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Ein religiöser Erweckungsfilm oder doch eine subtile Satire zur Kommerzialisierung des Glaubens? Wir versuchen Jessica Hausners „Lourdes“ auf zwei Nenner zu bringen.

PD: Als vom Glauben abgefallener Katholik, war ich nicht unbedingt gespannt auf die Betrachtung des Heilfahrtsortes Lourdes. Zudem war ich noch immer geschädigt von Jessica Hausners Vorgängerfilm „Hotel“, dem ich kaum etwas Positives abgewinnen konnte.

YP: Das klingt aber sehr dramatisch. Ich gehöre zwar selber nicht zu den religiösen oder gläubigen Menschen, konnte aber „Lourdes“ mit einer gewissen Nähe betrachten. Einer gewissen Nähe zum Katholizismus, der sich bereits früh mit diversen katholischen Ritualen und Sakramenten manifestiert hat. Ich sehe das aber mit der nötigen Distanz wie Thomas Bernhard, der diese katholischen Bräuche und Prozessionen als Theater bezeichnet hatte. Vielleicht ist sogar von einer vertrauten Schaulust die Rede – ohne jemals in Lourdes gewesen zu sein. Dafür kenne ich Walfahrtsorte wie Santiago de Compostela und den Vatikan als skeptische Touristin.

PD: Persönlich gesprochen, gibt es natürlich diverse katholische Rituale die in mein Leben hinein spielen, einfach weil ich damit aufgewachsen bin. Es ist auch am ehesten als Theater zu bezeichnen, und genau deshalb war ich so gar nicht gespannt darauf. Denn es ist schlechtes und abgestandenes Theater.

Glücklicherweise hat Jessica Hausner sich aber diese Distanz bewahrt und zeigt einen sensiblen und überraschend kritischen Blick auf den Wallfahrtsort. Dass sie diese Balance zwischen der Kritik am Kommerzialisierung und der tief gläubigen Suche nach Heilung oder Erlösung bewahrt, ist die ganz große Stärke ihres Films. Sie lehnt sich nicht in eine Richtung, sondern überlässt es dem Publikum, die vielen Charaktere und ihre Motive für den Lourdes-Besuch kennenzulernen.

YP: Aber diese Distanz bewahrt sie den ganzen Film hindurch und begegnet dem, was gezeigt wirkt stets respektvoll. Natürlich ist das ein durch und durch konzipierter Film, doch wirkt er sehr mühelos erzählt. Wobei sich für mich die Kritik schon an der Wahl der Thematik ergibt, nicht so sehr am kommerzialisierten Standort. Da gibt es diese beiden Damen mit österreichischem Dialekt, die alles hindurch kommentieren. Die beiden sagen dann oft Sätze, die messerscharf diesen ganzen Zirkus entlarven, wobei sie natürlich mittendrinnen stecken. Besonders witzig fand ich diese Auflagen, was alles ein Wunder in Lourdes ausmachen darf. Und das man dieses schnell melden muss, damit es offiziell ist, sonst zählt es nicht. Eine Wunder-Maschinerie, die den gläubigen Menschen Hoffnung gibt. Der Glaube ist da eine Sache, aber die Religionsausübung eine andere. Wobei die Menschen da ganz bestimmt oft nicht unterschieden haben. Das hat der Film sehr gut rübergebracht.

PD: Hausner zeigt ja ein ganzes Figuren-Ensemble, welches verschiedenste Zugänge zu diesem Ort hat. Die beiden älteren Damen etwa drehen sich die Heilung und die Rolle Gottes gerade so, wie sie gerade passt. Es beginnt ja nicht nur Christine (Sylvie Testud) plötzlich sich aus ihrem Rollstuhl zu erheben, sondern auch ein Kind aus seinem Dämmerzustand zu erwachen. Sobald aber die „Geheilten“ wieder zu ihrem Ursprungszustand zurückkehren, war es eben kein Wunder. So lassen sich weder die Gläubigen, noch die Priester diesen Ort durch jegliche Rationalisierung kaputt machen.

Ganz besonders einschneidend fand ich die Beziehung zwischen Sylvie und den Schwestern des Malteser-Ordens (darunter Léa Seydoux). Christine wird abwechselnd wie ein mühsames Ärgernis, oder wie ein kleines Kind behandelt. Sylvie Testud agiert dabei immer sehr kontrolliert, auch wenn man ihren Ärger geradezu spürt.

YP: Bei Christine sieht man auch immer, wie sie stille Beobachterin der Geschehnisse um sich herum bleibt, allerdings hält sie ihre Behinderung scheinbar davon ab, am Leben der anderen teilzunehmen. Wobei ich mir bei ihr nicht sicher war, ob es die Krankheit ist, die ihren Charakter geformt hat oder die Krankheit auch als Ausrede gesehen wird. Wahrscheinlich beides. Sie hätte so gerne ein normales Leben nach ihren Vorstellungen, dass ihr das Leben, welches sie führt, als wenig unvollkommen erscheint. Die Beichte öffnet ihr dann auch die Augen. Was dann auch ihr Ausbruch daraus in der letzten halben Stunde zeigt. Der Film ist eigentlich sehr hoffnungsfroh.

PD: Das sehe ich wieder anders. Gerade der Schluss, in dem Christine mit dem attraktiven Kuno (Bruno Todeschini) tanzt und dabei umkippt, nur um sich schließlich, nach einigen Augenblicken wieder in den Rollstuhl zu setzen, ist auch sehr bitter. Denn schon das andere gezeigte „Wunder“, endete in einem bitteren Rückfall. „Lourdes“ ist hier weniger ein Ort der Hoffnung, denn der enttäuschten Erwartungen. Selbst für die Malteser selbst, die den Aufenthalt scheinbar hauptsächlich dazu nutzen, um ein wenig Urlaub zu machen, Witze zu reißen und Kontakte zu knüpfen. Das erschien mir weniger hoffnungsfroh, denn bedrückend.

YP: Hier gehen unsere Meinungen sehr weit auseinander: In dieser letzten Szene hatte ich eher das Gefühl, dass sie endlich ihre Behinderung als Teil ihres Lebens akzeptiert. Für Christine bestand das langersehnte Wunder darin, sich einer Illusion hinzugeben und nicht gefangen im dem Zustand zu sein, indem sie sich befindet. Darin dann zurückzukehren war nicht bitter, es war ein Moment der Selbstakzeptanz. Sie wollte nie bemitleidet werden, noch hat sie die, denen es schlechter ging als ihr, bemitleidet.

PD: Interessant. Mir erschien dieser Moment bitter, da ja auch die sich durch Christine definierende Frau Hartl (Gilette Barbier), eine eigenständige und selbstständige Christine wie einen Verlust ihrer eigenen Aufgabe erlebte. Immer wieder, wenn die Malteser-Schwestern Christine vernachlässigten, war Frau Hartl da. Kaum konnte Christine ihre eigenen Taten setzen, war sie aber obsolet. So interpretierte ich zumindest dieses Schlussbild, in dem Christine von der Frau etwas ins Ohr geflüstert bekommt. Das Lächeln Christines kann in alle erdenklichen Richtungen gedeutet werden.

YP: Christine war eben auf die Malteser-Helferinnen nicht angewiesen, sie wusste sich auch woanders zu helfen und durchzusetzen. Sie ist auch genaue Beobachterin der Welt um sie herum. Auch in der Szene, wo sie von Frau Hartl in die erste Reihe geschoben wird – obwohl die Malteser-Helferin sie ausdrücklich darauf aufmerksam macht, dass sie deswegen nicht von Gott bevorzugt wird. An dieser Szene kann man gut erkennen, wie verzweifelt sie eigentlich war. Und erst nach ihrer Beichte gibt es einen Sinneswandel. Wie gesagt, auf mich wirkte das Ganze sehr hoffnungsvoll, aber vielleicht deswegen, weil das für mich den besseren Schluss darstellt.

PD: Vor allem hat mir „Lourdes“ gezeigt, dass Jessica Hausner eine hervorragende Filmemacherin ist. Auch ihr Nachfolgewerk „Amour Fou“ hat mir außnehmend gut gefallen und ich bin schon gespannt, was ihr nächstes Projekt sein wird.

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