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Einmal mehr wollen wir uns über einen aktuellen Kinofilm unterhalten. Es wird ein Film einer weiteren großen – diesmal europäischen – Filmnation. Der französische Filmemacher Alain Guiraudie hat mit „L’inconnue du lac“ einen sehr schönen und stimmungsvollen Film gemacht, der viel mehr ist als eine Charakterstudie, ein Kriminalfilm und ein Liebesfilm. Nach dem Cannes-Erfolg für den Regisseur Guiraudie bereiste er mit dem Film im Schlepptau die Festivalwelt (TIFF, New York Film Festival, BFI London Film Festival), und läuft seit einer Woche in den österreichischen Kinos an.

(Spoilerwarnung im folgenden Dialog)

PD: Was sagt dir der Name Alain Guiraudie?

YP: Auf Französisch: Rien! Ich muss zugeben, noch nie einen Film von ihm gesehen zu haben. Bis gestern „L’inconnu du lac“. Das war meine Guiraudie-Premiere. Und dann noch dazu mit diesem Film.

PD: Mir war dieser Filmemacher zuvor völlig unbekannt. Dank „L’inconnu du lac“ ist er jetzt dafür umso eindringlicher in mein filmisches Gedächtnis gebrannt worden. Das wäre eine Gelegenheit, um sich vorhergehende Arbeiten anzusehen. Zeigt aber auch, dass man einen entsprechenden „Hit“ nötig hat, um im internationalen Filmgeschehen wahrgenommen zu werden. Immerhin ist das der Top-Film des Jahres für „Cahiers du cinema“ und auch im „Sight & Sound“-Jahresrückblick landet er in den Top 10. Beeindruckend.

YP: War das für dich ein sinnlicher Film? Ich habe den Film nicht so empfunden.

PD: Ich glaube kaum, dass Guiraudie einen sinnlichen Film drehen wollte. Die ganze Machart hatte etwas sehr Dokumentarisches. Zudem zeigt er ja viele Spielarten der Sexualität. Der eher leichtlebige Cruiser Franck, der sehr vorsichtige Eric und schließlich der Spanner. Für mich war es faszinierend, wie all diese Formen der Sexualität auf sehr nüchterne Weise eingefangen wurden. So bekam der einsam für sich am Strand sitzende Henri zu Beginn eine etwas unheimliche Aura. Kein Wunder bei dem Titel.

YP: Der gutgebaute Verführer, der auf Sex verzichtende Freund, der eifersüchtige Aufsässige, der übervorsichtige Liebhaber usw.

PD: Eine schön durchkomponierte Szenerie. Der übervorsichtige Liebhaber gab dem Film auch eine aktuelle Note. Seine Vorsicht in Bezug auf Geschlechtskrankheiten hat den Film aus seiner zeitlosen Inszenierung geholt.

YP: Henri, der immer ganz Außen saß und von sich behauptete, heterosexuell zu sein und nur wegen der Ruhe und Friedlichkeit den See aufzusuchen. Das war doch der sympathischste und zugänglichste Charakter.

PD: Er war mir auf Anhieb sympathisch, aber er war mir zu Beginn auch ein wenig unheimlich, da er den Strand mit seinen Blicken musterte. Man konnte nicht wirklich erahnen, weshalb er überhaupt am Strand ist.

YP: Und hat auch den Buddy bzw. Kumpeltypen gespielt. Wo absolut eine eindeutige Grenze zwischen Sex und Freundschaft gezogen wurde.

PD: Dazu wurde er aber später. Erst als Michel, der Macho-Verführer, auf den Plan trat, war klar, dass er „nur“ ein Kumpel ist. Mir gefiel auch der Dialog zwischen Henri und Franck, in dem Henri erklärte, was er erwarte, dass Sex auch nur eine Form der Intimität ist. Das war wunderbar geschrieben und ebenso schön gespielt. Vor allem da es für Franck eine völlig neue Sichtweise zu sein schien. So nebenbei: Die Darsteller haben mich allesamt begeistert. Vor allem der etwas deplatziert wirkende Inspecteur.

YP: Fand ich auch großartig! Ich möchte noch zwei Anmerkungen machen. Der Film hat gänzlich auf Musik und gänzlich auf Frauen verzichtet.

PD: Der Verzicht auf Musik fiel mir gar nicht auf, aber die Abwesenheit von Frauen war natürlich sofort auffallend. Das war aber aufgrund des Settings recht logisch.

YP: Die Frauen waren ja nur physisch nicht präsent. Sie sind ja immer wieder erwähnt worden.

PD: Vor allem wenn Henri Teil des Gesprächs war. Eine Polizistin, die den Fall untersucht, hätte eine ganz andere Wahrnehmung in die Sache gebracht.
Was weniger funktionierte, war die Verschmelzung mit den Thriller-Aspekten.

YP: Das war doch weniger eine Verschmelzung als eine Wende. Bis zum Vorfall im See war das ein ganz anderer Film.

PD: Dennoch verläuft der Film in gewohnten Bahnen weiter. Man sieht zwar das Dilemma in dem sich Franck befindet aber die Thriller-Aspekte, der ermittelnde Inspecteur und die unabwendbaren Folgen am Ende sind schon vorhanden.

YP: Nicht, dass sich der Ton des Films groß geändert hätte, aber für mich wurde es dann viel spannender. Und ich fühlte mich weniger als Voyeurin.
Der Ton, aber der Film ging eine andere Richtung.

PD: Das meinte ich, der Ton bleibt gleich, aber der Film geht in eine andere Richtung, nur dass durch den gleich bleibenden Erzählstil, die klassischen Thriller-Aspekte weniger zum tragen kommen. Man weiß zwar genau, was auf einen zukommt, aber es hat nicht diese Dringlichkeit. Nicht, dass ich das schlecht finden würde, mir gefiel der Verzicht auf klassische Thriller-Elemente. Mir schien nur, als ob es am Ende ein Thriller im Stil von Hitchcock hätte sein sollen.

PD: In die Rolle des Voyeurs wird man auch kaum gedrängt, entweder man sieht was Franck sieht oder man bekommt einen generellen Überblick über das Geschehen. Selbst bei den Sexszenen fühlte ich mich nicht als Voyeur.

YP: Der Regisseur ließ uns durch Francks Augen schauen und Franck war zweifelsohne ein Voyeur. Das macht das Publikum notgedrungen auch zum Voyeur. Gewissermaßen zum Schaulustigen.

PD: Es gab aber immer die Distanz, zwischen Franck und dem Publikum. Er ist ja selbst Teil der sexuellen Handlungen und darin kein Voyeur sondern lustvoller Teilnehmer. Mit Voyeurismus impliziere ich eher etwas Negatives. So wie den Spanner, der sich in die Nähe der Paare stellte und masturbierte.

YP: Ich habe mir anschließend auch „Crusing“-Clips auf YouTube angesehen. Mit Al Pacino in der Hauptrolle. Der Film ist von William Friedkin.

Link: http://www.youtube.com/watch?v=gp1FngKHPy8

PD: Den wollte ich eben erwähnen.

YP: Das ist ein ganz anderer Film als „L’inconnu du lac“. Wobei das auch ein Erotikthriller ist, der in einer Subkultur spielt.

PD: Ich habe ein Interview im profil nachgelesen, in dem Stefan Grissemann und Guiraudie darüber sprechen, wie überraschend es doch ist, dass viele Kritiker an „Cruising“ denken, wenn sie „L’inconnu du lac“ sehen. Ich finde den Gedanken mehr als naheliegend. „Crusing“ ist einer meiner liebsten filmischen Fehlschläge. Der hätte richtig gut werden können, ist aber ziemlich chaotischer geworden.

YP: Wobei der Film bedenklich ist. Intercuts zwischen Mordszenen und schwulen Sex – das finde ich in der Darstellung sehr problematisch!

PD: Mir erscheint aber die Verbindung zwischen Friedkins Thriller und Guiraudies Film nicht weit hergeholt. Der Mord im Pornokino ist das glaube ich? Ja, da wird eine Verbindung hergestellt. Zwar will Friedkin wohl zeigen, wie sehr der Mörder Schwule hasst, aber im Endeffekt verbindet er nur die Clips mit dem Mord auf eine unangenehme Weise. Interessant wäre jetzt natürlich „Interior. Leather Bar.“ endlich mal zu Gesicht bekommen. Ein Film (von James Franco) über eine Sequenz in „Cruising“, die es dann nicht in den fertigen Film geschafft hat.

YP: Angeblich handelt es sich dabei um 40 Minuten Material. Wobei, da fällt mir ein: in einem Interview beschwert sich Guiraudie über den Widerwillen, den Pacino bei den Kussszenen mit Männern angeblich an den Tag gelegt habe. Er spielt einen heterosexuellen Charakter, der undercover in der Schwulenszene ermittelt. Finde den Widerwillen insofern keineswegs befremdlich, als er als Figur eine Rolle spielen muss.

PD: Da ist viel rausgeflogen und das Medienecho rund um den Film war ja so schon sehr – sagen wir mal – holprig. Pacinos Widerwillen verstehe ich ein wenig, aber er spielt eben einen Polizisten, der undercover ermittelt. Da ist es – auch aus Sicht des Charakters – klar, dass er irgendwann mal einen Mann küssen wird. Bei Pacino bin ich mir nicht sicher. Ich habe beinahe alle seine Filme gesehen, Interviews, Interview-Bücher und Artikel gelesen und weiß, dass er für eine Rolle, an die er glaubt, sehr viel bereit ist zu tun. Aber rund um „Cruising“ gab es viele Probleme und es ist angeblich auch der Film, den Pacino bereut jemals gedreht zu haben. So gesehen, war ihm vielleicht während der Dreharbeiten der ganze Proteststurm rund um den Film bereits unangenehm und er merkte, wie sich das entwickeln sollte.

YP: Was „Crusing“ betrifft, sprechen wir von den 80ern. Heute haben wir 2013 und noch immer verlassen Menschen bei gay sex das Kino.

PD: Noch immer ist in vielen Medien das Hauptthema der explizit gezeigte Sex, aber da ist es wieder unwichtig, ob es sich um homosexuelle oder heterosexuelle Szenen handelt. Siehe etwa „Nymphomaniac“.

YP: Ohne den explizit gezeigten Sex wäre „L’inconnu du lac“ das ein ganz anderer Film geworden. Der Sex ist wichtig, um die Geschichte zu erzählen. So banal das klingt, aber du kannst keinen authentischen Film über Cruising in der Schwulenszene machen und den Sex ausblenden. Dann wäre es kein authentischer Film

PD: Meine vollste Zustimmung.“Cruising“ ist ja auch ein eigenartiger Film. Ein A-List-Star in einem Mainstream-Thriller, der sich in die Cruising-Szene begibt und dabei Sex und blutige Morde verknüpft, aber weder das eine noch das andere wirklich konsequent durchdenkt, sondern auf halbem Blockbuster-Weg stecken bleibt. Und das von William Friedkin. Sonst hätte er auch niemals ein R-Rating erhalten und mit einem NC-17 brauchst einem großen Studio gar nicht erst zu kommen.

Spoiler!

Guiraudie hingegen hat sich die Zeit genommen, um seine Handlung langsam und konsequent aufzubauen. Jede Szene wirkt natürlich. Ob die Gespräche am Strand, die Morde oder auch die sexuellen Handlungen. Gut, es sind auch zwei völlig unterschiedliche Filme. Mir gefiel auch die Regelmäßigkeit. Alles folgte einem Rhythmus, mit dem Eintreffen am Parkplatz, wo scheinbar immer dieselben Autos standen über die Gespräche und schließlich hin zum Sex im Gebüsch.

YP: Guiraudie zeigt in „L’inconnu du lac“ die Morde nicht wirklich – zumindest nicht aus der Nähe. Der erste – wunderbar inszenierte – ist in der Totalen. Dann der zweite im Gebüsch, wo man zwischen sexueller Handlung und Mord gar nicht unterscheiden kann. Und dann der dritte, auch weit entfernt.

PD: Ja, stimmt. Mir gefiel auch, dass die Morde, vor allem der zweite, nicht so klar zu erkennen waren. Die Folgen zeigte er aber dafür umso deutlicher.

YP: „L’inconnu du lac“ hat bei den Filmfestspielen in Cannes den Regiepreis in der Schiene „Un certain regard“ gewonnen.

PD: Einen Preis, den er völlig zu Recht gewonnen hat. Ohne diesen Erfolg in Cannes wäre der Film aber wohl kaum international verliehen worden. Jim Jarmusch sagte ja einmal, dass er Preise nicht unbedingt mag aber wenn sie dabei helfen, die Filme zu verkaufen…

YP: Für weniger arrivierte Filmemacher sind Festivalpreise sehr wichtig.

PD: Gerade die „Un certain regard“-Reihe ist eine sehr feine Nebenschiene, in der sich Filme wiederfinden, die im Hauptbewerb übersehen worden wären.

YP: Zu der gestrigen Vorführung im Stadtkino im Künstlerhaus will ich noch etwas erzählen: Ein junges heterosexuelles Pärchen ist vor mir gesessen. Bzw. sind sie mehr über einander hergefallen in der ersten halben Stunde des Films. Bei der ersten expliziten Sexszene haben sie dann den Kinosaal verlassen. Das hat mich sehr verwundert. Ich hätte sie gerne gefragt, warum sie gegangen sind. Weil ihnen die Sexualität – die auf die Leinwand projizierte – zu viel geworden ist? Oder, weil sie im falschen Film gesessen sind. Das merkt man aber schon früher und nicht erst nach 40 Minuten.

PD: Das mag gar nichts heißen. Oft genug ist doch die Dunkelheit des Kinosaals nur der Rückzugsort, um übereinander herzufallen und wenn es dann zu „heiß“ wird, dann entfernt man sich in privatere Gefilde. Oder sie wollten eigentlich in ein Erotikkino und bemerkten zu spät ihren Fehler. Wer weiß.

YP: Aber warum sind sie überhaupt im Film gesessen? Weil Der Standard davon berichtete? Weil der Film auf der Viennale gezeigt wurde?

PD: Womöglich beides.

YP: Was mich irritiert hat, ist vielmehr die Selbstverständlichkeit mit der die beiden ihre Zuneigung zueinander publik machen und zeigen – eben im Kino, also in einem öffentlichen Ort und dann einen Film verlassen, der dies mitunter auch thematisiert. Und ich wette, die beiden hätten den Saal nicht verlassen, würde der Film heterosexuellen Geschlechtsverkehr dermaßen  offenkundig zeigen!

PD: Noch viel interessanter finde ich, dass es sich offenbar um ein heterosexuelles Paar handelt, welches sich bei explizit gezeigten homosexuellen Handlungen dazu verleitet sieht, offenbar so schnell wie möglich miteinander zu schlafen oder wonach ihnen gerade der Sinn stand. Glaubst du, es hat sie irritiert? Für mich klingt es so, als hätte es sie eher angeheizt.

YP: Nein, die sind ja bei der ersten etwas – offenherzigeren – Szene aus dem Kino gestürmt!

PD: Ach so. Dann habe ich das falsch verstanden. Ich wette ja, bei einer lesbischen Sexszene wären sie sitzen geblieben.

YP: So wie du habe ich das gar nicht betrachtet.

PD: Das letzte Mal, dass ich sah, dass Personen bei einer expliziten Szenen einen Film verließen, war bei der Vergewaltigungsszene in „Irreversible“.

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