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Die Serie „How to Get Away with Murder“ entwickelte sich für den Sender ABC zu einem Sensationserfolg. Angeführt von Viola Davis als kompromisslose Anwältin und Universitätsprofessorin Annalise Keating, wird man in ein verworrenes Mord- und Rechtskomplott hineingezogen. Wir werfen einen Blick auf die 1. Staffel des TV-Hits.

PD: Eine Sache gefiel mir bei „How to Get Away with Murder“ auf Anhieb, und zwar dass die meist nur in Nebenrollen zu sehende Viola Davis eine derart starke Hauptrolle zu spielen bekam.

YP: Tatsächlich wurde die Figur der Annalise Keating (Viola Davis) erst langsam eingeführt. Zu Beginn konzentrierte sich die Story auf diese Handvoll Studenten, die unterschiedlicher nicht sein könnten und die es in ihren Kurs schafften. Und überhaupt wie man eigentlich sofort ab der ersten Folge mitten im Geschehen ist und die Story quasi in Rückblenden erzählt wird, tut ihr bestmöglichstes zur Spannung. Das ist aber eine Anwaltsserie nach dem Motto „Traue keiner Person“.

PD: Ihr Auftritt ist ja wohl kalkuliert. Der Mythos der um sie aufgebaut wird, während die Kamera selbst beim Eintreten in den Hörsaal sie zunächst nicht zeigt. Wenn sie dann den Titel der Serie auf die Tafel geschrieben und sich selbstbewusst in die Kamera gedreht hat, weiß man ohnehin, wer der wahre Star hier ist. Da können die ein wenig hektisch eingeführten Studenten nicht mithalten. Als Anwaltsserie funktioniert „How to Get Away with Murder“ aber kaum. Das Jus-Studium und die einzeln eingstreuten Fälle dienen nur zur Ablenkung von der Haupthandlung, die ja immer wieder mit Vor- und Rückblenden aufgebaut wird.

YP: Als konservative Anwaltsserie funktioniert die Serie nicht, hier werden auch Genregrenzen verwischt, vor allem da die Erwartungen des Publikums stets übertroffen werden. Und mit jeder Folge kommt das Bröckeln der Fassade Keatings. Sie hat einen Liebhaber, während sich ihr weißer Ehemann mit einer Studentin vergnügt, die dann spurlos verschwindet. Eine der besten Szenen im Film ist, wenn sie ihre Perücke und die Maske abnimmt und in ihrer Verwundbarkeit vor dem Spiegel steht. Diese stille Szene war für mich auch ein Gänsehautmoment in der gesamten Serie.

PD: Schön, dass du diesen Moment ansprichst, denn die große Stärke liegt ja vor allem im Charakter von Annalise. Wenn sie sich mit ihrem Mann streitet, oder mit ihrer Mutter über ihre verleugnete Herkunft (inklusive geändertem Vornamen) und aktuellem ansehnlichen Lebensstil diskutiert, gelangt man ein wenig an den Kern dieses Charakters. Was Annalise antreibt, treibt auch die Serie an. Hingegen konnte ich nur selten wirklich Interesse für die dargebrachten Fälle aufbringen.

Gerichtssaaldrama und Thriller werden zwar schön miteinander verwoben, aber das Einarbeiten eines anderen Genres in den Gerichtssaal haben wir doch schon häufiger gesehen. Etwa bei Produktionen von David E. Kelley („Boston Legal“). Wenn es rein um die Darstellung der Arbeit am Gericht und rund um einen Fall geht, dann sind „American Crime Story: The People v O.J. Simpson“ oder „Murder One“ bessere Serien, die man sich ansehen kann.

YP: Die Werbung für „How to Get Away with Murder“ geht aber klar in die Richtung, dass alles um die Protagonistin herum aufgebaut wird. Die Mordfälle erscheinen dann tatsächlich nur am Rande, vielmehr stehen hier die persönlichen Beziehungen der Figuren untereinander im Mittelpunkt. Was mich auch gar nicht stört, das begrüße ich sogar. Denn hier haben wir es mit starken Figuren zu tun, die alle irgendwo Leichen im Keller vergraben haben.

Die Serie hat auch ein unglaublich schnelles Tempo. In einer Folge passiert sehr viel. Verpasst du eine Folge – was dank Streaming-Dienst natürlich nicht so schnell passiert, bist du schon zu weit im Geschehen fortgeschritten.

PD: Die starken Charaktere sehe ich nicht. Eher eine Ansammlung verlässlicher Nebenfiguren, die dem Hauptcharakter auch nicht zu viel Rampenlicht wegnehmen. Die einzelnen kleinen Dramen verblassen aber allesamt im Angesicht des großen Mord-Mysteriums. Das hohe Erzähltempo macht es notwendig, konzentriert zuzusehen, um die Wendungen auch nicht zu verpassen. Andererseits tauchen diese Wendungen derart häufig auf, dass es teilweise schon ein wenig in die Parodie abdriftet. Das Geheimnis rund um Frank (Charlie Weber), der sich am Ende nicht als Anwalt sondern eher als kaltblütiger Killer entpuppt (auch wenn das auch noch nicht die ganze Wahrheit ist), ging mir dann ein wenig zu weit. (willst du wirklich spoilern?)

Unterhaltsam ist das jedoch ohne jeden Zweifel. Da ich aber weder irgendeine Art der Werbung dafür sah (außer man zählt den Emmy für Viola Davis dazu), wusste ich auch nicht wirklich, was ich zu erwarten hatte. Als schwungvolle Thrillerserie ist das schon gelungen, allerdings wäre die Serie ohne die charismatische Darbietung von Davis ein wenig verloren. Das erinnert an andere „Star-Serien“ wie „Shark“ (James Woods) oder „The Blacklist“ (James Spader), die im Guten wie im Schlechten, sehr vom Hauptdarsteller abhängig sind.

YP: Wirklich reizvoll macht die Serie die großartige Darbietung Viola Davis, aber mir sind auch die anderen Charaktere mit ihren Storylines gut in Erinnerung geblieben. Es gab kaum Momente, wo ich mich gelangweilt habe. Für Davis ist das eine fantastische Gelegenheit, eine starke und ungewöhnliche Figur zu spielen, die viele Facetten zeigen kann. Durch das Tempo bleibt die Serie auch schnelllebig und einfach zu konsumieren. Trotz der Länge von ca 45 Minuten eignet sie sich ideal zum Binge-Schauen.

PD: Absolut. Es ist auch sehr schön eine so tolle aber viel zu selten in prominenten Rollen zu sehende Davis hier groß aufspielen zu sehen. Die Serie selbst steht jedoch nicht wirklich außerhalb der aktuellen Markt-Gewohnheiten. Es wird nichts neu erfunden, sondern bereits bekannte Formeln in einer attraktiven und angenehm konsumierbaren Form geboten. Langeweile kommt aber wirklich nie auf, auch wenn mir von den Charakteren bis zum Ende der 1. Staffel keiner sympathisch wurde.

YP: Das ist eben auch das Interessante. Wirklich sympathisch sind mir die Figuren auch nicht. Das sollen sie auch nicht sein, das ist gar nicht beabsichtigt von den MacherInnen. Ich glaube, nur deshalb ist es auch möglich, diese Distanz zu wahren. Da passieren ein paar nicht alltägliche Dinge und darauf muss man sich erst einmal einlassen können. Der zweiten Staffel gebe ich – sofern sie auf Netflix kommt – trotzdem eine Chance.

PD: Dafür sorgt ja auch schon der Cliffhanger am Ende der 1. Staffel. Auch wenn hier kein wirklich sympathischer Charakter vorhanden ist, möchte man doch die weiteren Wendungen und Drehungen der Handlung sehen. Vor allem aber, wie sich Annalise aus diesem Gewebe an Lügen und Täuschungen hinaus manövriert.

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