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Vor mittlerweile 25 Jahren eroberte das Road-Movie „Thelma & Louise“ die Kinoleinwände. Dass die Befreiung aus den Fesseln männlicher Unterdrückung ausgerechnet von Macho-Regisseur Ridley Scott in Szene gesetzt wurde, ist nur eine von vielen subtilen Pointen, die dieser Film für sich beanspruchen kann. Doch wie wirkt die Reise der beiden Frauen heute? Was hat sich seitdem in der Kinolandschaft verändert?

PD: Als Filmliebhaber war es natürlich eine gewisse Pflicht, sich einmal „Thelma & Louise“ anzusehen. Doch abgesehen von ein paar prominenten Momenten, die auch ausgiebig parodiert wurden (mir gefällt heute noch die „Simpsons“-Parodie ausgesprochen gut), blieb nicht allzu viel hängen. Heute, sicher ein gutes Jahrzehnt nach meiner letzten Begegnung mit diesem Film, überrascht mich vor allem der bissige Humor, den man zu sehen bekommt.

YP: Das ist ein absoluter Kultfilm. Verglichen mit irgendeinem Testosteron-gespickten Blödsinn aus dieser Zeit, ist das eine Perle. In den 90ern war der ausgesprochen wichtig für mich. Und ich betrachte diesen Film nach mehr als einem Jahrzehnt wieder, fällt auf, wie stimmig und gut gemacht der einfach ist. „Blade Runner“ hin oder her, aber neben „Alien“ ist das für mich DER frühe Ridley Scott-Film. Hier stellt er sein unumstrittenes Talent wieder zur Schau. Wir haben Ridley Scott an dieser Stelle öfter besprochen, u.a. bei „The Counselor“ und „Exodus: Gods and Kings“. Die Bezeichnung Macho-Regisseur gefällt mir trotzdem, auch wenn es eine Handvoll Scott-Filme mit sehr guten weiblichen Protagonistinnen gibt.

PD: Nun ja, so weit möchte ich da nicht gehen. Abgesehen von Ripley in „Alien“ und „Thelma & Louise“, fallen mir keine wirklich starken Frauen in seinen Filmen ein. Die sind doch zumeist von starken oder charismatischen Männern geprägt. Selbst in „Prometheus“, wo Noomi Rapace und Charlize Theron sehr viel Arbeit auf sich geladen bekommen, ruht der Blick meist auf Michael Fassbender.

„Thelma & Louise“ sehe ich auch gar nicht als ultimativen Scott-Film, sondern vielmehr als ultimativen Susan Sarandon- und Geena Davis-Film. Die Darbietung der beiden hat mein Bild von ihnen als Schauspielerinnen sehr geprägt. Es erschien mir dann nur logisch, dass sich vor allem Susan Sarandon auch privat politisch engagiert. Ihre Rolle als selbstbewusste Kellnerin Louise schien mir, wie ein Weckruf. Dass sich die Rollen der beiden Frauen im Laufe der Handlung geradezu umkehrt, wurde mir erst bei der erneuten Ansicht des Filmes bewusst.

YP: Da ruht vielleicht dein Blick auf Fassbender (der für mich in einer Nebenrolle auftaucht), aber die Story wird von den beiden Protagonistinnen Noomi Rapace und Charlize Theron getrieben und beherrscht. Ohne groß über „Prometheus“ reden zu wollen – mir gefällt der Film ganz und gar nicht, ist doch irgendwie herrlich, wie hier die männlichen Blinkwinkel auf den Kopf gestellt werden: Theron spielt die Tochter, die nie genug Aufmerksamkeit von ihrem Vater bekommen hat – und der wiederum David (Fassbender) – eine recht billige Kopie von ihr – als Künstliche Intelligenz schafft. Interessant fand ich vor allem, dass Fassbender einen Roboter gespielt hat, aber recht erinnerungswürdig war die Performance nicht.

Aber genau das will ich damit sagen. Für mich ist Scott DER Macho-Filmemacher, der sich dem chauvinistischen Hollywood-System nicht nur fügt und beugt – er profitiert sogar davon. Er macht keinen Hehl draus. Und die wenigen Filme von ihm, die ich herausstreichen will, haben nichts mit diesem Bild zu tun, z.B.“Alien“ oder „Thelma & Louise“. „The Counselor“ war eine seiner filmisch aufregendsten Arbeiten der letzten 10, sogar 20 Jahre – darin stiehlt Cameron Diaz allen die Show.

PD: Dennoch stehen bei „Thelma & Louise“ mehr die beiden Protagonistinnen im Zentrum und weniger Scotts Beitrag. Wenn man heute Interviews und Beiträge über das „Erbe“ dieses Films liest, erscheint es geradezu unmöglich, nicht auch den feministischen Standpunkt wahrzunehmen. Dabei ist es vor allem amüsant zu sehen, wie die Männer nacheinander demontiert werden. Sei es der gewalttätige Ehemann von Thelma, der ständig Anzüglichkeiten hinaus posaunende Trucker oder der Justizapparat. Alle werden sie regelrecht vorgeführt oder ihre Machtposition durch ihr lächerliches Gehabe unterminiert. Da sich dies auch noch in einem zutiefst männlich geprägten Genre abspielt, liegt gerade darin immer noch der subversive Charme des Films.

Denn im Road-Movie- oder Buddy-Movie-Genre haben wir es meist mit Männern zu tun, die mit ihrem bestimmten Auftreten die zögerlichen Obrigkeiten dumm dastehen lassen. Frauen sind in diesem Konzept meist nur hinderlich oder schmückendes Beiwerk.

YP: Das kann ich alles fast punktgenau unterschreiben. Mir gefiel vor allem auch Harvey Keitels Polizist, der nicht müde wird zu betonen, dass die Frauen in seinen Augen nie eine Chance hatten. Da ich in einer Zeit der spärlichen Protagonistinnen aufgewachsen bin, ist das natürlich ein wichtiger Film für mich gewesen (u.a. auch der zeitlich nahe „Speed“). Betrachte ich den Film heute, bin ich voller Bewunderung. Und das ist ein Sarandon und Davis-Film. Demontiert werden die männlichen Figuren aber nicht gänzlich. Die beiden Frauen leben in einer männlich dominierten Welt, in der sie zurechtkommen müssen. Darin ist das Männerbild ist aber sehr divers und keineswegs schwarzweiß. Für mich ist die Verfolgungsszene bis zum berühmten Schluss symbolisch sehr anschaulich dargestellt: es gibt kein zurück mehr.

PD: Keitel spielte den einzigen männlichen Charakter, der auch so etwas wie Verständnis für die beiden Frauen hatte. Sein Zugang zu seinem Beruf und zu den Ermittlungen und auch das Finale, erinnerten mich auch ein wenig an Clint Eastwood in „A Perfect World“. Die Umstände, unter denen die Charaktere zu ihren Verbrechen getrieben wurden, sind ein ganz wichtiger Bestandteil. Da unterscheiden sich Filme wie „Thelma & Louise“ oder eben auch Eastwoods „A Perfect World“ (mit Kevin Costner als Verbrecher) auch wohltuend von heutiger Action- und Thrillerware, da sie zumindest auch versuchen, die Lebenswelten der Anti-HeldInnen zu beleuchten.

Weniger gefiel mir, dass keine der Frauen auch nur ein klein wenig Hoffnung gegönnt war. Als Thelma mit J.D. (Brad Pitt) eine heiße Nacht verbringt, endet dies natürlich damit, dass er mit ihrem Geld verschwindet. Natürlich passt das grundsätzlich in das Konzept und Thelma beginnt ab diesem Zeitpunkt auch langsam mehr die Initiative zu ergreifen, dennoch hat es mich gestört.

YP: Am Anfang hat mich Thelmas Naivität sehr gestört. Sie schlittert mit ihrer kreativen Problemlösungsorientiertheit in die Kriminalität. Da fällt sie damit das Urteil zur Flucht für beide, bei dem Mord hätte man wenigstens auf Notwehr gehen können, aber der Raubüberfall war natürlich endgültig. Es ist aber dann beeindruckend, wie sie ihr Leben in die Hand nimmt und dabei auch Louise mit offenem Mund schauend zurücklässt.

PD: Darin liegt auch eher die Stärke von „Thelma & Louise“. Im Schauspiel. Die Handlung von Callie Khouri stellt die Geschlechterkonventionen auf den Kopf, die Inszenierung ist flott und bietet zudem schöne Landschaftsdetails, aber der Film ist eindeutig geprägt von Susan Sarandon und Geena Davis.

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