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Das bereits im Vorfeld viel beachtete „Spotlight“ von Tom McCarthy hätten wir wahrscheinlich so oder so an dieser Stelle besprochen, aber dann hat der Film – mehr oder weniger überraschend – den diesjährigen Academy Award in der Kategorie „Best Picture“ gewonnen. Jetzt haben wir fast keine Wahl mehr. Und freuen uns auf den Dialog.

YP: Gehofft habe ich auf „Mad Max: Fury Road“ und davon ausgegangen bin ich, dass „The Revenant“ den diesjährigen Best-Picture-Oscar gewinnt. Dann aber doch „Spotlight“ und ohne „Room“ als einzigen nominierten Film noch nicht gesehen zu haben, kann ich ziemlich gut mit der diesjährigen Entscheidung von der Jury leben. Das ist doch ein solider Kompromiss. Und ich glaube aber auch, ein wenig politisches Kalkül ist auch dahinter.

PD: Wie in jedem Jahr könnte ich auch diesmal wieder einem Lieblingsfilm hinterher weinen, der noch nicht einmal im Feld der „Best Picture“-Kandidaten war. Im Vorjahr war dies „Inherent Vice“ und heuer „Carol“, doch mit „Spotlight“ kann man leben. Das ist das exakte Gegenteil des die Zuseher mit seiner Inszenierung auch immer wieder auf seine eigene Inszenierung hinweisenden „The Revenant“. Tom McCarthys „Spotlight“ hat mir mit dieser Verweigerung einer stilistisch auffälligen Inszenierung sehr imponiert. Hier dominiert die Geschichte, und zwar derart, dass der Regisseur beinahe dahinter verschwindet.

YP: „Carol“ natürlich, nicht zu vergessen. Nun zu „Spotlight“: dieser Film fungiert hauptsächlich aus Geschichtenerzähler, wobei die Eigenschaften des audio-visuellen Mediums fast in den Hintergrund geraten. Hauptsächlich finde ich es gut, wie hier dieser Kirchenskandal aufgearbeitet wird, wir dürfen auch nicht vergessen, mit diesen vielen Namen und Schauplätzen hätte das leicht ausufern können. McCarthy hat auch die Handlung in seinem Drehbuch, welches er mit Josh Singer geschrieben hat, filmisch auch ziemlich geradlinig dargestellt. Er läuft auch in keiner Sekunde Gefahr, sich in einen dieser auf wahren Begebenheiten beruhenden Film zu verwandeln, dem dieses Prädikat reicht, um die Handlung voranzutreiben. Hier haben wir ein solides Konzept, welches den Film stützt.

PD: Da sowohl in Rezensionen als auch in Interviews von Tom McCarthy selbst immer wieder „All the President’s Men“ von Alan J. Pakula als größtes Vorbild genannt wurde, habe ich mir diesen zum Vergleich auch noch einmal angesehen, und gerade bei der Handhabung der vielen Namen und Zusammenhänge, sieht man dann doch Qualitätsunterschiede. „Spotlight“ funktioniert auch deshalb so gut, da es gar nicht wichtig ist, zu wissen, wer denn nun all die Würdenträger und in den Skandal verwickelten Personen sind. Die wichtigste Quelle ist überdies ein nur per Telefon zu hörender Ex-Priester/Psychiater (toller Cameo von Richard Jenkins).

Es ist wohl auch als große Stärke des Drehbuchs anzurechnen, dass man sehr schnell die einzelnen Team-Mitglieder von Spotlight, sowie den neuen Herausgeber Marty Baron und die Anwälte klar zuordnen und auseinander halten und den Missbrauchsskandal als solchen klar erkennen kann. Wenn ich mir heute „All the President’s Men“ ansehe, dann ist das weiterhin ein sehr kraftvoller Film über Journalismus, aber der Watergate-Skandal verwirrt ohne eine gewisse Vorkenntnis. So nebenbei ist es eine hübsche Anekdote, dass Ben Bradlee Jr. (John Slattery) der Sohn des Washington Post Chefredakteur Ben Bradlee (in „All the President’s Men“: Jason Robards) ist.

YP: Dieser Skandal kommt mit dem neuen Herausgeber Baron (Liev Schreiber) ins Rollen, bzw. mit seinem Blickwinkel auf diesen einen Zeitungsartikel über den versetzten Priester kommt eine eigene Dynamik innerhalb der Redaktion und innerhalb des Investigativ-Teams Spotlight. Ich fand es gut, wie man sich hier gänzlich der Aufdeckung dieser Vertuschung um die 87 Priester, die innerhalb der Boston-Region Kinder missbrauchten, annahm. Auch wie die Figuren fast nur im Arbeitsleben agieren – es konzentriert sich alles auf diese Story innerhalb der Filmdiegese. Es gibt keine befremdlichen Lovestorys, wir erfahren um die Familienkonstellationen der Figuren, allerdings dient das meistens der Story. Trotzdem bekommt man einen guten Einblick in die Motivationen der der Menschen im Film. Vor allem bei Robby Robinson (Michael Keaton), dem Leiter von Spotlight, da er als renommierter Journalist und Einheimischer am Bostoner Gesellschaftsleben teilnimmt. Er hat einflussreiche Freunde, die nicht gänzlich unbeteiligt waren, diese Geschichte zu vertuschen.

PD: Das gesamte Spotlight-Team wird im Privatleben nur angedeutet, wobei Mark Ruffalo als Mike Rezendes beinahe den größten Raum bekommt. Auch Rachel McAdams‘ Hinweis auf ihre sonntäglichen Kirchgänge passen da gut ins Bild.

Es ist auch lohnenswert, genauer auf die Rolle von Marty Baron zu achten, und wie sie Liev Schreiber geradezu unterspielt. Es gibt keine großen Ausbrüche oder Anfeuerungen. Er fügt sich in seine neue Rolle hinein, und zeigt als Außenstehender gezielt auf eine Geschichte, die für eine „local paper“ von höchster Dringlichkeit sein soll. Das ist ein Aspekt, der mir sehr gut gefiel, nicht nur in der Darstellung des stets sträflich unterschätzten Liev Schreiber, sondern auch, wie die Bostoner Gesellschaft darauf reagiert. Man tausche die Kirche gegen die Mafia oder eine korrupte politische Elite aus, und es würde sich an der Dynamik der Ereignisse nichts ändern. Boston wirkt in diesem Zusammenhang wie ein eingeschworenes Dorf, welches sich von außen – und von einem Juden wie Marty Baron – schon gar nichts sagen lassen will.

YP: Ja, Liev Schreiber als Marty Baron hat mir auch sehr gut gefallen in dieser Rolle. Ihm kommt nicht allzu viel Präsenz zu,  aber was er aus der wenigen macht, ist bemerkenswert. So handhabt es der Film aber mit jeder Figur – mit Ausnahme von Mark Ruffalos Rezendes vielleicht. Wie Baron sprichwörtlich mit ein paar Bemerkungen zuerst die gesamte Redaktion, dann den Erzbischof und dann die Bostoner Gesellschaft aufrüttelt und die Geschehnisse ihre Handlung nehmen, ist bezeichnend für den Stil des Films. Erwähnenswert ist auch Rezendes Annäherung an den von Stanley Tucci gespielten Anwalt Garabedian, der zu Beginn des Films als eigenwilliger Charakter bezeichnet wurde und schließlich dem Spotlight-Team unter die Arme greift.

PD: Das zeichnet diesen Film auch aus, die langsame Annäherung an seine Charaktere und zugleich die Darstellung der geradezu zermürbend langen und langsamen Arbeit an dieser großen Geschichte. Der Symbolismus mit den immer im Hintergrund ins Bild ragenden Kirchen mag nicht sonderlich subtil sein, aber es ist für mich der einzige wirklich gravierende Kritikpunkt.

Viel mehr glaube ich, dass man noch Jahre später auf diesen gelungenen Journalisten-Thriller zurückblicken wird.

YP: Es gibt Filme, die sind so unaufdringlich und sichern sich somit auch einen Platz im Kanon.

 

 

 

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