Schlagwörter

, , , , , , , , , , , , ,

Seit nunmehr drei Staffeln feiert die Netflix-Serie „Orange is the New Black“ große Erfolge auf dem Streaming-Portal, sowie bei Kritikern und Publikum. Basierend auf dem autobiographischen Werk von Piper Kerman folgt das Publikum der behütet aufgewachsenen Piper (Taylor Schilling) in den Alltag eines Frauengefängnisses. Wir besprechen die Hochs und Tiefs der bisher verfügbaren Episoden.

PD: Zunächst einmal war „Orange is the New Black“ ein famoser Werbe-Hit. Ohne die effektiv abzielende Werbung von Netflix wäre ich wohl kaum auf diese Serie gestoßen.

YP: Mir ist die Serie schon lange ein Begriff, Netflix habe ich erste ein halbes Jahr. Es hat mich bisher nie gereizt, die Serie zu sehen. Einige Wochen zuvor habe ich mir dann die erste Folge angesehen und bin jetzt fast alle drei Staffeln durch. Serien wie diese prägen den Begriff des „binge-watching“, d.h. sie sind perfekt darauf abgestimmt, in Schnellverfahren gesehen zu werden. Beim Schauen musste ich mich regelrecht bremsen, sonst wäre ich wohl noch bis in die Morgenstunden aufgeblieben. Überhaupt verträgt sich „binge-watching“ kaum mit dem Arbeitsleben mit regulären Bürostunden. Ausschlaggebend war nicht der Werbe-Hit, vielmehr bin ich auf den fahrenden Zug des Hypes aufgesprungen. Als im Herbst die 3. Staffel auf Netflix veröffentlich wurde, kam man auf Twitter unter keinen Umständen daran vorbei, auch wenn man wollte.

PD: Die Kunst des „binge-watching“ beherrsche ich bis heute nicht. Derweil bin ich gerade bei den Netflix-Serien froh, dass ich ohne Probleme eine Staffel in meinem eigenen Rhythmus sichten kann. Deshalb hat sich mein Seherlebnis von „Orange is the New Black“ über einen längeren Zeitrahmen und immer relativ zeitnah zur Veröffentlichung der jeweils aktuellen Staffel zugetragen. Wie auch schon bei „House of Cards“.

Der um die Serie ausgebrochene Hype war wirklich kaum zu übersehen. Dabei ist der interessanteste Aspekt, dass der Fokus von Piper sich im Laufe der Staffeln 2 und 3 auf die restlichen Insassinnen verschob. Vor allem die mit Kate Mulgrew herrlich besetzte Red ist immer wieder ein persönliches Highlight.

YP: Nachdem mich Piper und ihr Drama mittlerweile schon etwas nerven, bin ich wie du sehr froh über die Verschiebung des Blickwinkels. Red mit ihrer Rivalität zu V und die vielen Rückblenden dazu sind eine spannende Plotline. Überhaupt gefällt mir sehr gut, wie die Serie mit jeder einzelnen Folge mithilfe der Rückblenden eine Figur näher vorstellt.

PD: Was dennoch ein wenig negativ ins Gewicht fällt, ist die generelle Weichzeichnung im Gefängnisalltag. Ich müsste mich wohl auch intensiver mit dem Strafvollzugsystem in den USA auseinander setzen, aber es erscheint zum Teil schon sehr skurril, welche Freiräume die Frauen da zum Teil haben. Es verschwinden schon sehr oft Paare in der Kapelle und werden eher zufällig durch einen Wärter entdeckt werden.

Apropos Wärter. Dass auch dem Wachpersonal und der Verwaltung viel Raum eingeräumt wird, gefällt mir sehr gut. So werden alle Charaktere auf eine Ebene gestellt, und es kommt zu keiner Dämonisierung. Vor allem der traurige Alltag von Healy (Michael Harney) und seine gleichzeitige Selbstüberschätzung im Berufsleben fand ich gut gemacht.

YP: Tatsächlich ist mir diese Beobachtung auch durch den Kopf gegangen. Für mich ist das eher ein dramaturgischer Makel einerseits, andererseits sind sie in diesem Gefängnis unterbesetzt, das kommt oft zu Sprache, insofern erklärt sich das dann auch. Interessant gezeigt wird auch die Logistik des Gefängnisses, auch die gesamte Hierarchie wird gezeigt. Sogar mit politischem Skandal.

Healy ist auch so ein Charakter, den ich gar nicht ausstehen kann. Aber der kriegt auch einiges ab. Eigentlich wird da keiner verschont.

PD: Es gibt immer wieder Erklärungen oder Handlungsverläufe, die gewisse Freiheiten erklären, aber es bleibt dennoch eine Schwachstelle. Etwa die Isolationshaft von Nicky, oder auch das Finale der 3. Staffel. Natürlich war das ein schöner, kathartischer Moment für alle Insassinnen, aber es bewegte sich dann schon eher im Bereich eines Märchens. Zudem fragte ich mich, ob in einer Serie, die ein Männergefängnis so darstellen würde, eine derartige Szene jemals vorkommen würde.

Die männlichen Charaktere wirken immer wie Getriebene. Sie wollen aufgebauten Lebensentwürfen und Idealen aber auch Lebenslügen hinterher hecheln, und schaffen es nicht. Ob Healy, der nur eine Partnerin will, die sich für ihn interessiert, oder Caputo oder auch Pipers Freund Larry (Jason Biggs). Alle opfern sie am Ende alle hehren Ideale und machen das völlig Falsche. Wie Larrys Radiointerview, wie es ihm damit geht, eine Freundin im Gefängnis zu haben, was im Endeffekt nur den Zweck hatte, seine eigene Karriere in Schwung zu bringen.

YP: Interessant, dass du den Männern in der Serie einen ganzen Absatz widmest. Für mich sind das unbedeutende Randfiguren. Es war in keiner Sekunde nachvollziehbar, warum Piper mit Larry zusammen ist. Und wenn ich an „Pornstache“ denke, dann stellen sich mir die Nackenhaare auf. Auch ist es wegen der Männer im Allgemeinen, dass einige der Figuren überhaupt im Gefängnis sitzen. Apropos Männergefängnis: Es gibt es auch genug frauenlose Gefängnisfilme und -Serien, wenn du da weiter recherchieren willst.

Am Anfang habe ich mich oft gefragt, wie viel Wahrheit und Wahrscheinlichkeit hier transportiert wird und die wahre Geschichte hinter Piper gegoogelt, aber das hat mich dann nur davon abgehalten, das Gesehene uneingeschränkt aufzunehmen. Es ist komplett irrelevant. Gelungen ist das Aufzeigen dieser Ohnmachtssituation, in der sich die Frauen befinden. Auch ging ich bei den Szenen mit Gewaltinhalt (V und Red) ständig an meine Grenzen. Was ich aber besonders herausheben möchte und was die Serie – abgesehen davon, dass sie wirklich gut gemacht ist – sehenswert macht: wie hier die Geschlechterverhältnisse auf den Kopf gestellt werden und neu angeordnet werden. Und damit meine ich nicht die zwischen den Frauen und den Männern, sondern vielmehr zwischen den Frauen untereinander. Da gibt es eine Neuanordnung der Gesellschaftsordnung, nicht nur auf sozialer Ebene und zwischen den Ethnien. Laverne Cox als Sophie Burset ist da ein gutes Beispiel.

PD: Der Gefängnisfilm ist bislang hauptsächlich eine reine Männersache gewesen, das ist mir schon klar. Ich fand nur die Art und Weise, wie gewisse Szenen sich entfalteten sehr interessant. Vor allem das Finale der 3. Staffel. So eine Szene würde es in keinem Männergefängnis-Film geben, da das Klischee dort die Muskelbepackten Machofantasien bedient.

Den Männern habe ich gerade deshalb ein wenig Raum eingeräumt, da wir sie sonst unter den Tisch fallen gelassen hätten. Dazu sind die Rollen aber einfach zu gut gespielt, gerade in ihrer Widerwärtigkeit und Scheinheiligkeit. Natürlich liegt der Fokus aber auf den Insassinnen und da gibt es eine ganze Reihe toller Charaktere. Wie Uzo Aduba aus der zu Beginn der Serie hauptsächlich merkwürdig wirkenden Suzanne so viel Tiefe heraus holt, und man mit ihr mitfühlt, noch bevor man ihre ganze Hintergrundgeschichte kennt, blieb mir dabei am stärksten hängen. Neben Red ist sie meine Lieblingsfigur. Bei Piper beginnen sich die Probleme einfach zu oft zu wiederholen. Da ist es interessanter sich mit den Problemen von Sophia (Laverne Cox) zu beschäftigen. So ganz nebenbei und unaufgeregt geschieht das.

YP: Dann lassen wir sie eben unter den Tisch fallen, das ist kein großes Versäumnis. Wie ich schon oben erwähnt habe, sind sie in meinen Augen Randfiguren, trotzdem werden sie aber in der Darstellung nicht marginalisiert. Was aber in „Oz“ und „Prison Break“ und deren Darstellung mit Frauenrollen eindeutig der Fall ist. Du siehst hier nicht nur das Finale der 3. Staffel, wie du es nie in einem Männergefängnisfilm sehen würdest: Das liegt auch daran, dass sich dir die bisher präsentierten Blickwinkel im Mainstream-Kino oder in den Hauptabendprogramm-Serien sehr eingeschränkt präsentiert haben. Diese Zeiten sind nun – und ich sage das über die Maßen erleichtert – endgültig vorbei.

Hier werden die Geschlechterverhältnisse auf den Kopf gestellt. Medial kennen wir Gefängnisse als frauenlose Räume und Räumlichkeiten. Hier aber sind es die Frauen, deren Welt und Leben sich darin abspielt. Das ist ziemlich einzigartig in dieser Form. Die Stärke der Serie liegt in der vielschichtigen Repräsentation von vielen Figuren, egal welchen Geschlechtes (und ja, es gibt mehrere als zwei). Die Abwesenheit der Schwarzweißmalerei in der Charakterzeichnung ist auch so ein Punkt. Niemand ist besonders gut, auch ist niemand abgrundtief schlecht. Das ist so viel mehr als nur „guilty pleasure“-Fernsehen.

PD: Charaktere unter den Tisch fallen lassen, möchte ich aber aus Prinzip nicht. Denn für die Erzählung sind ja alle Charaktere entsprechend wichtig. Der Handlungsstrang von Daya (herrlich gespielt von Dascha Polanco) und ihrer geheimen Beziehung zum Wärter John Bennett (Matt McGorry) ist so ein Beispiel. Die auf den Kopf gestellten Geschlechterrollen, wie man sie sonst aus Gefängnisfilmen und -serien kennt, führt in „Orange is the New Black“ dazu, dass die Frauen die Kontrolle über das Geschehen übernehmen müssen, da die Männer marginalisiert werden. Das ist keine Kritik, das finde ich gut.

Wichtiger ist aber die schon angesprochene Stärke, der ausbalancierten Charakterzeichnung und vor allem der im Gefängnis vorherrschenden Konflikte. Es wird auch keine heile Welt vorgespielt. Die Latinas bleiben so unter sich, wie auch die White Trash-Frauen. Mir imponiert die Unaufgeregtheit, die aber erst im Laufe der Serie entstand. Zu Beginn sitzt das Publikum noch mit Piper in einem Boot und klammert sich natürlich an ihren Erzählstrang, da man ebenso fremd ist, in dieser Gefängniswelt. Je tiefer sie in diesen Mikrokosmos eindringt, desto mehr kann man sich auch auf die anderen Charaktere einlassen, und es fällt auch schwer, sich eine Favoritin heraus zu picken. Denn selbst so unsympathische Frauen wie Pennsatucky bekommen immer mehr Facetten.

YP: In einer der ersten Folgen aus der zweiten Staffel fehlt Piper und mir ist das erst ganz spät in der Folge aufgefallen. So sehr hat sich der Fokus auf die anderen Insassinnen verlagert. Die Männer werden eben keineswegs marginalisiert, sie spielen einfach keine Hauptrollen. Daher hat es mich auch gewundert, dass es für dich erwähnenswert ist. Jeder Figur ist hier jeder nur ein Mittel zum Zweck, so schreitet die Handlung voran und so brauen sich Konflikte zusammen. Unaufgeregt beschreibt es ganz gut. Jede und keine Figur eignet sich zur Identifikation mit dem Publikum. Sympathieträgerinnen gibt es viele, aber hauptsächlich deswegen, weil irgendwie alle zugänglich und menschlich dargestellt werden.

Advertisements