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Der Film des japanischen Regisseurs Akira Kurosawa gilt als Meilenstein der Filmgeschichte. Wer ihn gesehen hat, den wird das natürlich nicht wundern. Das allein ist Anlass genug, um „Rashomon“ an dieser Stelle zu besprechen.

YP: Worüber ich mich wundere, warum gibt es nicht mehrere Remakes von „Rashomon“?

PD: Ein Film der eindeutig auf dem „Rashomon-Effekt“ aufbaut, ist Edward Zwicks Militärdrama „Courage Under Fire“ und auch „The Usual Suspects“ nutzt diesen Effekt. Ein richtiges Remake habe ich noch gar nicht gesehen, aber womöglich liegt das auch daran, da Kurosawas Film beinahe perfekt geraten ist.

YP: In diesem Link gibt es Auflistungen mit Remakes und Filmen, die auf allen Werken des Regisseurs Kurosawas beruhen. Sidney Lumet hat in den 60ern eine Version fürs Fernsehen gemacht, aber an die werde ich wohl nicht herankommen, wobei das schon interessant wäre. Das ist schade. Ich kann mir das so gut vorstellen, dass man diesen Film auch in die Neuzeit adaptiert. Natürlich mit Abweichungen, denn Wertvorstellungen ändern sich mit der Zeit – lässt man einmal die kulturellen Unterschiede beiseite.

PD: Am Remake „The Outrage“ von Martin Ritt, hat Kurosawa übrigens mitgearbeitet. Es hat zumindest so etwas wie „seinen Segen“.

Fasziniert hat mich ein Gedanke, der mich die ganze Zeit verfolgte: Wer sagt uns, dass die Ereignisse im Film, beim „Rashomon Tor“ überhaupt so geschehen, wie sie uns präsentiert werden? Der Film zeigt verschiedene Berichte eines einzigen Ereignisses und jeder behauptet, die Wahrheit zu erzählen. Wer sagt also, dass Kurosawa in seinem Überbau die Wahrheit präsentiert?

YP: Jede Perspektive, sei es die vom Samurai, die seiner Frau, die vom Holzfäller, oder die vom Dieb, vom Mönch, von der Kamera – jede Perspektive ist beeinflusst, durch Subjektivität der Person, durch persönliche Interessen, Moralvorstellungen, Werte usw. Nichts ist greifbar, die Wahrheit hört mit dem Ende des Films nicht auf. Der Zuschauer spinnt ja das Netz weiter.

PD: Genau das gefällt mir so sehr daran. Es geht in Kurosawas Arbeit gar nicht darum, wer nun der Täter ist oder wie sich die Ereignisse zugetragen haben. Es ist mehr eine Frage nach den Motiven der einzelnen Personen, weshalb sie erzählen, was sie erzählen.

YP: Und vor allem – da es sich beim Film um ein audiovisuelles Medium handelt: wie sie gezeigt werden.

PD: Sehr interessant fand ich den minimalistischen Stil. Die Gerichtsverhandlung ist aus einer starren Kameraperspektive in einem kaum wahrnehmbaren Setting angesiedelt. Während die Ereignisse im Wald sehr naturalistisch wirken.

YP: Dann kommen darin auch nur ein Dutzend Personen vor. Gezeigt werden trostlose Gegenden, dann immer wieder das Spiel der im Wind tanzenden Blätter, die Schatten werfen, auf den Boden, die Figuren. Der Fokus liegt natürlich auf der Kamera und in den Bildern.

Wobei ich während des Sichtens hin- und hergerissen war zwischen der Story und der Optik.

PD: Die Optik unterstützt die komplexe Erzählweise von Kurosawa. Die Handlung selbst finde ich gar nicht so komplex. Das ist etwas, was viele Filme, die den „Rashomon-Effekt“ nutzen, niemals wirklich durchdenken. Die Nachahmer erzählen eine Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln und am Ende gibt es das komplette Bild. Dabei ist bei Kurosawa das komplette Bild, die aufgelöste Handlung völlig nebensächlich.

YP: Das ist ein sehr gut beobachteter Aspekt: Erzählung versus Handlung. Und die Erzählung geht Hand in Hand mit der Kameraführung, wobei die Handlung nur den losen Rahmen darstellt.

PD: Wobei die Kameraführung sich auch von Setting zu Setting unterscheidet. Im Wald ist die Kamera sehr mobil, sehr in die Bewegungen der Charaktere eingebunden. Selbst die etwas unspektakulär wirkende Kampfszene hat so eine eigene Charakteristik. Bei der Gerichtsverhandlung ist die Kamera aber meist starr, da auch die Zeugen sich nur wenig bewegen, außer wenn das Medium sich zu Wort meldet. Da folgt die Kamera den fließenden Bewegungen.

Beeindruckt hat mich vor allem auch das Licht. Die düsterste Szenerie in „Rashomon“ ist ja merkwürdigerweise das Tor, an dem die Erzählung ihren Ausgang nimmt.

YP: Die Stimmung wird natürlich auch vom herunterprasselnden Regen beherrscht. Nicht umsonst hört es gegen Ende hin auf zu Regnen und die Sonne bahn sich ihren Weg durch die Wolken frei, wenn der Holzfäller mit einem Lächeln auf dem Gesicht mit dem Baby davongeht.

PD: Das ist der optimistische Abschluss einer durch und durch negativen/nihilistischen Geschichte. Die Unschuld des Kindes, das Opfer welches der schuldbewusste Holzfäller auf sich nimmt …

YP: Wobei mich bis zum Ende hin die Frage nach der richtigen Version der Geschehnisse NICHT verfolgt hat. Vielmehr habe ich die inszenatorischen Errungenschaften bewundert. „Rashomon“ ist eine Ode auf das Filmemachen und zeigt die Kunst des filmischen Geschichtenerzählens.

PD: Bei der erstmaligen Betrachtung habe ich sehr wohl darauf gewartet, dass am Ende alles in einer finalen Sicht erklärt wird. Das ist vielleicht auch eine der Hürden, die der Film heute bei einem den Film erstmals entdeckenden Publikum, überwinden muss. Man ist so sehr daran gewöhnt, dass ein Ereignis aus verschiedenen Blickwinkeln, am Ende die richtige Version hervor bringt, dass man ausgerechnet bei „Rashomon“ am Ende ohne diese Auflösung dasteht.

YP: Dann hast du zu konventionell gedacht …

PD: Bei der erstmaligen Betrachtung? Auf jeden Fall. Ich war auch zu sehr von „Yojimbo“ und „Die sieben Samurai“ geprägt. Ich wartete ständig darauf, dass Toshiro Mifune eine große Kampfszene hat. Diese fällt dann erfreulich zurückhaltend aus.

YP: Irgendwann kommt der Satz: „It’s human to lie“. Ein menschliches Grundbedürfnis. Eine universelle Notwendigkeit.

PD: Ein wunderschöner Satz.

YP: Mich erinnerte die Kampfszene mehr an ein Ringen als an einen leichtfüßig choreografierten Schwertkampf.

PD: … und auch hier gilt es wohl eine Hürde zu überwinden. Ich habe viele Kommentare gelesen, in denen Kurosawa-Bewunderer ein wenig enttäuscht reagierten, da die packenden Kämpfe aus seinen berühmten Filmen (oder Spätwerken wie „Ran“) fehlten.

Heute wirkt „Rashomon“ vielleicht nicht mehr ganz so schockierend wie 1951, aber die hohe Qualität ist trotz der ganzen Nachahmer immer noch geblieben. Oft leiden die Filme ja sehr unter ihren Nachahmern.

YP: Wie weit im Werk Kurosawas würdest du „Rashomon“ einstufen? Da ich sehr wenig von ihm kenne, muss ich dich fragen.

PD: Ich kenne auch sehr wenig. Kurosawa hat bei 30 Filmen Regie geführt und ich kenne davon sieben. Von diesen sieben Filmen ist es wohl der komplexeste.

Lustigerweise sehe ich allerdings sein sehr spät entstandenes „Ran“ noch eine Spur über „Rashomon“ und „Yojimbo“. Wohl weil er sich da an „King Lear“ wagte, und ich eine Schwäche für Shakespeare habe.

YP: Mir fällt noch ein Satz ein, den ich unbedingt zitieren muss: „I don’t care if it is a lie as long as it’s entertaining“. Das sagt der Arbeiter am Rashômon Gate zum Holzfäller und zum Priester. Dieser Arbeiter steht für mich eindeutig auch für das Kinopublikum und hier ist auch die gesamte Unterhaltungsindustrie zu verstehen: Lass dich einfach darauf ein, Lüge hin oder her!

PD: Dem kann man nur zustimmen. Dabei ist der Arbeiter gar kein sympathischer Charakter. Er drängt den Priester und den Holzfäller dazu, dass sie mit der Geschichte heraus rücken und hat dann auch oft abfällige Kommentare parat.

YP: Nein, aber er bekennt sich zum Lügen, zum Stehlen. Diese Charaktermängel machen ihn erst menschlich. Sein moralischer Kompass ist dem des Publikums wohl nicht unähnlich. Er wägt ab, stellt fragen, hinterfragt usw. Ihm haben wir es zu verdanken, dass wir die Geschichte(n) erzählt bekommen.

PD: Damit gibt Kurosawa dem Publikum aber kein sonderlich sympathisches Bild. Nicht, dass ich das nicht unterhaltsam finden würde, aber es ist eben kein sympathischer Charakter, der eben auch unangenehme Wahrheiten ausspricht. Etwa am Ende der Handlung, wenn er die Motive des Holzfällers hinterfragt.

Was mich zu Beginn ein wenig irritierte, war die theatralische Darstellung. Vor allem Toshiro Mifune überzeichnete seinen Samurai. Erst mit der Zeit lässt man sich mehr auf diese gekünstelte Art ein.

YP: Aber alle waren ein wenig übertrieben. Die Gesten, das Geschrei. Witzig auch die aufgezeichneten Augenbrauen der beiden Frauen im Film.

PD: Eben, das war zu Beginn ein klein wenig irritierend. Der ganze Film hatte zum Teil eine gewisse Stummfilmästhetik.

YP: Obwohl aus 1950.

PD: Dennoch gab es sehr viele geradezu stumme Passagen und hätte man den Ton entfernt, wäre das Spiel der Darsteller wohl nicht viel anders wahrgenommen worden, wie jenes von Stummfilmdarstellern.

YP: Mir kam es stellenweise schon zuviel vor, aber eine Verbindung mit dem Stummfilm kam mir nicht in den Sinn.

PD: Zuviel war mir nur die Passage mit dem Medium.

YP: Ach, diese Geisterbeschwörung und der Tanz. Vergiss bitte nicht, es ist eine andere Kultur, andere Religion, andere Epoche.

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