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Filme von Ridley Scott sind stets Pflichttermine im filmischen Kalender und wenn er dann auch noch ein Drehbuch von Cormac McCarthy verfilmt, sollte doch eigentlich nichts schief gehen. Ein Gespräch über philosophische oder doch nur aufgesetzte Dialoge, Auslassungen in der Handlung und die Vielseitigkeit von Ridley Scott. Zudem versuchen wir die wichtige Frage zu beantworten, womit genau Cameron Diaz Angst verbreitet.

YP: Welche Szene aus „The Counselor“ ist dir am meisten in Erinnerung geblieben? Das war doch – wenn irgendwas – dann ein bildgewaltiger Film. Sehr auf das Visuelle verlagert.

PD: Das war dann wohl Cameron Diaz und ihr Ritt auf beziehungsweise mit dem Ferrari. Ridley-Scott-Filme sind immer sehr auf die visuelle Ebene fixiert, aber zumeist schafft er es auch darüber hinaus eine interessante Geschichte zu erzählen. In diesem Fall war das Drehbuch eine Ansammlung von Logiklöchern und Möchtegernphilosopischen Dialogen.

YP: Die Szene ist von Reiner (Javier Bardem) schön nacherzählt worden und schön gegengeschnitten von Scott. Aber ehrlich gesagt: so besonders fand ich das dann auch wieder nicht. Was war denn bitte dabei?

PD: Die Szene steht für mich sinnbildlich für das ganze Problem des Films. Reiner erzählt dem Counselor (Fassbender) diese Anekdote von seiner Freundin und dem Ferrari, und am Ende fragt der Counselor „Warum erzählen sie mir das?“ und Reiner meint „Ich weiß auch nicht.“ Das war die meiste Zeit mein Gefühl in diesem Film. Warum sehen wir das? Keine Ahnung. Was blieb dir in Erinnerung?

YP: Zwei Szenen: Einerseits die Jagdszene mit den Geparden, weil die Landschaft einen großen Stellenwert bekommen hat. Die Geparden sind Teil der Natur und die Tatsache, dass sie Malkina (Cameron Diaz) als Schmusekatzen zweckentfremdet, fand ich sehr befremdlich. Und natürlich die rohe Gewalt in der Szene, wo Westray (Brad Pitt) im wahrsten Sinne des Wortes an Kopf und Kragen gegangen wird.

PD: Das fand ich wieder ein wenig verlogen. Der Film hat kein Problem auf recht drastische Art und Weise Gewalt darzustellen, den Zuseher mit der Aussicht auf Gewalt geradezu zu locken (etwa das Gespräch von Westray mit dem Counselor, bezüglich Folterungen und Enthauptungen) und dann wird dies gegen Ende des Films mit einer Demonstration verzweifelter Bürger gegen die Gewalt gegengeschnitten. Das war unglaublich verlogen.

YP: Allerdings handelt es sich um sehr verlogenes Gewerbe.

PD: Das Geschäft ist verlogen, schön und gut, aber die Szene mit den Demonstranten war völlig unpassend.

YP: Ach, das hatte vielleicht auch mit der Verzweiflung vom Counselor zum Schluss hin zu tun. Zu wissen, es werde mit 100 %-iger Sicherheit etwas eintreffen, wovor er sich so fürchtet und nur darauf zu warten, wann das sein wird?

PD: … und deshalb die Demo-Szene vor der Kirche? Nach dem Motto: Du bist nicht allein in deinem Leid? Nein, das war Mitleidsgeheische mit einem Charakter, der sehr wohl wusste, was er tut.

YP: Die Szene war nicht befremdlich. Es sind viele junge Frauen in dieser Gegend verschwunden. Mit der Szene war es so, als wollten sie uns zeigen, was mit den vielen verschwundenen Frauen passiert ist. Wir wissen ja, was dann folgt … Vielleicht war das ein Erklärungsversuch und ein Aufzeigen, wo die ganzen Frauenleichen der Juarez-Region hingekommen sind.

PD: Das kauf ich dem Film nicht ab. Tut mir leid, aber das hat mich in keinster Weise berührt oder nachdenklich gestimmt oder auf die Situation der Frauen in Juarez aufmerksam gemacht.

YP: Die unzusammenhängende Erzählweise des Films, das Auslassen von wichtigen Details, keine Einführung der Charaktere, das hat mich alles nicht gestört. Die Dialoge stehen für sich. Es wird eine Geschichte erzählt, aber der Zuschauer wird nicht bedient.

PD: Ich habe kein Problem mit Auslassungen oder Verknappungen, auch auf der Dialog-Ebene, wenn man es sinnvoll macht. Bei „The Counselor“ hingegen gibt es Auslassungen, die schlicht keinen Sinn ergeben und beinahe jeder Charakter ergeht sich in metaphorischen Gleichnissen. Es klingt nicht nur alles gleich, sondern mit der Zeit auch lächerlich.

YP: Nein, es wurde trotzdem viel mehr erzählt als schließlich gezeigt wurde. All diese Gespräche z.B. jenes des Counselor mit Westray über Snuff Filme usw. Das hätte auch gezeigt werden können. Scott entschied sich dagegen.

PD: Als Westray seine amüsanten exzentrischen Auftritte hatte, waren diese Metaphern amüsant, aber wenn dann schließlich vom mexikanischen Gangster bis zum Counselor und Reiner sich allesamt nur noch in Metaphern unterhalten, wurde es mühsam und gestelzt. Die Charaktere sind überhaupt so ein Thema. Was genau wusste Laura (Penelope Cruz) von den Geschäften ihres Göttergatten?

YP: Sie wird wohl eins und eins zusammengezählt haben. Du kriegst nicht einfach so einen 3,9-Karat-Diamantring geschenkt und stellst keine Fragen. Ich kaufe dem Film Vieles nicht ab, aber er ist vollbepackt mit Informationen, man muss nur wissen, wo man nachschaut.

PD: Mir erschien er eher überladen mit Andeutungen, und die „man muss nur wissen, wo man nachschaut“-Sache, ist dann eben eine Sache des Regisseurs. Der muss dann schon auch entscheiden, was er zeigt und was nicht. Die Dialoge alleine können den Film nicht tragen, dann wäre es ein Theaterstück.

YP: Mich hat ja diese Schwarzweißmalerei bei den Figuren gestört. Was etwa hatte Laura mit Malkina zu tun? Dieses Treffen im Clubhaus am Pool.

PD: Eben. Wieder eine Szene die einfach in der Luft hängt. Malkina amüsiert sich über Laura, über ihren Glauben, über ihre Kirchgänge und später ist Malkina bei der Beichte. Auch so eine völlig wirr in die Geschichte geworfene Szene, die zwar ganz amüsant anzusehen war, aber nichts brachte. Weder für die Ausformung des Charakters, noch für die Handlung.

YP: Darum habe ich auch die Vorlage von Cormac McCarthy gelesen und ob du es glaubst oder nicht: diese lieferte mir keine neuen Erkenntnisse. Bin nicht schlauer als nach dem Film. Das Wenige, was ich nach dem Film wusste, hat sich nur noch mehr manifestiert. Ich wage zu behaupten, dass die Vorlage sehr gut von Scott umgesetzt wurde.

PD: Ich wage eher zu sagen, dass Scott sich sklavisch an die Vorlage (es war ja McCarthys 1. Drehbuch) fesselte. Das ist keine gute Arbeitsweise. Ein guter Regisseur muss auch bei einer Autorenlegende mal das Drehbuch überarbeiten, wenn es wo nicht passt.

YP: Nein, der Schluss ist anders. Er hat einige Szenen weggelassen, auch abstrakte Szenen. Das hätte dann andere noch abstraktere Formen angenommen. Mich faszinierte Malkinas Charakter. Sie ist im Gegensatz zur jungfräulichen Laura sehr facettenreich und macht scheinbar, was sie will, ohne Rücksicht auf Verluste.

PD: Diaz hat sie ganz passabel gespielt, auch wenn ich ständig das Gefühl hatte, dass etwa Charlize Theron aus dem Charakter viel mehr heraus geholt hätte. Bei Diaz war Malkina kalt, aber das war es auch schon. Kalt.

YP: Malkina ist in der Vorlage dunkelhaarig. Allerdings spielt sie Diaz so grazil, wie es ihre Geparden sind. Willst du sagen, sie ist so austauschbar?

PD: Diaz war austauschbar. Das liegt aber nicht gerade am scharf ausgefeilten Charakter. Doch da kann man jeden Charakter her nehmen, vom Counselor (der aber ganz bewusst eine Hülle bleibt) über Reiner und Laura hin zu Malkina. Alles sehr flache Charaktere. Auch der Reiz in Westray, liegt rein in der Darstellung und nicht im Charakter. Ich hatte grundsätzlich mit Brad Pitt die meiste Freude. Er spielte diesen weit gewanderten Gangster mit so viel Gusto und Freude. So wie er die Dialoge rüber brachte, von knallhart zu amüsiert wechselte. Das hat Spaß gemacht. So wie Woody Harrelson in „No Country for Old Men“ und wenn man genau ist, ist das im Grunde derselbe Charakter.

YP: Das ist eine Schauspielerin, die 2 Jahrzehnte lang einen Typ Frau gespielt hat und jetzt spielt sie eine sehr düstere Gangsterin. Eben nicht einmal eine Gangsterbraut. Sicher hätte ich mir Charlize Theron auch gut in dieser Rolle vorstellen können. Und Brad Pitt sucht sich seine Rollen mittlerweile gut aus. Auch wenn es – wie in diesem Fall – nur Nebenrollen sind.

PD: Also düster fand ich Malkina nicht, nur kalt und das konnte sie auch schon zuvor, das ist jetzt keine Überraschung. In „Vanilla Sky“ etwa oder selbst die egoistische Lehrerin in „Bad Teacher“. Pitt hat spätestens mit „Troy“ aufgehört den Schnuckel-Typ zu spielen. Der weiß mittlerweile sehr gut, was er tut. Mir gefiel er ja auch in dem unterschätzten „Killing Them Softly“ aus dem Vorjahr.

YP: Düster, weil ich nicht wissen will, was für Geheimnisse sie mit sich rumschleppt. Es gibt Gründe, warum sie so kalt ist. Sogar Reiner – ihrem Lover – ist sie unheimlich.

PD: Sie hat eine gewisse bedrohliche Ausstrahlung an sich, aber hauptsächlich ist sie eiskalt. Wenn sie Reiner eröffnet, dass sie nicht da sein wird, wenn „die Axt fällt“, dann weiß Reiner genau, dass sie nur auf sich selbst schaut. Das ist kalt aber nicht unbedingt düster. Angst hatte er eher nach dem Ferrari-Stunt.

YP: Sie kennt aber auch keine Grenzen. Das hat mir Angst gemacht.

PD: Die wurden aber nicht unbedingt gezeigt. Da fand ich den mexikanischen Boss düsterer, der so gemütlich beim Kaffee über Mord und Totschlag sprechen konnte, wenngleich mir sein pseudo-philosophisches Geschwafel gehörig auf den Geist ging.

YP: Die Dialoge und die Bilder waren zweifellos das Beste am Film. Die Dialoge, weil sie metaphorisch zu verstehen sind.

PD: Die Dialoge waren aber derart aufgesetzt. Wenn du den meisten Charakteren beinahe immer dieselben Dialoge in den Mund legst, verlieren sie ihre Wirkung. Wie schon erwähnt: Wenn Westray seine Metaphern anbringt, ist das humorvoll aber wenn dann auch noch Reiner, der Counselor, Malkina etc. sich in Metaphern ergehen, ist das nur noch öde.

YP: Mir fällt gerade ein, entweder wird viel geredet in „The Counselor“ oder gar nicht. Diese vielen langen wortlosen Einstellungen, wo die Kamera den Figuren auf Schritt und Tritt folgt, z.B. dem The Green Hornet am Motorrad oder dem Wire-Man in der Wüste. Das war schon fesselnd.

PD: Das erinnerte mich an die besten Szenen in „Breaking Bad“, wohl auch aufgrund der Wüstenlandschaft.

YP: … oder an „Savages“ von Oliver Stone.

PD: An „Savages“ musste ich auch sehr oft denken und mir gefiel „Savages“ besser. Da war zumindest nur ein Charakter der pseudo-philosophischen Blödsinn gefaselt hat. Ich frage mich, ob ein anderer Regisseur den Mut gehabt hätte, sich etwas mehr über die Vorlage hinwegzusetzen, denn Ridley Scott. John Hillcoat hatte ja für „The Road“ ein paar Rückblenden eingebaut. Das ist nicht viel, aber eine kleine eigene Note.

YP: Schwer zu sagen. Eventuell David Fincher? Der hätte es düsterer gestaltet, nicht minder bildgewaltig.

PD: Womöglich eher ein jüngerer Filmemacher. Cary Fukunaga oder Rian Johnson.

YP: Selber Gedanke! Allerdings passt Scott doch gut. Es ist eigentlich unglaublich, er macht Filme wie „Prometheus“, „A Good Year“, „Robin Hood“ und „Kingdom of Heaven“, dann „The Couselor“, um ein paar Filme der letzten Jahre zu nennen. Wobei „Kingdom of Heaven“ und „Robin Hood“ richtig schlecht waren. Ein vielseitiger Regisseur.

PD: Das spricht ihm ja keiner ab. Vielseitig ist er, aber von den genannten Filmen war „Prometheus“ der einzige der auch unterhaltsam war…obwohl der in der zweiten Hälfte auch in sich zusammen fällt. Dennoch scheint mir, der letzte Scott-Film den ich richtig gut fand, ist „Matchstick Men“ (2003). Bis auf den sehr moralinsauren Schluss.

YP: Dazu fällt mir ein Video ein, Russell Crowe war in der Graham Norton Show, um „Man of Steel“ zu bewerben. Ab Minute 7:18 im Video folgt ein Zitat von Russell Crowe über die Zusammenarbeit mit Ridley Scott an „Gladiator“. Er sagt: „I would never ever recommend to make a movie that way. It’s just the way Ridley likes to make a movie.“ http://youtu.be/xxgj5FBP20Q

PD: Heißt wohl, Scott vertraut in Drehbuchfragen Russell Crowe und McCarthy. Deiner Lese-Erfahrung nach ist ja nicht gar so viel anders im Drehbuch von McCarthy denn im Film. Er war aber zu ängstlich, sich ein wenig vom Drehbuch zu entfernen bzw. dieses zu überarbeiten.

YP:. „Gladiator“ war 1999. Vielleicht hat er seitdem seinen Arbeitszugang geändert. Abgesehen davon hatte er ja bei „The Counselor“ ein 200 Seiten Manuskript in den Händen, also ganz so wie bei „Gladiator“ wird es nicht gewesen sein.

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