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Für Eilis (Saoirse Ronan) hat das Irland der Fünfzigerjahre nicht so viel zu bieten, daher sagt sie nicht nein, wenn sich ihr die Chance anbietet, in die Vereinigten Staaten auszuwandern. Es verschlägt sie schließlich nach Brooklyn, wo sie einen Job bekommt und eine Ausbildung beginnt. Nick Hornby hat den Stoff von Colm Tóibíns Roman für das Kino adaptiert.

YP: Kaum etwas hat den Weg den Menschen dermaßen gezeichnet und beeinflusst wie die Möglichkeit zur Migration. Dieser Film beschäftigt sich mit dem Begriff Heimat und dessen Bedeutung. Dieses Thema ist eigentlich immer von brisanter Relevanz, aber in Zeiten wie diesen scheinbar noch mehr. Im Falle von „Brooklyn“ wurde der Story ein pastellfarbener Instagram-Filter drübergelegt, nichtsdestotrotz erzählt der Film eine spannende Geschichte.

PD: Heimat und der Verlust eben dieser steht ganz zentral inmitten dieser Geschichte. Jedoch überwog im Laufe der Handlung mehr das Interesse an der Selbstfindung von Eilis, die sich in der neuen Welt langsam zurechtfindet und schließlich zu einer selbstbewussten Frau wird. Das war für mich der eigentlich spannende Zugang an „Brooklyn“. Dagegen wirkt die Darstellung der Einwanderer- und auch Rassenproblematik im New York der 1950er-Jahre beinahe kitschig geschönt.

YP: Da will ich dir nicht widersprechen, bei dem Weihnachtsfest zeigt sich das auch ganz gut. Da wird wehmütig reminisziert, irisches Essen serviert und es werden gälische Lieder gesungen obwohl die meisten Männer Jahrzehnte nicht mehr dort waren. Wie das Brooklyn der Fünfziger für viele der dort lebenden Menschen einen eigenen irischen Mikrokosmos darstellte.

PD: Auch werden einige Konfliktstellen in der edel anmutenden Inszenierung von John Crowley umgangen. Wenn Eilis bei Tonys (Emory Cohen) Familie zum Abendessen ist, dann wird die Gangproblematik mit „Wir hassen die Iren“ zwar angesprochen, aber da es das vorlaute Nesthäckchen war, wirkt es eher amüsant und weniger bedrohlich.

Da du die Weihnachtsfeier angesprochen hast. Das war einer jener Momente, in denen Saoirse Ronans Spiel auf den Punkt perfekt war. Mit ganz gezielt eingesetzter Mimik, konnte man ihre Sehnsucht nach Irland wie auch ihre Einsamkeit ablesen. Der ganze Film wird ohnehin von ihrem wunderbaren Spiel dominiert. Immer wieder bleibt die Kamera auf ihrem Gesicht, um ohne viele Worte ihr Innenleben zu ergründen und Ronan macht das perfekt.

YP: Und wie großartig Ronan diese junge Frau spielt. „Brooklyn“ ist aber auch ein ganz anderer Film. Im Mittelpunkt steht doch die Eilis‘ Geschichte, die keine Zukunft in Irland sieht und eine in den USA finden wollte. Der Film spielt in einem kurzen Zeitraum (Herbst bis Sommer des Folgejahres). Und Eilis wirkt wie eine junge Frau, die in keine Situation mit Gangproblematik reingeraten kann. Sie konzentriert sich auf 3 Dinge im Leben: Arbeit, Buchhaltungskurs und den Samstagstanz, wo sie dann Tony kennenlernt.

Ich war eher davon überrascht, wie leicht ihr alles gelingt, wie sich ihr überhaupt keine Hindernisse in den Weg stellen. Ihr irischer Akzent scheint niemandem aufzufallen. Dass sie Arbeit hat, weiß sie bereits, als sie Irland verlässt. In Brooklyn passiert alles mühelos und von selbst.

PD: Es ist dennoch ein Aspekt, der zwar angesprochen, aber recht schnell zur Seite geschoben wird. Natürlich handelt es sich hier nicht um die Art von Film, in der Gang Rivalitäten thematisiert werden, aber sie hätte in einem „West Side Story“-artigen Szenario sehr wohl zwischen die Fronten irischer und italienischer Gangs geraten können. So ganz abwegig halte ich das nicht, aber es blieb dann eben bei der Szene beim Abendessen mit Tonys Eltern.

Die Mühelosigkeit von Eilis‘ Leben in Brooklyn verwunderte mich weniger. Es schien mir eher ein Ausdruck dafür, wie stark die Gemeinschaft dort organisiert war. Bereits auf der Überfahrt wird ihr ja klargemacht, dass in Brooklyn fast mehr Iren wohnen, denn in Irland selbst. Deshalb erstaunte mich diese Mühelosigkeit weniger. Verwunderter war ich darüber, wie schnell sie sich nach ihrer Rückkehr in ihren Heimatort, um ihrer Mutter beizustehen, wieder gefangen nehmen ließ, obwohl die neue Anstellung und auch der neue Mann (Domhnall Gleeson) in ihrem Leben, für mich beinahe wie eine Gefangennahme wirkten.

YP: Es überraschte mich wiederum weniger, dass sie mit der Entscheidung haderte, wieder nach Brooklyn zurückzukehren. Sie half in der Firma ihrer Schwester aus, hatte sogar einen besseren Job als sie vorher je zu hoffen gewagt hätte. Immerhin ist sie doch dort aufgewachsen. Auch wenn sie dieser Gegend den Rücken kehrte, dann doch eher aus Ausweglosigkeit. Wie sehr sie dann die Kleingeistigkeit dieser Dorfgemeinschaft nervte, wunderte mich schließlich weniger. Und ihr love interest Jim (Gleeson) diente dramaturgisch nur als Mittel zum Zweck. Irgendwie war ich auch nicht so ganz überzeugt von der Chemie zwischen Ronan und Gleeson, aber natürlich sollten wir – das Publikum – uns auch mit Eilis für Tony entscheiden.

PD: Es war schön zu beobachten, wie sie zwischen dem neu aufgebauten Leben in den USA und ihrer alten Heimat hin und her schwankte, dennoch verstand ich nicht so ganz, weshalb sie sich so schnell wieder einfangen ließ. Es war erst wieder die Bosheit ihrer alten Chefin nötig, damit sie bemerkte, wie wenig sie mehr mit diesem Leben dort zu schaffen hatte.

Zwischen Tony und Eilis flogen offensichtlicher die Funken, während Jim als vernünftigerer Mann präsentiert wurde. Dass hier aber kein „Gut-Böse“-Schema etabliert wurde, gefiel mir sehr gut. Beide Männer und beide vor ihr ausgebreiteten Lebensentwürfe, hatten ihre Vor- und Nachteile. Allerdings schien es für mich in dem Moment klar, dass sie nach New York zurückgeht, als sie in ihrer prächtigen Kleidung und mit selbstbewusst getragener Sonnenbrille ins Haus ihrer Mutter zurückkehrt. Ein Leben in Irland schien da kaum mehr wahrscheinlich.

YP: Was wäre das für ein Film geworden, wenn Eilis nicht in die USA zurückgekehrt hätte? Aber du hast schon recht, in dem von dir beschriebenen Moment war es klar. In beiden Teilen der Erde – Brooklyn und Enniscorthy – hat sie schließlich ähnliche Möglichkeiten und Zukunftsversionen, die sie zu Beginn von „Brooklyn“ nicht einmal zu Träumen gewagt hätte. Ihre Ausgangssituation zum Schluss ist eine andere und Eilis hat die Wahl. Mir gefiel auch nicht sonderlich, wie ihre Entscheidung motiviert war, aber es war dann doch plausibel.

PD: Im Endeffekt blieben mir von „Brooklyn“ vor allem das Mienenspiel Saoirse Ronans und ihre immer farbenfroheren Kleider im Gedächtnis.

Sie mag zwar nach Irland zurückkehren und es mag eine Möglichkeit sein, dass sie tatsächlich in ihrer Heimat bleibt, aber ihre Selbstfindung ist so eng mit ihrem aufgebauten Leben in der neuen Welt verbunden, dass man auch beinahe mit ihr mitfiebert, dass sie erneut das Schiff nach Amerika nimmt.

Wenn sich ihre Mutter, wohl für immer, von ihrer verbliebenen Tochter verabschiedet, ist das Herzzerreissend und zugleich auch erlösend.

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