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Als eine der ersten – wenn nicht die erste – Studioregisseurin Hollywoods hat sich Ida Lupino einen Namen gemacht, der im Filmkanon leider zu selten genannt wird. Die Viennale hat ihre Regiearbeiten gezeigt, das zum Anlass genommen, möchten wir daher an dieser Stelle zwei ihrer Filme genauer besprechen.

YP: Leider habe ich nicht mehr als zwei ihrer Regiearbeiten bei der Viennale gesehen, aber ich war sehr angetan davon, dass überhaupt welche gezeigt wurden. Was mich aber schon irritiert hat, wie klein der Rahmen für dieses Lupino-Tribute im Grunde war. Sie war sehr fleißig, auf allen Ebenen.

PD: Mir fiel das Tribute so gut wie gar nicht auf, was ja auch etwa in der Festival-Rückschau im Standard kritisiert wurde. Ein Kritikpunkt, den ich voll und ganz teile. Anstatt derartigen Entdeckungen den nötigen Raum zu geben, gehen sie im Wust der vielen Filme und zusätzlichen Schienen geradezu unter.

Erstaunt war ich dann aber auch vor allem darüber, dass das Filmschaffen von Ida Lupino als Entdeckung zu bezeichnen ist. In der Dokumentation „A Personal Journey with Martin Scorsese Through American Movies“, wird sie als einzige Filmemacherin dezidiert angesprochen. Ihre Arbeiten haben zumindest in den USA einen etwas höheren Stellenwert. Auch wenn sowohl „The Bigamist“ als auch „Outrage“ nicht unbedingt zu den technisch ausgefeiltesten Filmen gehören, beeindrucken sie in ihrer strengen Machart.

YP: „Outrage“ und „The Bigamist“ funktionieren sowohl dramaturgisch als auch auf der Plotebene hervorragend. Ihre größte Stärke liegt aber in der Zeichnung der Figuren, da ist es gar nicht so sehr von Bedeutung, dass die Filme „technisch ausgefeilt“ sind. Wir haben uns auch zwei sehr interessante Filme ausgesucht. „Outrage“ ist quasi eine Coming-of-Age einerseits, andererseits zeigt es die Protagonistin, wie sie mit dem Trauma einer Vergewaltigung umgeht. Und in „The Bigamist“ zeigt sie mit sehr viel Objektivität einen Protagonisten, der ein Doppelleben führt. Auch wenn „Outrage“ sich nicht scheut, auch das Melodrama zuzulassen, so ist „The Bigamist“ sehr nüchtern in der Figurenzeichnung.

Wenn man dann noch in Betracht zieht, wie schwer es im Hollywood der Fünfzigerjahre  für die Regisseurin Lupino überhaupt gewesen sein muss einen Film zu realisieren, dann ist der Respekt schier grenzenlos. Es ist heutzutage – mehr als ein halbes Jahrhundert später – sehr schwer für Regisseurinnen, sich in Hollywood zu behaupten und durchzusetzen. In den Credits von „Not Wanted“ aus 1949 – ihrer ersten Regiearbeit – wurde sie nicht einmal gelistet.

PD: Vor allem die sensible Art und Weise, mit der Lupino diese heiklen Themen in Szene setzt, haben mich beeindruckt. Gerade bei der Vergewaltigungsszene in „Outrage“ hatte ich nie das Gefühl, dass hier nach Effekten geheischt wird, sondern es kam sehr deutlich die Angst der Frau durch, wie sie durch die dunklen Gassen Schutz suchend flüchtet. Weniger beeindruckt war ich dann aber von den Nachwirkungen. Tod Andrews war als Reverend Ferguson, der sich der vor ihrer Umgebung flüchtenden Ann (Mala Powers) annimmt, zwar sympathisch, aber seine Dialoge klangen teilweise recht ungeschliffen.

Da fand ich „The Bigamist“ deutlich stärker. Vor allem da eine moralische Wertung der Lebenssituation unseres „Helden“ gar nicht vorgenommen wird. Edmond O’Brien spielt ihn auch entsprechend zurückgenommen, fast schon ein wenig vor der Welt buckelnd. Während Joan Fontaine und Ida Lupino als seine beiden Ehefrauen den Raum bekommen, um nicht rein als „Ehe-Anhängsel“ zu dienen.

Dass sie diese Werke auch noch selbst finanzierte und mit ihrer eigenen Produktionsfirma „The Filmakers“ auf die Leinwand brachte, zeigt, wie weit außerhalb des Studio-Systems sie sich bewegen musste, um überhaupt ihre Geschichten erzählen zu können.

YP: Vor allem in „The Bigamist“ war der moralischen Zwiespalt beim Protagonisten, der eher als Antiheld zu bezeichnen ist, zwar immer sichtbar und spürbar, die Kamera ließ sich jedoch in keinem Augenblick zu einem verurteilenden Blick hinreißen. Da wurde so sehr die Sicht dieses Mannes gezeigt, dass wir als Publikum einfach nur beobachten konnten. Diese Zurückhaltung in der Darstellung – obwohl sie nie unbeteiligt wirkt – hat mir sehr gut gefallen. Der Mann, der eigentlich ein Lügner und Betrüger ist, verliert nie seine Würde.

Die zweite Hälfte von „Outrage“, die für die Protagonistin Ann auch zu einer Art von Roadtrip wird, ist höchstens dafür anzukreiden, dass immer eine gewisse Sentimentalität mitschwingt, bzw. dieses oben erwähnte Melodrama. Dies spreche ich aber der Jugend ihres Charakters zu. Schön inszeniert fand ich wieder, wie vorsichtig sich Lupino an das Thema der Bewältigung ihres Traumas macht.

PD: Eine wohl unbeabsichtigte, aber dennoch auffällige Parallele war der Einsatz des Gerichtssaals für das Finale. Wobei ich auch wieder bei „Outrage“ gröbere Schwächen in der Ausführung sehe. Die Dialoge klingen ein wenig sentimental, auch wenn die dahinter liegende Botschaft, des Einflusses der Umgebung auf die Taten und Psyche eines Menschen – sowohl auf den Täter als auch auf das Opfer – hoch interessant war.

In „The Bigamist“ schien mir die Spannung und Atmosphäre dichter ausgearbeitet zu sein. Die Szene fühlt sich nicht wie eine Predigt an, wie in „Outrage“. Stattdessen versinkt man in diesem Finale und wartet gespannt auf den Ausgang dieses Dilemmas.

Dass Ida Lupino nach „The Bigamist“ gut 13 Jahre warten musste, um erneut bei einem Kinofilm Regie führen zu können, zeigt auch, wie schwer es in diesem Klima für sie war, ihre Ideen umzusetzen.

YP: Sie war über die Maßen fleißig. Betrachtet man die langen Listen auf imdb.com, was sie alles gemacht hat, kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Vielen ist sie ohnehin mehr als Schauspielerin, denn als Regisseurin bekannt. Sie hat dem Kino dann aber auch den Rücken gekehrt und hat fast ausschließlich nur noch für das Fernsehen gearbeitet. „The Trouble with Angels“ ist ihr letzter Kinofilm (als Regisseurin). Aber auch als Schauspielerin hat sie dann das Medium gewechselt.

PD: Dass sie sich von Hollywood abwandte, ist wohl auch mit ein Grund, weshalb ihre Regie-Arbeiten heute in gut versteckten Tributes erst wieder entdeckt werden müssen. Es lohnt sich jedoch, diesen Filmen nachzuforschen.

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