Darstellern, ein einzelner Faktor in einem Film, der mich eher ermüdete, denn fesselte.

YP: Lubezkis Kameraarbeit ist großartig, und so wie die wunderschöne Landschaft abgefilmt wurde, hat man auch das Gefühl, dass man sich mitten in der unberührten Natur anno 1820 befindet. Hugh Glass (Leonardo DiCaprio) verfolgt diesen sehr linearen und vorherstehbaren Racheplot. Trotz der Länge von 140 Minuten war ich aber unterhalten und gefesselt. Popcornkino ohne Substanz, mit einigen augenscheinlichen Schwächen.

PD: Gerade dieses Problem mit der Länge des Films hatte ich. Ich spürte sie. Nachdem Glass vom Bären attackiert und dann zum Sterben zurückgelassen wurde, begann der Film, merklich an mir zu zehren. Iñárritu hätte diesen Rachefeldzug auch in knapperer Form präsentieren können. Dabei störten mich vor allem die eingestreuten Traumsequenzen. Das war schlimmste Malick-Nachahmerei, ohne jeden Mehrwert, einfach nur der Schöhnheit der Aufnahmen wegen.

Dabei war ich bis zum Zeitpunkt, an dem Glass zurückgelassen wird, auch gut unterhalten. Vor allem da Tom Hardy als Fitzgerald einen herrlichen Bösewicht abgab. Sein Charakter war auch nicht viel tiefgründiger als jener von DiCaprio, aber doch ein wenig zugänglicher. Beide lieferten großartige physische Leistungen, aber DiCaprio wurde schlussendlich nur auf ein einziges Thema reduziert: Rache. Fitzgerald bekam zumindest etwas mehr Hintergrund, mit der Skalpierung und seinem Plan wieder nach Texas zu gehen, wenn alles zu Ende sei.

YP: Tatsächlich hat hier Iñárritu optisch freizügig bei Malick abgekupfert, was aber nicht so schlimm ist. Eher eine gut gemeinte Hommage. Er hat ja auch – äußerst erfolgreich – schon bei „Birdman“ mit Lubezki zusammengearbeitet.

Tatsächlich würde ich Tom Hardys Fitzgerald bei bestem Willen nicht als tiefgründlich bezeichnen. Ein typischer Opportunist, der sich in dieser gnadenlosen Welt und gnadenlosen Landschaft zurechtzufinden versucht. Hardy spielt ihn fantastisch, allerdings nuschelt er mir dabei zuviel. Und sein britisches „No“ verrät ihn dann doch.  Die Rache von Glass musste auch einen dermaßen starken Antrieb und Überlebenstrieb haben, dass wir es ihm abkaufen, dass er quasi mehrmals dem Grabe entsteigt.

PD: Die Kameraarbeit von Lubezki und die Anstrengungen die das Team auf sich nahmen, um einen optisch derart beeindruckenden Film abzuliefern, schätze ich auch sehr hoch ein. Allerdings erschienen mir gerade diese Anleihen an Malick einfach frei im Film herum schwebend, ohne jeden Bezug zur eigentlichen Handlung oder gar zur Inszenierung. Sie waren einfach da.

Das Genuschel von Hardy fand ich ganz amüsant, wie auch seine gesamte Darstellung. Er, um es wörtlich zu übersetzen, kaut auf der Szenerie herum und das ist die nötige Dosis Spaß, die dieser Film so bitter nötig hat. Dagegen verblasst dann selbst ein Domhnall Gleeson.

An Glass‘ Odyssee störte mich auch gar nicht der Grund dafür, sondern vielmehr welch unwirklichen Weg er dafür zurücklegen musste. Während ich etwa den Angriff durch den Grizzly packend fand, verlor mit Inárritu mit dem furchtbar aussehenden Absturz mit dem Pferd. Als Glass über die Klippe stürzte und auch das noch überlebte, hatte mich der Film verloren. Jeglicher Anspruch an Realismus war dahin.

YP: Hardys Rolle in diesem Film – für die er sogar mit einer Oscar-Nominierung bedacht wurde – ist neben all dem bitteren Ernst im Film eine Wohltat. Dabei kannst du Hardys Figur auch nicht mit dem geradlinigen und ehrenhaften von Domnhall Gleeson gespielten Captain zu vergleichen.

Unwirklich. Dieser Begriff ist mir während der Sichtung immer wieder in den Sinn gekommen. Unwirklich. Unglaublich. Aber dann wieder wollte ich mich in diesem Geschehen verlieren, sonst brauche ich gar nicht ins Kino zu gehen. Die Handlung wurde stellenweise somnolent und einer Trance ähnlich inszeniert.

PD: Das passt wohl auch zu Glass‘ Befinden, der nach dem Grizzly-Angriff mehr durch das Geschehen wankt, immer dem Tod näher denn dem Überleben. In dieser Hinsicht hat Inárritu es auch geschafft, ein Lebensgefühl zu vermitteln. Nicht nur jenes von Glass in dieser Rachesituation, sondern vom Leben im Wilden Westen an sich.

Er entfernte sich mit „The Revenant“ deutlich von dem klassischen Western der 1940er oder 1950er, in dem das Zusammenleben der Cowboys als geradezu aufregendes Abenteuer inszeniert wurde. Genauso vermied er aber das Bild des „edlen Wilden“ zu zeichnen. Der Indianerstamm der Ree ist ebenso auf einem Rachefeldzug unterwegs und dabei nicht minder grausam, wie Fitzgerald oder später auch Glass. Das waren alles Aspekte, die mir sehr gut gefielen, aber in der Gesamtdauer des Films ein wenig untergingen.

YP: Aber bei der Genre-Zuordnung zum Western tue ich mir ehrlich gesagt diesmal ziemlich schwer. Hier haben wir einen Film, der all diese Kriterien erfüllt, ein abendfüllender Western zu sein und dann sieht man es dem Film weder an noch fühlt es sich so an. Ich hoffe, du weißt, was ich damit meine. Es ist einfach nebensächlich, dass es sich um einen Western handelt. Hier ist jeder gegen jeden, weil es schließlich nur ums Überleben in dieser rauen Wildnis geht. Noch gibt es keine übertriebenen Schwarzweiß-Zeichnungen, denn am gnadenlosesten ist nicht der Mensch, sondern die Natur. Das fand ich fast poetisch. Und in Lubezkis Bildern sehr anschaulich dargestellt.

PD: „The Revenant“ erfüllt nicht unbedingt das abgespeicherte Genre-Klischee. Dennoch qualifiziert er sich für mich als glasklarer Western, weniger orientiert an den typischen Cowboy-Konflikten und Shootouts, sondern aufgrund der landschaftlichen Darstellungen. Ich musste auch immer wieder an Filme wie „Seraphim Falls“ oder „Yukon“ denken. Auch da ging es um den nach Rache dürstenden Mann, der seinen Kontrahenten durch die unwirtlichen Weiten des Wilden Westens jagt.

Bei all den positiven Aspekten, wie den tollen Darstellungen von DiCaprio und Hardy oder der wunderschönen Arbeit von Emmanuel Lubezki, ist das aber auch einer jener Filme, die ich mir wohl kein zweites Mal ansehen werde. Da reiht sich „The Revenant“ ein in die Reihe anderer anspruchsvoller, wunderschöner aber mich unbefriedigt zurücklassender Werke von Inárritu wie „21 Grams“ oder „Babel“.

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