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Mit „Frances Ha“ erschafften Noah Baumbach und Greta Gerwig einen Charakter, der weltweit die Independent-Szene in zwei diametral gegenüberliegende Lager teilte. Ist die Darstellung einer noch unsicher durch ihr Leben watenden Mitzwanzigerin authentisch, oder doch nur aufgesetztes Kunstkino? In unserem neuesten Dialog unterhalten wir uns über die unterschiedlichen Auffassungen zu diesem Kritikerliebling und auch über die unvermeidlichen Vergleiche mit dem HBO-Serienhit „Girls“.

Wie beinahe schon üblich, beinhaltet auch dieser Dialog wieder einige Spoiler.

YP: Was mir zu Beginn des Films aufgefallen ist. „Frances Ha“ hat durch die schnellen Schnitte und die vielen aufeinanderfolgenden Einstellungen einen Videoclip-Charakter. Musikbegleitung drüber und fertig ist das Musikvideo.

PD: Schön, dass du das gleich zu Beginn erwähnst, denn darin liegt für mich ein ganz großes Problem. Nicht dass es wie eine Abfolge von Musikvideos wirkt, sondern, dass es eher wie ein Imagevideo oder ein Show Reel für Greta Gerwig. Dabei möchte ich anmerken, dass sie dieses hervorragend zu nutzen weiß.

YP: Nein, so sehe ich das nicht. Wie schnell und kurzweilig die Geschichte voranschreitet, das empfand ich eher als positiv. Und es gelingt dem Publikum (zumindest mir), sich (mich) an die Figuren zu gewöhnen. Beispielsweise Frances, ihre beste Freundin Sophie, dann der von Adam Driver gespielte Mitbewohner. Mit allen kann man sich eigentlich anfreunden. Wie auch ihr Weihnachtsurlaub bei ihren Eltern daheim schnell abgefertigt wurde, das war einfach klasse.

PD: Anfreunden? Da ging es mir ganz anders. Ich konnte mit kaum einem Charakter wirklich etwas anfangen. Jeder dieser Charaktere war angefüllt mit betont humorvollen Neurosen oder Eigentümlichkeiten. Etwa Benji dessen Mantra „undateable“ spätestens nach der zweiten Wiederholung sehr aufgesetzt klang.

Zudem schien mir Adam Driver, so gern ich ihn als Schauspieler habe, einfach nur eine aufgewärmte Version seines Charakters aus „Girls“ zum Besten zu geben.

YP: „Mit den Charakteren anfreunden“ bedeutet für mich: Ich habe ein paar Jahre im Studentenwohnheim gelebt, mir sind immer wieder die verschiedensten Menschen über den Weg gelaufen. So kommt mir der Film vor. Einerseits eine Reise in die eigenen Vergangenheit, andererseits wieder ganz neue Figuren, die es zu entdecken gilt. Das mit Benjis „undateable“ ist darauf zurückzuführen, dass er offensichtlich ein Faible für Frances hat und damit nicht umzugehen weiß, aber auch wieder nicht wirklich weiß, wie er sich ihr annähren soll. Das fand ich eher süß.

PD: Ich habe auch einige Jahre im Studentenheim gelebt und erkenne auch einige Charaktere wieder, aber sie sind viel zu oberflächlich gestaltet.
An Frances gewöhnt man sich, denn man verbringt ja keine Sekunde des Films ohne sie. Dadurch war man fast gezwungen sich an sie zu gewöhnen. Das wurde durch das tolle Spiel von Greta Gerwig auch erleichtert, aber der Charakter von Frances war mir nicht sympathisch. Das Tanzen durch die Straßen von New York etwa, wirkte auch so aufgesetzt. In solchen Momenten dachte ich mir immer: Ja, das passiert nur im Film.

YP: Die Figuren in „Frances Ha“ finde ich prinzipiell zugänglicher als die Figuren aus „Girls“. Aus dem Grund, weil ich die Figuren in „Girls“ einfach so abgehoben finde. Das ist dann für mich weniger nachvollziehbar, und weitaus weniger Identifikationspotential vorhanden. Wobei in „Frances Ha“ erkenne ich Mitmenschen, Situationen, Gespräche aus meinem eigenen Leben wieder.

PD: Interessant, denn ich finde die Figuren in „Girls“ und „Frances Ha“ geradezu austauschbar. Nur dass Lena Dunham ihren Charakteren mehr Tragik zugesteht und auch mehr Drama. Bei Noah Baumbach und Greta Gerwig besteht das Leben rund um Frances aus ein paar humorvollen aber belanglosen Gesprächen.

Was mich an den Charakteren so stört, ist, dass sie rein auf gewisse Eigentümlichkeiten herunter gebrochen werden. Adam Driver ist der Frauenheld, Benji der Typ der „undateable“ sagt und so weiter. Selbst Frances bleibt völlig hohl. Es dreht sich alles darum, dass man sich in der Situation hoffentlich wieder findet, dabei ist das Rundherum völlig leer.

YP: Die meisten Freundschaften im Studentenwohnheim waren oberflächlich. Von 100 Leuten, die ich dort getroffen habe, habe ich noch mit max. fünf Kontakt. Also passte diese Darstellung auch gut für mich. Manche Menschen sind austauschbarer als andere.

Und dieses Faseln und Geschwafel („mumblecore“), ist  zwar irre peinlich und total schlimm, aber ich habe das am eigenen Leibe einfach so oft miterlebt. Darum trifft der Film auch den Nerv dieser Zeit. Und so treffend. Pointiert.

PD: Nur bleiben Frances und ihre Freundin Sophie genauso oberflächlich.

YP: Was Frances und Sophie betrifft: Da ist die Phase der Verbundenheit, und irgendwann lebt man sich auseinander, weil das Leben einen auseinanderdriftet.

Eines muss ich sagen, mir hat Sophie – als die „Erwachsene“ von den beiden – fast genauso leid getan wie Frances, die ihr Leben noch nicht so ganz genau herausgefunden hat.

PD: Mir taten weder Frances noch Sophie leid, denn außer ein paar unangenehmen und auch peinlichen Begebenheiten, ist nichts von allzu großer Tragik passiert. Frances betont zwar immer, wie arm sie ist, später reist sie aber dennoch einfach mal kurzentschlossen nach Paris zu einem Kurztrip.

Es ist alles von erschreckender Belanglosigkeit. So wie auch der Weihnachtsbesuch bei den Eltern. Der zog, so wie Baumbach den ganzen Film inszeniert, schlicht an mir vorbei, ohne einen großen Eindruck zu hinterlassen, außer dass die Eltern sich offenbar mit ihr verstehen.

Da habe ich mit Baumbachs Zynismus in „Greenberg“, ein viel abgründigerer Film mit einer ebenso tollen Rolle für Gerwig, viel mehr anfangen können.

YP: Ich habe keinen anderen Film von Baumbach gesehen. Also kann ich keine Vergleiche ziehen.

Ausgesprochen gut gefällt mir der Film auch deswegen, weil er eine – meine – Generation einfängt.  So wie eben die Serie „Girls“. Es werden junge Menschen gezeigt, die sich verdammt schwer tun, sich in Schubladen und Muster hineinpressen zu lassen. Auch der Zustand des „Schwebens“ wird nicht so verteufelt … oder eben doch. Wie auch immer. Für mich ist das ein konkretes Abbild meiner Generation.

PD: Dieses Abbild erkenne ich ganz und gar nicht. So sehr ich mich theoretisch mit den Wirrnissen identifizieren müsste, erscheint mir alleine die Machart des Films völlig ungeeignet dafür dies auch stimmig einzufangen.
Alleine die weich gezeichnete Schwarzweiß-Fotografie, die an Francois Truffaut und Woody Allen erinnern soll, sagt jedoch mehr über den Filmemacher aus, als über die Charaktere die im Film zu sehen sind. Da kann ich mit den Figuren aus „Girls“, auch wenn ich mit deren Lebensentwürfen wenig gemeinsam habe, viel mehr anfangen.

YP: Woody Allen hat in „Annie Hall“ und „Manhattan“ nichts anderes gemacht, als über Leben und Liebe zu schwafeln. Bloß war Woody Allen Ende 30, Anfang 40 und hat sich seine Depression eingestanden. In Frances erkenne ich einen Charakter, der seine Depressionen NICHT zum Thema machtl. Das ist in gewisser Weise überaus charmant. Wie eben erst kleine Dinge und auf den ersten Blick unbedeutende Dinge das gesamte Leben umkrempeln können und es nicht immer irgendwelcher weltbewegenden Situationen bedarf.

PD: Na ja, das meine ich ja auch. Baumbach inszeniert den Film in dieser Art und Weise à la Woody Allen und à la Nouvelle Vague, da er schlicht an die nostalgische Erinnerung an diese Art von Filmen anknüpfen möchte.

YP: Ich liebe die Serie „Girls“, aber Hannah Horvath (Lena Dunham) ist eine privilegierte junge Frau. Sie hält sich zwar in diesem Café auf, aber arbeiten sieht man sie selten. Frances wiederum muss für ihre Miete arbeiten. Das ist in „Girls“ einfach zu nebensächlich, es erinnert mich manchmal zu sehr an „Sex and the City“. Niemand arbeitet. Oder nur nebensächlich. In „Frances Ha“ ist das schon ein Thema.

PD: Die Miete ist tatsächlich Thema, aber wie ich schon vorher kurz erwähnte. Frances spricht sehr viel darüber, dass sie arm ist und sich nicht einmal die Miete leisten kann. Dennoch sieht man sie so gut wie nie arbeiten und auf Teufel komm raus fliegt sie mal nach Paris. Sie mag nicht dem privilegierten Elternhaus von Hannah entstammen, aber in „Girls“ wird Hannah von ihren Eltern sehr deutlich darauf hingewiesen, dass sie die Tochter nicht länger durchfüttern können.

Woher Frances, obwohl sie ja kaum arbeitet, ihre finanziellen Reserven schöpft, bleibt völlig unklar.

YP: An den Lebensumständen, den unausgegorenen … Keine Wohnung, jobmäßig sehr schlecht unterwegs, ihre Beziehungen sind nebensächlich.

PD: Dass die Beziehungen nebensächlich sind, fand ich schön. Das Gespräch mit ihrem Freund und der Anschaffung zweier Katzen war herrlich. Das war toll gespielt und geschrieben.

YP: Weil sie sich wegen Paris so verschuldet hat, muss sie ihre Eltern um Geld bitten, zudem nimmt sie deshalb diesen furchtbaren Sommerjob an. Paris war eine Kurzschluss-Reaktion, die bittere Folgen hat. Und man sieht sie ständig arbeiten: Tanzen und Choreografieren.

PD: Die Details wie sie zu Geld kam, finde ich, liegen nicht so klar offen. Sie hat Gespräche mit ihren Eltern, die bleiben aber eher vage.

Man sieht sie übrigens nicht ständig arbeiten. Sondern zumeist tanzen. Erst als sie an ihrem alten College nicht mehr mittanzen darf, ist auch tatsächlich so etwas wie ein emotionaler Tiefpunkt zu spüren. Die Choreografie kommt ganz am Ende, wenn sie ihren Weg gefunden hat und die Erzählung zum Abschluss kommt.

YP: Sie unterrichtet junge Mädels beim Ballett, da sieht man sie öfter. Und Geld ist ständig Thema. In einer Tour. Dass sie nicht nach Tribeca ziehen kann, dass sie statt 1200 Dollar Miete nur 900 zahlt, dass sie eine Steuerrückzahlung bekommt, dass sie noch nie in Europa war, usw.

PD: …aber das sind Kleinigkeiten. Mich hat viel mehr gestört, wie Baumbach den Film inszenierte.

YP: Ok, die Inszenierung ist sicher gewöhnungsbedürftig, aber das fand ich dann wieder originell!

PD: Merkwürdigerweise empfand ich das nicht so. Das mag am Stil von Baumbach gelegen haben. Die Ereignisse zogen einfach an mir vorbei, ohne dass sie einen Eindruck hinterließen.
Originell fand ich das nicht.

YP: Gibt es etwas, was dir eigentlich gefallen hat am Film?

PD: Was mir gefiel war Greta Gerwig. So gewöhnungsbedürftig ich den Film fand, konnte ich keine Sekunde daran zweifeln, einer eindrucksvollen Performance zuzusehen. Dass ich ihren Charakter nicht toll fand (und jenen fast aller Nebenfiguren ganz und gar nicht), mindert in keiner Weise ihre darstellerische Leistung.

YP: Ich konnte keinen Charakter wirklich ausstehen, manche Gespräche haben bei mir ziemliches Unwohlsein verursacht, ich fühlte mich einerseits ertappt, andererseits mittendrinnen.

PD: Es fehlte jegliche Fallhöhe. In „Frances Ha“ sehen wir eine Frau die nach ihrem Weg sucht, ein wenig auf dem Weg schlingert und am Ende glücklich und zufrieden ankommt.

YP: Hm, interessant. Den Schluss, also mit Wohnung und einem Ziel vor Augen, fand ich dann auch eher: Jetzt beginnt das richtige Leben.

PD: Sie ist vor allem glücklich lächelnd im Büro zu sehen und wohnt ihrer Choreografie bei, zu der sie beglückwünscht wird. Da wirkt sie befreit und gelöst.

YP: Ja, aber nur weil sie sich mit ihrer Zukunft abgefunden hat, nicht weil das Alles jetzt so supertoll ist.

PD: Findest du? Sie hat ja auch kaum Initiative gezeigt, was ihre professionelle Karriere als Tänzerin angeht. Eben weil sie offenbar gar nicht sicher war, ob sie das will.

YP: Was sie will, ist Tänze choreografieren, das kommt in mehr als einem Gespräch heraus. Bloß verfolgt sie dieses Ziel aus Unzufriedenheit nicht. Wahrscheinlich auch, weil sie mit dem restlichen Leben überfordert ist.

PD: Sie will „auch“ choreografieren. In anderen Gesprächen klagt sie darüber, dass sie nicht in dem Bereich arbeitet, in dem sie arbeiten möchte und zwar als Tänzerin.

YP: Das Ende des Films zeigt dann den Beginn des restlichen Lebens von Frances Ha. Kein auflösendes Happy End.

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