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Jean-Luc Godard beehrt die heimischen Leinwände wieder einmal und ist dabei kryptisch wie eh und je. Auch äußerst erfolgreich.

PD: Ich bin eher ein Anhänger des Francois Truffaut-Lagers, denn mir ist Godard oft zu abgehoben und unzugänglich. Vor allem Filme wie „Notre musique“ hat mich hauptsächlich abgestoßen. „Film socialisme“ habe ich überhaupt nur in der Fast Forward-Version betrachtet, aber mit „Adieu au langage“ bin ich überraschenderweise wieder mit ihm versöhnt.

YP: Jean-Luc Godards Werk ist so umfangreich, dass meine Beschäftigung mit ihm ohnehin auf einer sehr fragmetarischen Ebene stattfindet. Wie der Film „Adieu au langage“. Hier treibt er über fünfzig Jahre Film und Filmgeschichte auf einen künstlerischen Höhepunkt. Das Problem ist nur, dass es so reichhaltig war, dass der Kopf noch immer arbeitet und brummt, aber was für ein Film!

Mir gefällt der Gedanke an die Entwicklung, die er seit den 60ern (bzw. 50ern) gemacht hat. Vom Autorenfilmer zu jemanden, der eine eigene Filmsprache entwickelt hat. Bzw die bestehende Sprache verwerten kann.

PD: Bei all den Filmen die er gedreht hat, ist es natürlich kaum möglich, ein endgültiges Urteil abzugeben. So wie mir „À bout de souffle“ oder seine „Histoire(s) du cinéma“ gefallen haben, so wenig konnte ich mit „Pierrot le fou“ oder „Detéctive“ oder eben „Notre musique“ anfangen.

Was mir an seinem neuesten Film gefiel, war, dass er einerseits sich selbst inhaltlich treu geblieben ist, und den essayistischen Stil weiter voran trieb, dies aber mit einer Beschäftigung zur Filmtechnik verknüpfte. Wie er 3D einsetzte, war einfach atemberaubend.

Ich bin gespannt, wie mir dieser Film am heimischen Fernseher, in 2D gefallen wird. Immerhin funktionieren viele seiner 3D-Experimente mit überlagerten Bilder, deren Witz sich erst dadurch zeigt, dass man auf dem einen Auge Bild A und auf dem anderen Auge Bild B sieht.

David Bordwell hat dazu ja auch einige Gedanken geäußert.

YP: Leider muss ich hier Bordwell vollkommen recht geben, so habe ich 3D noch nie gesehen. Da stumpft jeder Blockbuster ab, hier wird nämlich die technische Errungenschaft erst richtig der Narration untergeordnet (was in Blockbustern auch der Fall ist), allerdings kennen wir hier keine Grenzen. Mich haben einige „Einstellungen“ mehrmals perflex zurückgelassen. Untergeordnet ist vielleicht auch das falsche Wort. Die Narration ist sehr einnehmend, vielleicht passt hier verknüpft besser. Auf jeden Fall verknüpft er die 3D besser in die Narration, zerrt an deren Bedeutungen, nimmt ein.

Witzig finde ich auch, dass zu Bordwell zitierst, weil ich wollte aus seiner Besprechung unbedingt dieses Zitat anbringen:

„Godard’s Adieu au Langage is the best new film I’ve seen this year, and the best 3D film I’ve ever seen.“

PD: So viel lobpreisen wie Bordwell möchte ich dann doch nicht. Es war die witzigste und interessanteste Behandlung eines Films mit 3D und noch dazu mit so offensichtlich einfachen Mitteln, wie ich sie zuvor nicht sehen durfte. Allerdings ist „Adieu au langage“ dann auch wieder, im Guten wie im Schlechten, ein typischer Godard-Essay.

Es bleiben so viele Filmminuten auf Plot-Ebene unzugänglich und undurchdringlich, dass es ein wenig frustriert. Das war etwa ein Grund, weshalb ich „Notre musique“ nicht mochte. Seine Verweise und Zusammenhänge wirken manchmal einfach beliebig und der überraschend platte Kack-Humor hat mich auch nicht überzeugt.

Aber vom klassischen Plot-getriebenem Kino hat sich Godard ja bereits mit „Week End“ verabschiedet.

YP: Warum stört dich das dermaßen? Die Bestäftigung mit dem Film ist eine umfangreichere. Finde den Plot nicht unzugänglich, finde ihn wenig ausgereift und in alle möglichen Richtungen interpretierbar. Keineswegs unzugänglich.

PD: Es sind die Auslassungen, die frustrieren können. Bei „Adieu au langage“ weniger, denn bei anderen seiner späten Filme, aber der Einwurf von Szenen eines anlegenden Schiffes oder seines Hundes, der in einer Wiese sein Geschäft verrichtet, scheinen weder auf einer technischen noch auf einer inhaltlichen Ebene irgendeinen Zweck zu erfüllen.

Vielleicht will Godard das hier ja auch nicht und es geht ihm nur darum, sich selbst zu unterhalten, aber das darf ich dann auch entsprechend uninteressant finden. Ganz im Gegensatz zu unglaublich lustigen Ausflügen ins Literaturhistorische, wenn er Lord Byron und Mary Shelley am Genfer See zeigt und die Feder aufs Papier drückt. Die kratzende Federspitze habe ich jetzt noch im Ohr und konnte mich vor Lachen darüber kaum halten.

YP: Der Film befasst sich mit Sprache in mannigfacher Form. Godard und Sprache, das ist das einzig Unzertrennbare hier. Für mich erfindet er Sprache, wägt Sprache ab, definiert Sprache. Salopp und simpel ausgedrückt. Was mich aber richtig berührt hat, ist, wie herzlich und wehmütig Godard mit dem geschriebenen Wort nach wie vor umgeht (Denken wir an die Einstellungen, in denen er Buch neben Handy inszeniert). Film und Literatur sind in „Adieu“ so inneinander verzweigt, dass sie untrennbar scheinen. Und doch will er mit dienem Film eine neue Beschäftigungsmöglichkeit andeuten.

Gerne würde ich den Film einmall stumm sehen. Und einmal schwarz. Dieser paradoxe Gedanke kam mir nach der ersten Sichtung.

PD: Den Film mal stumm und mal nur mit Ton zu sehen, wäre sicher interessant und wohl das genaue Gegenteil dessen, was Godard damit bezweckte. Allerdings würde es wohl sehr schön auf die verschiedenen Einflüsse hinweisen, die er in seine Arbeit einfließen ließ. Alleine die Referenzlisten, die durch das Internet geistern, gehen ja geradezu über vor Zitaten.

Es ist auch interessant, wie er mit Zwischentiteln und auch Untertiteln umgeht. Es ist immer ein wenig die Irreführung des Zusehers, die er im Sinn zu haben scheint. Das verstärkt sich durch die 3D-Ebene noch mehr, denn der Blick wird gleichzeitig in zwei verschiedene Richtungen gelenkt und dann soll man auch noch den Text und schließlich noch den Ton aufmerksam betrachten.

YP: Wollte er Bilder oder Worte wirken lassen, oder beides? Wie er die Rezeption akzetuiert hat, ist mir herzlich egal. „Adieu au langage“ ist nicht einfach.

PD: Das auf keinen Fall. Man muss schon bereit sein, sich ein wenig anzustrengen. Pure Berieselung gibt es hier nicht.

YP: Nein, wobei wir bei Godards Intentionen sind: Schön, zu sehen, dass sich jemand auch nach einem halben Jahrhundert noch einmal selbst erfinden kann.

PD: Das macht „Adieu au langage“ auch so sehenswert. Hier hat eine lebende Filmlegende sich noch einmal an eine neue Technik gewagt, und diese mit dem ihm eigenen Witz eingesetzt.

Deshalb bin ich schon so gespannt darauf, diesen Film in 2D zu sehen, um herauszufinden, ob die Wirkung auch ohne 3D-Brille so intensiv ist. Ich nehme es einmal an, denn er hat sich ja nicht rein auf Jahrmarktstricks á la „Kampf der Titanen“ eingelassen, sondern tatsächlich mit den Bildebenen experimentiert.

YP: Bei einer 2D-Sichtung hoffe ich mehr auf Vertiefung und Verlagerung auf die Zitat-Ebene.

PD: Es ist ja zudem eine erneute Betrachtung. Man kann sich also auf neue Elemente konzentrieren.

YP: Ein Fan von der spärlich bekleideten jungen Schönheit werde ich aber nie, das kann ich dir versprechen. Godard hin oder her.

PD: Die Nacktszenen sind zum Beispiel etwas, wie auch der Toiletten-Humor, der sich mir auch nicht erschlossen hat. Warum musste das dabei sein?

YP: Wobei die Metapher mit dem Kacken war witzig: „Auf der Toilette sind wir alle gleich“. Und das nackte Mädchen ist nicht allzu sexualisiert zu betrachten, den Beigeschmack des Male Gaze kriegt es aber nicht so schnell weg. Godard hat da ein Faible dafür, mir muss es nicht gefallen.

PD: Der Spruch „Auf der Toilette sind wir alle gleich“ war schon witzig, nur die entsprechenden Geräusche dazu waren unnötig und haben für mich den Witz ruiniert.

YP: Noch intimer als die nackten Personen und die Toilettenszenen waren seine Roxy-Aufnahmen. Das war sehr bewegend, wie er da sein Haustier, seinen Begleiter dargestellt hat.

PD: Neben „Fehér isten“ von Kornél Mundruczó, den ich im vergangenen Herbst am Let’s CEE-Festival gesehen habe, der nächste Film, dessen heimlicher Star der Hund des Regisseurs war.

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