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Scrollt man auf der imdb-Seite von Alan Rickman, kommt man nicht umhin, ein äußerst umfangreiche Kino- und TV-Schaffen zu bewundern. Die Wenigsten wissen aber, dass „Die Hard“ seine erste Kinorolle war. Der zuvor auf Theaterbrettern und in TV-Bildschirmen bekannte Darsteller fühlte sich nicht nur auf allen Bühnen wohl – brillierte zumeist auch. In diesem Dialog wollen wir uns hauptsächlich auf sein filmisches Werk beziehen.

YP: Denke ich retrospektiv an Alan Rickmans Arbeiten, fallen mir zuerst seine Bösewicht-Darstellungen in „Die Hard“ und „Robin Hood“ ein. Wobei natürlich seine Verkörperung von Harry Potters unliebsamen Lehrer Severus Snape dies schon mittlerweile überschrieben hat. Letztmals im Kino sah ich ihn in der Rolle des exaltierten Sonnenkönigs Louis XIV in „A Little Chaos“. Das Schöne an seinen Performances war doch, dass er immer für eine Überraschung gut war.

PD: Die erste Performance von Alan Rickman, die ich zu sehen bekam, war als Sheriff von Nottinham in „Robin Hood“. Als Kind war ich natürlich völlig auf den Helden fixiert, aber schon da wurde ich von dieser herrlichen Leistung Rickmans begeistert. Diese Mischung aus Weinerlichkeit, Hysterie und Bösartigkeit zeigt ja auch im Rückblick, wie gut ein Blockbuster-Bösewicht sein kann. Man vergleiche das nur mit den allzu oft langweilig-vorhersehbaren Marvel-Schurken, die irgendwie immer alle gleich wirken.

Ihn aber rein auf seine Rollen als Antagonist festzulegen, tut dem Mann aber Unrecht. Gerade da du „A Little Chaos“ erwähnst. Der hat mich zwar nicht wirklich überzeugt, aber zeigte das Talent Rickmans, mit ganz gezielter Mimik zwischen absurder Komik und Tragik hin und her wechseln zu können.

YP: Gerade seine Performance in „Robin Hood“ war auch immer mit einem Augenzwinkern angelegt ohne auch nur eine Sekunde Gefahr zu laufen, es als Karikatur darzustellen. Auch wenn Rickman gerade für seine Bösewichte besondere Bekanntheit – zumindest in der Hollywoodschen Filmwelt – erlangt hat, blieben seine Rollen stets abwechslungsreich und erinnerungswürdig. Irgendwie war er auch immer für eine Überraschung gut, ließ sich allerdings nie typecasten. Sein Colonel Brandon in Ang Lees „Sense and Sensibility“ erscheint mir aus heutiger Sicht gewagt. Immerhin war er schließlich 30 Jahre älter als Kate Winslets Marianne Dashwood. Aber Rickman spielt ihn so zurückhaltend und jugendlich, dass ich mich an dieser ungewöhnlichen Paarzusammenstellung kaum gestört habe.

PD: Das ist etwa eine Rolle, die mir weniger in Erinnerung geblieben ist. Die Jane Austen-Verfilmung habe ich aber auch schon seit Jahren nicht mehr gesichtet. Rickman wäre ja prädestiniert gewesen, für die klassische Hollywood-Bösewicht-Karriere. Als Brite mit dieser wunderbaren Stimme, schien das unausweichlich und er hat eine ganze Reihe an bösen Charakteren hingelegt, jeden einzelnen davon aber mit der nötigen Verschmitztheit gespielt.

Apropos seine Stimme. Man kann ja an „A Hitchhiker’s Guide through the Galaxy“ viel kritisieren, aber Rickmans „Marvin“ gehört auf keinen Fall dazu.

YP: Da muss ich dir Recht geben. Nach „Die Hard“ wäre es sicher ein Leichtes gewesen, einen Bösewicht nach dem anderen zu spielen (wie es zum Beispiel Gary Oldman getan hat), aber Rickman ließ sich in keine Schublade stecken. Als Marvin war er aber auch wegen seiner Stimme allzu perfekt. Und dann ist da auch noch „Galaxy Quest“, wo er auch mit einer weinerlichen Dramatik in die Rolle eines am Filmset unglücklichen Theaterschauspielers schlüpft.

Rickmans wunderbare Stimme! Das Filmpublikum, welches seine Filme im Original sehen konnte, ist seine Stimme bestimmt aufgefallen, die ist natürlich sehr distinktiv in Ausdruck und Tonlage und natürlich very british mit einem sehr hohen Wiedererkennungswert.

PD: Er war aber kurze Zeit auf diesem Karrierepfad unterwegs. Nach „Die Hard“ spielte er ja auch den Gegenspieler von Tom Selleck in „Quigley Down Under“ und schließlich den Sheriff von Nottingham in „Robin Hood“. Dass er dann mit gewichtigen Nebenrollen in „Bob Roberts“ und „Sense and Sensiblity“ einen Weg aus diesem potentiellen Typecasting hinaus fand, ist schon bemerkenswert.

Seine Darbietung in „Galaxy Quest“ gehört ohnehin zu meinen persönlichen Highlights in Rickmans Karriere. Gerade in dieser herrlichen Star Trek-Hommage/Parodie, wurde aber auch deutlich, dass es ein gut abgestimmtes Ensemble braucht, damit eine feine Nebenrolle, auch wirklich zum Tragen kommt. Ob in „Love, Actually“ im Tandem mit Emma Thompson, oder als Metatron in „Dogma“ oder auch in dem irischen Politdrama „Michael Collins“. Da profitierten talentierte Schauspieler voneinander und Rickman konnte so richtig glänzen.

YP: In seiner beeindruckenden Karriere spielte er häufig neben Emma Thompson. Seine beide Co-Darstellerinnen aus „Sense and Sensibility“ hat er schließlich in den Filmen, wo er selber im Regiestuhl saß, auch engagiert. Thompson hat er 1997 für seine erste Regiearbeit  „The Winter Guest“ verpflichtet. Kate Winslet spielt die Hauptrolle in „A Little Chaos“, seiner zweiten Regiearbeit.

Nichts liegt mir ferner als Rickman für seine Rolle als Severus Snape, Harry Potters Zaubertränke-Lehrer, reduzieren zu wollen, aber Rickman hat der Figur aus den meiner Meinung nach eher mittelmäßigen Verfilmungen von J. K. Rowlings Romanen eine neue Dimension verliehen. Nicht nur ist Snape eine der spannendsten Figuren der Romane, Rickman hat Snape so unglaublich vielschichtig und sehenswert gespielt. Als ich die Romane las, konnte ich Snape nicht leiden. Dank Rickmans Darstellung bin ich zum Fan geworden.

PD: Der Charakter wächst einem während der Filme auch sehr ans Herz. Da ich nie ein großer „Harry Potter“-Fan war, habe ich die Romane auch eher aus einer Pflichtschuldigkeit heraus gelesen, und entsprechend kann ich mich nicht mehr so recht daran erinnern, welchen Eindruck Snape da auf mich machte. Sein Schicksal passte aber sehr gut zur Darstellung Rickmans. Dieser emotionale Abschied von ihm lag doch schwer im Magen.

Für den Privatmenschen Rickman hatte ich mich nie so recht interessiert, deshalb fand ich es sehr spannend, durch die Nachrufe nun zu erfahren, dass er aus sehr einfachen Verhältnissen stammte. Vor allem seinen Blick auf das Klassensystem Englands fand ich sehr interessant.

YP: Als Halbwaise und aus ärmlichen Verhältnissen stammend konnte er dank eines Stipendiums eine renommierte Schule besuchen. Später studierte er auch als Spätberufener – und nach einigen Jahren im sicheren Brotberuf des Graphikers – Schauspiel.  Natürlich braucht es Talent womöglich in Rickmans Ausmaßen, dass aus einem Menschen ein Schauspieler von seinem Kaliber wird. Aber sein Werdegang zeigt auch, wie viel Glück es auch auf dem Weg dorthin braucht. Und dass ein System, welches sozialen Aufstieg nicht nur erschwert, sondern auch unmöglich macht, uns großartige Künstlerinnen und Künstler aller Wahrscheinlichkeit nach vorenthält.

PD: Es sagt ja schon alles, dass er in Interviews betonte, dem Stipendium für die West London Latymer Upper School alles zu verdanken. Es braucht immer auch das nötige Quäntchen Glück, damit ein Talent nicht einfach nur ein Talent bleibt, sondern auch tatsächlich davon leben kann. Was mir sehr imponierte, war seine Bodenständigkeit. Er inszenierte sich nie als Star, obwohl er mit Sicherheit die Möglichkeiten dazu gehabt hätte.

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