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Wenn man etwas mit Gewissheit von David Cronenbergs Arbeit behaupten kann, dann dass sie keinerlei Bezug zum Studiosystem in Hollywood hat. Das ändert sich nun mit „Maps to the Stars“, auch wenn Cronenberg – auf Basis eines Drehbuchs von Bruce Wagner – sich auf satirische Wege durch Hollywood begibt. Inwiefern ihm es gelungen ist, die Traumfabrik auf die Schaufel zu nehmen, behandeln wir in unserem aktuellen Dialog.

PD: Für mich hat sich Cronenberg hier ein wenig verhoben.

YP: Ganz und gar nicht, er hat nach den Sternen gegriffen und was er in die Hände bekommen hat, war Sternenstaub. Hollywood-Sternenstaub.

PD: Den man einerseits schon x-mal in anderer Form, teilweise bissiger („The Player“, „State and Main“, „Sunset Boulevard“) zu sehen bekam und der andererseits auch sehr auf der Spiellaune seiner Darsteller ruht.

Beinahe jeder Aspekt des Films, der mir daran gefällt (und es gefällt mir recht viel an „Maps to the Stars“) hängt mit der guten darstellerischen Leistung von Julianne Moore und Co. zusammen.

YP: Die Tatsache, dass die Thematik x-beliebig verfilmt wurde, lasse ich nicht als negatives Argument gelten. Für mich ist „Maps to the Stars“ viel mutiger und dekadenter. Und mir gefällt dieser anfangs noch satirische Ton, der bis zum Schluss hin vollends zum emotinalen Drama um emotional verkrüppelte Seelen wird.

PD: Das ist natürlich oberflächlich betrachtet, aber wenn ein Film eine gewisse Thematik abarbeitet, kann er dem Vergleich nicht entkommen und da zieht „Maps to the Stars“ den Kürzeren. Zumindest was die satirische Komponente angeht.

Es sind nicht sonderlich interessante Klischees die hier durchgearbeitet werden und sie hängen auch ein wenig im Luftleeren Raum. Der Macaulay Culkin-Justin Bieber-Klon, der seinen Agenten wüst beschimpft, die überspannte alte Diva, der Möchtegern-Schauspieler. Da gibt es immer wieder mal ein kurzes Schmunzeln, aber Cronenbergs etwas kalte Inszenierung, nimmt den Szenen die Wirkung.

YP: Es ist doch diese „oberflächliche Komponente“ des Films, die sich als die tiefgründigere erweist. Die Figuren sind affektiert und karikiert und zum Schluss hin schälen sie sich wie Zwiebeln und werden verwundbare. Das geht doch auf und ist sehr auffällig, vielleicht nicht sonderlich überrasched. Ich stimme dir zu, dass der Reiz von den Darstellern ausgeht, aber auch die Figuren an sich sind so ausgearbeitet, dass man über ihre Weltblindheit staunen und lachen muss, bis das Lachen gefriert.

PD: Ach, ich fand gar nicht dass sich die Figuren wie Zwiebeln schälen. Es ereignen sich schlicht die Konflikte, die man vorher sehen konnte. Agatha (Mia Wasikowska) trägt ihre inneren Narben und Konflikte auch noch als Wunden und Narben sichtbar am Körper.

Havana (Julianne Moore) ist von Anfang bis Ende die überspannte Diva, die mit ihren Selbstzweifeln kämpft. Ein tiefer ausgearbeitetes Figurenpersonal konnte ich da nicht erkennen.

YP: Die Sache ist eben: da gibt es nicht viel zu schälen. Das mag schon sein, dennoch trifft es zu.

Nichtsdestotrotz wird man unterhalten, mir gefällt diese Welt unter der Oberfläche, unter dem Glanz, unter dem Glamour. Außerdem noch: es ist alles gelogen, jeder spielt ständig Rollen, jeder will wer sein, der er bzw. sie nicht ist. Wie gesagt, das Lachen bleibt im Halse stecken. Das ist bitterböse und überspielt natürlich – so stelle ich mir das zumindest vor – sehr zutreffend.

PD: Besser funktioniert der Film, wenn er drastisch in die Tragik hinein springt, wo das Lachen nicht mehr gefragt ist, wenn sich die Charaktere gegeneinander wenden. Es ist zwar vorhersehbar, was passieren wird, aber das ist erbarmungslos durchgearbeitet. Hier hat mir „Maps to the Stars“ sehr gut gefallen. Davor hängt es einzig von der Spielfreude von Moore, Wasikowska oder John Cusack ab, wie viel Spaß man hier hat.

Gerade deshalb, weil sich Cronenberg mit seiner Inszenierung in einen Luftleeren Raum begab. Es ist oft kein Ton zu hören, als würde man gar nicht in der realen Welt stehen, sondern einem künstlich erschaffenem Raum. Das gibt den tragischen Ereignissen in der zweiten Hälfte des Films, noch viel mehr Wirkung, während dadurch der Witz in der ersten Hälfte völlig verloren geht.

YP: Eine Frage: Wie viele Filme kennst du, die es als Thema haben, dass eine Frau ab 29 nicht mehr die besten Jobchancen hat?

PD: Da fallen mir auf die Schnelle keine Filme ein. „Der Club der Teufelinnen“ vielleicht.

YP: Ein kleiner Einwand meinerseits: Julianne Moore in ihrer Rolle als Havanna war perfekt gecastet, aber noch besser hätte es mir gefallen, hätte Cronenberg einen gefallenen Stern engagiert.

Eine Schauspielerin, die sich wirklich schwer tut mit dem Comeback. Seien wir uns ehrlich, Julianne Moore gehört zu der begnadeten Handvoll, die immer wieder gute Rollen angeboten bekommt und diese auch spielen kann.

PD: Ohne Zweifel, Moore kann sich die Rollen aussuchen und sie ist gut im Geschäft. Eine Meg Ryan etwa, hätte dem eine doppelbödige Note gegeben.

YP: Tina Fey scherzte über Meryl Streep bei der diesjährigen Golden Globe-Verleihung: „(She’s) so brilliant in ‚August: Osage County,‘ proving that there are still great roles in Hollywood for Meryl Streeps over 60.“

PD: Gibt es eine Rolle die Prestige ausstrahlt, sind Meryl Streep und Helen Mirren die einzigen Kandidatinnen. Darüber hat auch Jessica Chastain vor kurzem gesprochen.

YP: Da habe ich mit „Cosmopolis“ weniger am Hut. Einfach nur, weil er mich mehr langweilte als unterhielt. Hier war ich ganz Ohr.

PD: Das wollte ich gerade anmerken. „Cosmopolis“ hat eine ähnliche Art der Inszenierung, hat mich aber viel mehr gepackt. Der beschäftigt mich teilweise heute noch. Bei „Maps to the Stars“ sind manche Elemente hängen geblieben (Moores Darstellung, der Plan von Agatha), aber insgesamt glaube ich kaum, dass ich noch lange an diesen Film zurückdenken werde.

YP: Eine tolle Anmerkung gab es auch zwischen Havana und Agatha im Film – in der Szene in der Toilette. Als Agatha Havana von ihrem Freund erzählte und diese meinte, er sei Schauspieler und Autor, fragte Havana: Was macht er beruflich?

PD: Das sind eben die kleinen Momente, die mich schmunzeln ließen.

Der letzte Akt war hingegen, und da stehle ich jetzt von britischen Rezensionen, voller sardonischem Humor. Das unterhielt und faszinierte mich weit mehr, denn die Darstellung des Hollywood-Zirkus.

YP: Natürlich, da kommt dann die Tragödie hinzu. Eine Tragödie die sich mit griechischen Vorbildern durchaus messen kann.

PD: Man sieht deutlich die Vorbilder, die sich Bruce Wagner genommen hat. Allerdings dachte ich weniger an griechische Tragödien, sondern mehr an Cronenbergs eigene Filme. Die Beziehungen und wie sie sich entwickeln. Da war schon sehr viel von „Crash“ oder „eXistenZ“ zu sehen.

YP: Es gab auch genügend Anspielungen auf Scientology in „Maps to the Stars“.

PD: Ja, die Anspielungen gab es und gibt es seit Jahren in allen möglichen Werken die sich mit Hollywood auseinander setzen. Mir fällt da sofort Terence Stamp in „Bowfinger“ ein.

YP: Wie fandest du John Cusack?

PD: Seine Rolle erinnerte mich sehr an Tom Cruise und seinen Selbsthilfeguru in „Magnolia“.

YP: Tolle Rolle, toll gespielt. Er war so groß in den 90igern, dass er mir im neuen Jahrtausend richtig fehlt. Vielleicht ist Cusack Cronenbergs Antwort auf Moores Havana.

PD: Cusacks Darstellung, seine sehr kalte, distanzierte und berechnende Performance als Guru, hat mir sehr gut gefallen. Er schien seine Familie als Investment zu begreifen, welches bei seiner Lesetour und seinen prominenten Klienten nicht im Weg zu stehen hat.

Es war schön ihn wieder einmal in einer etwas fordenderen Rolle zu sehen, denn seit „High Fidelity“ hatte er eine merkwürdig schlechte Rolle nach der anderen. Seine Karriere ist ein wenig aus dem Ruder gelaufen.

YP: Es ist nicht so, dass er keine Beschäftigung hatte, leider war keine seiner Performances erinnerungswürdig.

PD: Exakt. Ich könnte auf die Schnelle keinen Film nennen, den er ab 2001 gedreht hat, obwohl ich einige davon gesehen hab. Er bekommt noch genügend Arbeit, das tut aber ein Nicolas Cage beispielsweise auch.

YP: Er war ein lustiger Nixon in „The Butler“. Einem sehr vergänglichen Film.

PD: Mir gefiel er in „The Paperboy“.

YP: Moore hat den Preis als Beste Schauspielerin bei den Filmfestspielen in Cannes bekommen. Wie schätzt du ihre Chancen auf eine Oscar-Nominierung ein?

PD: Nicht existent, da der Verleih des Films entschieden hat, diesen erst irgendwann 2015 in den USA in die Kinos zu bringen.

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