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Der Kultfilm und Monumentalschinken von David Lean begeisterte ein großes Publikum und inspiriert viele Generationen von Filmemachern bis heute. Die Neufassung ist mit 227 Minuten ganze 9 Minuten länger als die Erstfassung und verlangt dem Publikum eine Menge Sitzfleisch ab. Doch man wird belohnt mit imposanten Bildern und einem unvergleichlichen Score.

YP: Ich bereue es, den Film nicht auf großer Leinwand gesehen zu haben – vor allem, da er erst kürzlich im Gartenbau in der Neufassung lief -, aber ich sehe mich leider nicht vier Stunden in einem Kinosessel sitzen. Zu Hause kann ich das viel dynamischer in Angriff nehmen. Aber es ist schon ein Verbrechen am Film, den nicht im Kino zu sehen. Der hat kaum etwas von seiner Kinomagie eingebüßt obwohl er mittlerweile 54 Jahre alt ist.

PD: Die so genannten „Schinken“-Filmreihe des Gartenbaukinos ist ideal, um sich derartige Monumentalwerke im ansprechenden Rahmen anzusehen. Leider fehlt mir dann auch oft die Motivation, noch dazu an einem Sonntag. Da siegt die Lethargie und man ärgert sich dann, wenn man zu Hause den Film auf dem TV-Schirm sieht. Denselben Groll gegen meinen inneren Schweinehund hege ich auch in Sachen „2001: A Space Odyssey“. Ein ebenso imposanter Film, der das 70mm-Format ausnutzte.

YP: „2001“ habe ich im Kino gesehen, da kann ich mich nicht beschweren. Und bei „Lawrence of Arabia“ fehlte mir die Überwindung. Ich mag Filme, in denen man bereits in den ersten fünf Minuten und anhand der Einstellungen sieht, dass das ein Film für die große Leinwand ist. Eine der bekanntesten und auch beeindruckendsten Szenen ist die, wo Omar Sharifs Figur Sherif Ali in das Filmgeschehen eingeführt wird. Minutenlang reitet er aus der Ferne gezeigt in der Totalen quasi Richtung Publikum, das hinterlässt natürlich Eindruck.

PD: Vor allem die erste Hälfte ist voll mit eindrucksvollen Szenen, geprägt von den grandiosen Kameraaufnahmen von Freddie Young und dem Schnitt von Anne V. Coates. Der Schnitt von Lawrence, wie er ein Streichholz ausbläst hin zum Sonnenaufgang, gehört zu den schönst geschnittenen Sequenzen, die man auf der großen Leinwand sehen kann. Zudem atmet „Lawrence of Arabia“ schon von der Ouvertüre weg den Geist der alten Hollywood-Epen. Filme wie „Gone with the Wind“ oder die Cecil B. DeMille-Filme erscheinen da gleichweitig vor meinem geistigen Auge.

Doch obwohl Lean gerade für diese schwelgerischen Monumentalfilme („Bridge on the River Kwai“, „Lawrence of Arabia“, „Doctor Shivago“) berühmt ist, war bislang das geradezu zurückhaltende „Brief Encounters“ mein sentimentaler Favorit. Erst diese Neu-Sichtung nach vielen Jahren, hat mich wieder von Peter O’Toole und seinem Feldzug überzeugt.

YP: Lean bringe ich aber hauptsächlich mit „Lawrence“ in Verbindung, wobei „Shivago“ und „River Kwai“ aus seinem Werk natürlich auch sehr herausstechen. Abgesehen vom filmischen Ergebnis – dieser Film hat nun mehrere Jahrzehnte überdauert, gehört zu den Filmklassikern schlechthin und kann als Vorbote und Vertreter des frühen opulenten Blockbusterfilms bezeichnet werden – beeindruckt mich die Logistik sehr. Vor allem die Wüstenaufnahmen sind unvergleichlich. Es wurde an Originalschauplätzen u.a. in Jordanien gedreht, die unaufdringliche Echtheit der Aufnahmen gepaart mit der bitteren Kargheit der Wüste ist in jeder Szene zu spüren.

PD: Man vergleiche nur die von dir angesprochene Echtheit, mit Aufnahmen aus „Exodus: Gods and Kings“ oder dem Trailer zum „Ben-Hur“-Remake. Man spürt regelrecht die Computereffekte auf den Zuseher niederprasseln. Bei Lean hingegen, fühlt man sich in die Szenerie hinein versetzt und nimmt an ihr teil.

Interessant fand ich dabei vor allem den Umgang mit den Gewaltszenen. Es gibt so gut wie keine Tötungen in Nahaufnahme. Der Angriff auf den Zug erfolgt aus der Ferne und je näher sie kommen, desto mehr achtet Lean darauf, Exekutionen und Gewalt aus dem Kamerablickfeld zu halten. Erst wenn Lawrence geradezu im Blutrausch versinkt, und seine moralischen Grundsätze aufgibt, erlaubt Lean uns mit ihm in diese gewalttätige Welt einzutauchen. Dann sieht man auch Lawrence wehrlose türkische Soldaten mit Kopfschuss hinrichten. Er dämonisiert seinen Protagonisten nicht, aber er beschönigt auch nicht, wie der Krieg ihn veränderte.

YP: Ich finde es gut, dass du das ansprichst, leider ist Gewaltverherrlichung nicht nur zur Ausdrucksform des gegenwärtigen Kinos geworden, die Toleranzgrenze wird dabei immer mehr überschritten, sogar nach oben gedehnt. Auch ein Quentin Tarantino, der Gewaltszenen reflexiver einsetzt, bedient sich dieser Dramaturgie und des Blutrausches allzu gerne, um das Publikum anzusprechen, nicht nur Szenenimmanent.

Wie du treffend beobachtet hast, wird das von Lean nicht ausgeschlachtet, er bringt eine gewisse Distanz zwischen dem Gezeigten und dem Publikum. Das Drehbuch betreffend gefällt mir die pure Geradlinigkeit – die ich auch synonym zur Wüstenlandschaft sehe. Weil das ein bildgewaltiges Epos ist, spielt die gesamte Seherfahrung eine große Rolle. Der Film kommt auch mit einigen Text- und Wortlosen Passagen aus, ohne an Substanz einzubüßen. Das ist auch einer der Gründe, warum der Film nach so vielen Jahrzehnten noch immer tadellos funktioniert.

PD: Das sind Momente wie aus einem großen Roman, wobei natürlich auch die dazu passende Musik von Maurice Jarre ihren Teil dazu beiträgt. Rückblickend ist es aber auch einfach beeindruckend sich die Performance von Peter O’Toole anzusehen. Man kann heute wohl nur schwer erahnen, wie dieser junge und damals so gut wie unbekannte Brite mit dieser Rolle die Filmwelt eroberte.

Lean ließ es sich natürlich nicht nehmen, O’Tooles blonde Haare und blitzblauen Augen in ebenso blitzblanke Bilder zu tauchen.

YP: Peter O’Toole ist manchmal so weiß, dass er direkt blendet. Und dann bekommt er von Sherif Ali dann auch noch dieses weiße Gewand, welches er statt seiner Soldatenuniform trägt. Die Herkunft seiner Figur spielt im Film eine große Rolle, er wird immer als „Engländer“ bezeichnet. Beruht das Drehbuch auf dem autobiografischen Kriegsbericht „Seven Pillars of Wisdom“ von T. E. Lawerence. Darüber hinaus fiel mir das Casting aber positiv auf. Viele der Darsteller, vor allem die, die türkische oder arabische Figuren spielen, haben einige u.a. eine dunklere Hautfarbe. Heute wird das dermaßen unverschämt ignoriert. Vergleichen wir das mit dem oben von dir erwähnten „Exodus“ von Ridley Scott, fällt nachträglich auf, wie viel Whitewashing uns das gegenwärtige Kino vorsetzt.

PD: Das stimmt natürlich, aber gerade „Larence of Arabia“ beweist, dass ein qualitativ guter Film gar nicht erst in die Whitewashing-Diskussion gerät. Ich konnte nirgendwo ein böses Wort darüber finden, dass der Brite Alec Guinness den syrischen Prinzen Faisal spielt, oder Anthony Quinn (ein US-Amerikaner mit mexikanischen Wurzeln) den arabischen Stammesführer Auda ibu Tayi. Das zeigt mir einerseits, wie sehr die gesellschaftliche Sensibilisierung dieser Tage dafür größer geworden ist, aber auch, dass ein schwächerer Film sich sehr wohl dieser Debatte zu stellen hat.

Gerade David Lean wurde für seinen finalen Film, die E.M. Forster-Adaption „A Passage to India“, dafür kritisiert, dass der indische Gelehrte vom Briten Guinness dargeboten wurde.

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