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Zum 60-jährigen Jubiläum beschenken die Toho Studios sich selbst und das Publikum mit einer neuerlichen Hollywood-Variante ihres berühmtesten Monsters: „Godzilla“. In den Händen des vormaligen Independent-Regisseurs Gareth Edwards sieht die Riege mit ausnahmslos talentierten Darstellerinnen und Darstellern den monströsen Kreaturen beim Kampf zu. Über die Verzichtbarkeit des menschlichen Faktors, den Weg zum Multimillionen-Blockbuster und „Godzilla“-Regisseur Roland Emmerich sprechen wir in unserem neuen Dialog.

Spoilerwarnung!

PD: Ich war positiv überrascht, dass in „Godzilla“ relativ wenig von Godzilla zu sehen ist.

YP: Das kam auch dem Spannungsaufbau zugute. Wobei das letzte Drittel des Films zweifellos Monster-Bombast-Zerstörungskino war.

PD: Darauf habe ich aber auch lange genug gewartet. Gut zwei Drittel des Films, werden damit zugebracht, den eher weniger interessanten Charakteren dabei zuzusehen, wie sie nicht wissen, was sie tun sollen. Vor allem die ständig zur Schau gestellte Inkompetenz des Militärs war nach einer Weile ermüdend.

Da war es dann auch ein wenig eine Belohnung für das Publikum, am Ende die Monster in Action zu zeigen. Dabei hat Regisseur Edwards ohnehin selten eine Perspektive gewählt, in der man klassisch auf die Monster blickt. Stattdessen sieht man TV-Aufnahmen, den Blick der zur Erde hin stürzenden Fallschirmspringer, den Blickwinkel der sich in U-Bahn-Tunneln flüchtenden Menschen … das war schon kreativ inszeniert.

YP: Mir gefiel, dass das Publikum schon im ersten Drittel von „Godzilla“ merkt, wie viel Liebe im Detail steckt. Da hat Edwards seine Aufgaben ordentlich gemacht und seinen Film auch als Hommage an das Original von 1954 mit lauter Verweisen und Zitaten angelehnt. Mir schien der Plot gut zusammengeschustert.

PD: Als Hommage habe ich das gar nicht gesehen, eher als Fortführung des Originals von Ishiro Honda. Da gefiel mir auch die Einarbeitung des Archivmaterials, welches ziemlich deutlich machte, dass die Atom- und Wasserstoffbomben-Tests nur verschleierte Militäraktionen gegen Godzilla waren.

Richtig gut getroffen hat Edwards die Mischung aus Katastrophen, die man aus der nahen Vergangenheit kennt (Fukushima, Tsunami), und den Bezug zu den Mutos und Godzilla. Exakt in diesem Punkt, ist der neue Godzilla dem Original aus 1954 sehr ähnlich.

YP: Es stockt in der Mitte hauptsächlich wegen der nicht gut herausgearbeiteten Charaktere. Ich weiß, dass es so angelegt war, aber mir fehlten einfach Sympathieträger. Die vielen unzähligen Kindergesichter haben bei mir nicht funktioniert, die haben mich hauptsächlich deswegen irritiert, weil sie so offensichtlich platziert waren. Auch die Familiengeschichte war zu plakativ, zu zerfahren.

PD: Die Kinder haben mich auch irritiert. Der Subplot mit dem im Zug verloren gegangen Kind war einfach unnötig.

Von den menschlichen Charakteren gefiel mir einzig Bryan Cranston als Techniker im Atomkraftwerk. Ansonsten wurden da hervorragende Darsteller geradezu verheizt. Wenn man bedenkt, dass Elizabeth Olsen, Sally Hawkins, David Straitharn und Ken Watanabe die meiste Zeit nur herum stehen und mit weit aufgerissenen Augen in die Gegend schauen, kann man geradezu depressiv werden. Dafür spielt Aaron Taylor-Johnson den oberflächlichen Helden.

YP: Weit aufgerissene Augen und Münder, das hat bei mir ein paar Lacher verursacht. Nachträglich betrachtet war Johnsons Figur des Bombenentschärfers eigentlich total überflüssig. Er war stets der Deus-ex-machina, der IMMER zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Da hätte ich mir mehr von Watanabe und Hawkins gewünscht, aber die waren auch fragwürdig in die Handlung eingebettet.

Dafür fand ich die Einstellungen mit dem Hund, der Echse und dem Wolf richtig gelungen.

PD: Sobald sich Edwards um alles andere als um die Menschen kümmerte, wurde „Godzilla“ richtig gut.

YP: Als Bombenentschärfer gelingt es Johnson dann doch nicht, die Bombe zu entschärfen. Das ist doch einfach nur sehr ironisch.

PD: Das ist mir gar nicht so aufgefallen. Da war ich schon zu sehr daran gewöhnt, dass das Militär ja doch nie etwas schafft und die Sache im Endeffekt nur verschlimmert. Dass Johnson rein zufällig immer an den Orten auftauchte, an denen gerade die Monster wüten, war wirklich komisch.

YP: Der eigentliche Sympathieträger war im Grunde „Godzilla“ – oder wie Watanabes Figur einmal sagt „Gojira“, der ja dann der Weltenretter ist und nicht der Zerstörer.

PD: Das hat mich ein wenig überrascht, dass Godzilla sehr schnell zum „König der Monster“ und Helden wurde.

YP: Aber es ist nicht das erste Mal in der Godzilla-Franchise. Darum auch meine Bemerkung zu Beginn: Da hat jemand seine Aufgaben recht gründlich gemacht.

PD: Es ist eine ziemlich klare Anknüpfung an die bestehenden Godzilla-„Mythologie“, in der aus dem ursprünglich bösen Monster, ein wenig der Beschützer der Menschen wurde.

YP: Ich musste auch öfters an Guillermo del Toros letztjährigen Sommerblockbuster „Pacific Rim“ denken, wobei ich „Godzilla“ sogar eine Spur unterhaltsamer fand.

PD: Darauf wollte ich gerade näher eingehen. Während ich bei „Pacific Rim“ kaum dazu kam, die Action zu genießen, da ich so sehr mit den Logiklöchern beschäftigt war, konnte ich mich in „Godzilla“ ein wenig fallen lassen. Das hat wohl auch damit zu tun, dass die beste Darbietung gleich im ersten Drittel des Films zu sehen ist, und man später mit sehr gut inszenierter Action versorgt wird.

YP: Die Kämpfe zwischen Godzilla und den beiden M.U.T.O.s waren auch wirklich schön schaurig in Weltuntergangsstimmung-Farben inszeniert. Wenn ich an die Szene denke, wo die Militärs vom Himmel fallen, die Rauchschwaden, die zerstörten Gebäude – das war schön anzusehen. Der Schluss hat mich nicht überfallen, weil die Auflösung funktioniert. Aber dann tauchen wieder die Figuren auf und ich denke nur an einen Begriff: plump.

PD: Beim Fallschirmsprung gefiel mir auch, dass die Musik aus der Monolith-Szene aus „2001: A Spacey Odyssey“ benutzt wurde (http://www.youtube.com/watch?v=GPKg2c_bRCs).

YP: Aber seien wir uns ehrlich, es haben ohnehin die CGI-Monster Vorrang in solchen Filmen. Da scheinen mir die menschlichen Darsteller auch nebensächlich. Allerdings ist es auch nachteilig, wenn dann zu viele Fragen aufkommen, das trübt mir dann zu sehr das Sehvergnügen.

PD: Es ist ein Creature Feature. Da will ich auch das Hauptaugenmerk auf dem Monster haben. Gerade deshalb hätte ich nichts gegen eine gekürzte Version. Die 122 Minuten lassen sich aufgrund der schwach ausgearbeiteten Charaktere kaum rechtfertigen.

YP: Die Länge hat mich – vor allem in der Mitte des Films – gestört.

PD: Ken Watanabes einzige Funktion zum Beispiel war es, die Hintergründe der Monster zu erklären, was den Film immer wieder zum Stillstand brachte. Er durfte im Gegensatz zu Sally Hawkins auch ein wenig schauspielern. Hawkins, so wie Elizabeth Olsen oder Juliette Binoche, war anwesend. Allerdings nicht mehr. Eine Stichwortgeberin.

YP: Weiß man schon, was Roland Emmerich zu diesem Film sagt?

PD: Gute Frage. Bislang habe ich noch keinen Kommentar von Emmerich dazu vernommen. Ich bezweifle aber, dass er sich äußern wird. Für Kommentare über die Arbeiten anderer Filmemacher ist er nicht gerade bekannt.

YP: Wobei sein „Godzilla“ schon vergessen ist. Erst heute habe ich mir den Honest Trailer von den Screen Junkies zu seiner Version angesehen: https://www.youtube.com/watch?v=vtzSP8VjkcE

PD: Dass Gareth Edwards von einem 1 Mio-Low-Budget-Film zu einem 160-Mio-Blockbuster gewechselt ist? Das ist ja beispiellos.

YP: Findest du?

PD: Einem Low-Budget-Indie-Regisseur wurde noch nie so ein Budget hinterher geworfen. Dafür musste man sich zuvor immer an „Mid-Budget“-Projekten die Zähne ausbeißen. Etwa Christopher Nolan. Bevor er sich an Batman ranmachen durfte, musste er mit „Insomnia“ beweisen, dass er mit Stars und großem Budget umgehen kann.

Der Weg vom Indie-Regisseur zum Multimillionen-Projekt ist aber dennoch ganz neu. Vor allem da Edwards offenbar ein wenig kreative Freiheit besaß.

Marc Webb etwa, oder alle anderen Regisseure die bei Marvel-Filmen das Regiezepter führ(t)en, sieht man keinerlei eigenen Stil an. Das ist alles völlig anonym inszeniert.

YP: Das ist ein guter Punkt. Darum gefällt mir „Godzilla“ umso mehr, weil Edwards eben nicht „anonym“ inszeniert.

PD: …und da scheint eben auch das Studio sehr viel Vertrauen in Edwards gesetzt zu haben.

YP: Es wird aber nicht in die Hose gehen. Mir scheint, „Godzilla“ ist ideales Blockbuster-Material. Das Kino gestern war rammelvoll, bedenkt man, es war eine Montagsvorstellung in Wien.

PD: Na ja, das hat man damals beim Emmerich auch gedacht, und nach einem tollen Startwochenende, stürzte der Film grandios ab.

YP: Und trotzdem macht Emmerich noch Filme.

PD: Zu seiner Verteidigung: Ich fand „Anonymous“ richtig gut. Überraschend gut.

YP: Da gebe ich dir Recht, der ging aber in die andere Richtung von dem, was er sonst so machte. Mir fehlen irgendwie die Spielberg-Blockbuster, mit denen ich aufgewachsen bin. Der einzige Regisseur auf den Verlass ist, ist Nolan.

PD: Momentan ist Nolan DER Garant für gut gemachten Mainstream.
Spielberg hingegen hat in den letzten Jahren „War of the Worlds“ und „Indiana Jones and the Kingdom of the Crystall Skull“ verbrochen. Da ist es mir lieber, er konzentriert sich auf seine persönlicheren, kleineren Projekte á la „Lincoln“.

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